Gefährliche Eskalation_ Westen mobilisiert verbal gegen Russland
Gefährliche Eskalation_ Westen mobilisiert verbal gegen Russland
Datum: 16.03.2018 - 09:17 Uhr
Die Krise ist akut und brisant. Der 66-jährige ehemalige Doppelagent Sergej Skripal und seine 33-jährige Tochter waren am Anfang März in der Nähe von London bewusstlos auf einer Parkbank liegend gefunden worden. Beide wurden mit lebensgefährlichen Vergiftungserscheinungen in ein Hospital gebracht.
Die britische Regierung behauptet zu wissen, dass bei dem Mordanschlag ein Gift zum Einsatz kam, das während des Kalten Krieges in der UdSSR entwickelt und verwendet wurde. Daher hat London von Moskau eine Erklärung verlangt und ein Ultimatum gestellt.
Nun hat Russland die Frist verstreichen lassen. Sergej Lawrow hatte daraufhin erklärt, dass Russland zur Mithilfe bei der Aufklärung bereit sei, aber gleichzeitig eine Schuld Russlands von sich gewiesen. Auch Wladimir Putin erklärte, dass die Reaktion Großbritanniens ein Schnellschuss sei. Man solle der Sache erst einmal auf den Grund gehen, bevor man einer Regierung ein Ultimatum stelle. Inzwischen hat die britische Regierung 23 russische Diplomaten aufgefordert, Großbritannien zu verlassen.
Der Fall ist ein Kriminalfall. Er hat eine politische Dimension. Doch was Großbritannien daraus gemacht hat, ist eine internationale diplomatische Krise. Durch die offene Konfrontation Russlands sind völlig unnötig neue internationale Spannungen entstanden. Und das in einer Zeit, die ohnehin von Spannungen geprägt ist. Ist es das wert?
Ist es wirklich zielführend, wenn der britische Verteidigungsminister Gavin Williamson sagt, Russland »solle weggehen und die Klappe halten«?
Damit nicht genug: Nun werden die Krim-Krise wieder thematisiert und die Giftgasvorwürfe gegen Assad erneuert, um mehr Öl ins politische Feuer zu gießen.
Was soll das Gerede um »die westliche Allianz gegen Russland«?
Nun wird berichtet, dass Großbritannien eine große Koalition um sich geschart hat: NATO, USA, Frankreich und Deutschland. Gemeinsam wollen sie den Druck auf Russland erhöhen. Es heißt, Russland habe das Völkerrecht gebrochen und die Souveränität Großbritanniens verletzt.
Dies wird viele Fragen auf: Ist es ein Einzelfall, dass Agenten auf mysteriöse Weise ums Leben kommen? Ist dieser tragische Vorfall Grund genug, eine große diplomatische West-Ost-Krise heraufzubeschwören? Haben die britischen und amerikanischen Geheimdienste weiße Westen? Die Antworten dürften wohl klar sein.
Die gleichen Fragen hätte man sich auch bei jenem Vorwurf stellen können, der aus den USA immer wieder gegen Russland kam, nämlich dass Moskau sich in die US-Wahlen eingemischt hätte. Falls es so gewesen wäre: Haben die USA oder deren NGOs sich nie in die Wahlen anderer Länder eingemischt? Dennoch wird das Thema wieder aufgewärmt. Die USA haben ausgerechnet jetzt deswegen wieder ihre Sanktionen gegen Russland aktualisiert. Russland reagierte entsprechend verärgert.
Das Problem lässt sich mit einem historischen Vergleich erläutern: 1914 wurde in Sarajevo mit dem Attentat auf den österreichischen Thronfolger und dessen Gemahlin eine diplomatische Krise ausgelöst, die zum Ersten Weltkrieg führte. Heute ist sich die ganze Welt einig: Das war es nicht wert gewesen.
Daher ist es verständlich, dass sich viele Bürger besorgt äußern, wenn nun mit allen Säbeln gerasselt wird und die Medien die Trommeln zum Aufmarsch wirbeln. Manche sprechen sogar vom »Kalten Krieg zwischen London und Moskau«.
Die Situation ist klar: Der Anschlag auf den ehemaligen Doppelagenten Sergej Skripal wird als Anlass missbraucht, um alle anderen Themen damit zu verknüpfen und die Schlinge um Russland zuzuziehen. Das wäre nur dann berechtigt, wenn sichergestellt wäre, dass aus dieser Krise nichts Schlimmeres entstehen könnte. Doch das ist es nicht. Der ehemalige WDR-Intendant Jörg Pleitgen warnt: »So gefährlich wie jetzt war es noch nie« – nicht mal im Kalten Krieg.
Gegenüber der Deutschen Presse-Agentur sagte er (laut Focus-Online): »Nur wer beschränkt ist, sieht die Schuld allein bei den Russen.« Die allgemeine Kriegsgefahr hält er für hoch: »Ich kann die ganze Strecke seit dem Zweiten Weltkrieg übersehen. So unübersichtlich und gefährlich wie jetzt war es noch nie.«
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