Gespaltene Bevölkerung_ Die zwei Gesichter Kataloniens
Gespaltene Bevölkerung_ Die zwei Gesichter Kataloniens
Datum: 05.10.2017 - 09:30 Uhr
In Katalonien rumort es. Spanien droht zu zerfallen. Eine Eskalation ist nicht auszuschließen. Droht ein neues 1936? Die Medien berichten über die Menschenmassen mit katalanischen Fahnen und über Polizeigewalt. Doch die Lage ist verworren und kompliziert.
Tatsache ist, dass Katalonien bereits ein außerordentliches Maß an Autonomie besitzt. Neben Navarra, dem Baskenland und Galicien ist Katalonien eine sogenannte »Autonome Gemeinschaft« innerhalb des spanischen Staates. Sowohl in der Verwaltung als auch in der Gesetzgebung genießt die Region enorme Unabhängigkeit von Madrid. Es gibt sogar ein katalanisches Parlament. Man versteht sich als quasi eigene Nation. Für europäische Verhältnisse ist diese Situation fast einzigartig. Im Jahre 2006 wurden diese Autonomierechte sogar noch erweitert. Von Bevormundung aus Madrid kann keine Rede sein.
An den Schulen wird auf Katalanisch unterrichtet. Spanisch wird wie eine Fremdsprache behandelt. Viele Eltern beschweren sich, weil der Spanischunterricht geringer ausfällt als der Englischunterricht. Der Geschichtsunterricht an katalanischen Schulen hebt die Bedeutung Kataloniens hervor, als sei die Region in ihrer Geschichte die meiste Zeit eine quasi unabhängige Region gewesen. Doch das war sie nie. Katalonien gehört seit mehr als 800 Jahren zu Spanien.
Die Bevölkerung ist gespalten. Nach einer Umfrage aus dem Jahre 2008 waren 35 Prozent für die Unabhängigkeit Kataloniens. Doch 45 Prozent waren für den Verbleib bei Spanien. Dann gab es immer wieder Volksabstimmungen, bei denen die überwiegende Mehrheit der Teilnehmer für die Unabhängigkeit stimmte. Problematisch war, dass bei diesen Abstimmungen stets weniger als die Hälfte der Stimmberechtigten teilnahmen.
Tatsache ist, dass es in Barcelona eine große Lobby gibt, die seit vielen Jahren Kampagnen zur Stimmungsmache gegen Madrid finanziert. Immer wieder sind katalanische Politiker in massive Korruptionsfälle verwickelt. Bei der Unabhängigkeit geht es auch um Geld, und zwar um sehr viel Geld.
Viele Katalanen, die sich für den Verbleib bei Spanien aussprechen, fühlen sich unter Druck gesetzt. In der Schule oder am Arbeitsplatz trauen sich viele nicht den Mund aufzumachen und frei gegen die Unabhängigkeit zu argumentieren. Der gesellschaftliche Konformitätsdruck ist groß – wie bei einer Massenhysterie. Die feindliche Stimmung gegen Spanien und Madrid ist Teil des alltäglichen Umgangstons geworden. Wer nicht mitmacht, droht sich zu isolieren. Die katalanischen Medien haben an diesem Konformitätsdruck großen Anteil. Seit Jahrzehnten machen sie Stimmung gegen Madrid.
Derweil hat die katalanische Regierung angekündigt, dass Katalonien offiziell bald seine Unabhängigkeit erklären werde. Der spanische König hat versucht zu vermitteln. Er nannte das Vorgehen der katalanischen Regionalregierung unverantwortlich. Er hat ihr vorgeworfen, die Einheit Spaniens spalten zu wollen. Auch die Bürgermeisterin von Barcelona, Ada Colau, hat sich inzwischen gegen die Unabhängigkeit Kataloniens ausgesprochen. Sie hat beide Seiten zum Dialog aufgefordert.
Bei den großen Massendemonstrationen der letzten Tage war es bei Polizeieinsätzen zu zahlreichen Verletzten gekommen. Kritisiert wurde das harte Vorgehen der Polizei. Viele Augenzeugen berichten aber auch, dass die spanische Polizei extrem provoziert worden sei. Vermutlich gibt es für alle Szenen Beispiele, die beide Richtungen bestätigen, so dass gegenseitige Vorwürfe zu erwarten sind – wie unlängst beim G20-Gipfel in Hamburg.
Wie auch immer man die Situation beurteilen will, sie ist komplizierter als es in den Mainstream-Medien dargestellt wird. Eines sind die Katalanen gewisse nicht: eine arme unterdrückte Bevölkerung. Im Gegenteil: Katalonien ist reich und autonom. Vielen Spaniern anderer Regionen geht es schlechter.
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