Fortschritt in China, Rückschritt in Europa

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Fortschritt in China, Rückschritt in Europa
Datum: 27.09.2019 - 09:30 Uhr

Europa de-industrialisiert sich selbst. Zwei aktuelle Nachrichten der letzten Tage verdeutlichen dies geradezu mit Symbolkraft. In Europa demonstrierten in vielen Städten Hunderttausende von Anhängern der Fridays-for-Future-Bewegung gegen die Automobilindustrie. In Peking wurde dagegen der weltgrößte Flughafen eingeweiht, nicht ohne Seitenhieb und Häme für das Flughafendesaster am Berliner BER.



In China herrscht der Glaube an den Fortschritt. Man will mit aller Kraft zur Weltmacht aufsteigen, wirtschaftlich und technologisch den Gipfel erklimmen. In Europa hat man den Glauben an den Fortschritt verloren. Die Jugend schimpft und verflucht die Industrie. Sie hat völlig das Bewusstsein dafür verloren, dass unser Wohlstand auf dieser Industrie aufbaut.


China führt uns vor: Jeder neue Wolkenkratzer, jede neue Riesenbrücke, jeder neue Mega-Airport, jeder neue Weltraumstart – sie alle führen uns unübersehbar vor Augen, wo der Puls unserer Zeit schlägt.


China hat sich in hundert Jahren um 180 Grad gedreht


Werfen wir einen Blick ins 19. Jahrhundert. China war von den Kaisern der Qing-Dynastie aus der Mandschurei beherrscht. Die Kaiserfamilie lebte in der verbotenen Stadt in Peking, abgeschirmt vom Rest der Welt. China hatte eine maximale Ausdehnung erreicht. Von der Mongolei und Mandschurei im Norden bis Tibet im Südwesten und Hainan im Südosten reichte das Herrschaftsgebiet. Für die Chinesen war es das »Reich der Mitte«, der Nabel der Welt. Veränderungen gab es keine mehr. Man lebte in der Vorstellung, die vollständige Harmonie unter dem Himmel erreicht zu haben. Chinas Kaiser war gleichsam Weltherrscher.


In Europa dagegen rangen die jungen Industriestaaten und Kolonialmächte um Weltbedeutung. Sie standen in unerbittlicher und ständiger Konkurrenz, im permanenten Wettbewerb zueinander. Der Fortschritt war unaufhaltsam. Eine Erfindung folgte auf die nächste. Der Welthandel mit seinem Seeverkehr war in europäischer Hand.


China musst nach und nach Handelsrechte und Konzessionen für Küstenstädte an die Europäer abgeben. Das Kaiserreich versuchte sich zu wehren, doch bewegte sich wie ein müder Panda. Die Europäer, Amerikaner und Japaner konnten es sich leisten – wie beispielsweise bei der Niederschlagung des Boxer-Aufstandes im Sommer 1900 – ein Expeditionsheer nach Peking zu schicken. Die Zerstörung des Sommerpalastes bei Peking war das Symbol der Schmach Chinas. Für die Zeit von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Zweiten Weltkrieg spricht man in China vom Jahrhundert der Schande und der Demütigungen.


Doch an dieser Entwicklung trug nicht nur die Aggressivität des Westens Schuld. China selbst war phlegmatisch geworden. Jahrhundertelang hatte es keinen herausfordernden Rivalen gehabt. China genügte sich selbst und verschloss sich dem Fortschritt. Bis das große Erwachen kam.


China wird wieder Weltmacht – ob der Westen das will oder nicht


Die Chinesen haben aus dieser Epoche der Schmach und Schande gelernt. Nie wieder wollen sie sich anderen Staaten unterwerfen und ausgebeutet werden. Seit Mao Zedong strebt das Reich der Mitte wieder an sie Spitze der Staaten. Durch die wirtschaftliche Öffnung unter Deng Xiaoping kam dann der Aufschwung, der bis heute anhält. Zunächst als billiges Produktionsland für die Firmen in Hongkong, wurde eine Stadt nach der nach der anderen zur Sonderzone erklärt. Heute ist das gesamte Riesenreich wirtschaftlich geöffnet.


China hat sich feste Ziele gesetzt. Man will bis zur Mitte des 21. Jahrhunderts die führende Weltwirtschaftsmacht, die führende Handelsmacht, die führende Militärmacht und die führende Technologiemacht werden. Dabei geht es rigoros vor und scheut selbst vor riesigen Mega-Projekten nicht zurück, wie der Bau des Drei-Schluchten-Staudamms gezeigt hat. Fortschritt ist zum wichtigsten Ziel, zum chinesischen Traum geworden, wie Xi Jinping es formuliert hatte.


Europa demontiert sich selbst


Im 19. Jahrhundert war China ein schlafender Koloss, so wie das Osmanische Reich der »kranke Mann vom Bosporus« war. Heute, im 21. Jahrhundert, kann man Europa als kränkelndes, alterndes und schlafendes Gebilde bezeichnen. Europa spinnt sich mit der EU selbst ein Netz aus Bürokratie und Hindernissen, aus dem es nicht mehr aus eigener Kraft herauszukommen scheint. Das Wirtschaftswachstum in Europa ist niedrig. Die Innovationskraft findet ihre Grenzen. Zivilisationsmüdigkeit macht sich breit.


Stattdessen gewinnen Prediger des Rückschritts, der »De-Industrialisierung«, das Gehör, wie sich bei den Massendemonstrationen der »Fridays-for-Future-Bewegung« zeigt. Europa zerstört sich im Ideologiewahn selbst. Der Fortschrittsglaube ist längst verloren gegangen.


An den Fortschritt glaubt man aber in China. Er ist dort allgegenwärtig. Von Generation zu Generation verbessert sich der Lebensstandard. Während Deutschland seiner eigenen technologischen Ideen müde geworden ist, setzt China um, was man in Deutschland einst vorgedacht hat: Die Magnetschwebebahn verbindet heute nicht den Münchener Flughafen mit der Münchener Innenstadt, sondern den Airport von Shanghai mit der City von Shanghai. Die linksideologische Politik Deutschlands verweigert sich dem Fortschritt, der von China mit beiden Armen ergriffen wird.


Europa läuft Gefahr so zu enden wie der Rust Belt in den USA. Unsere Innenstädte werden dann so aussehen wie Flint/Michigan oder Detroit. Unsere Kinder und Enkel werden den Wohlstand ihrer Eltern- und Großelterngeneration vermissen und eines Tages fragen, wer am Niedergang Europas Schuld trage. Was wird man ihnen antworten?



Sven von Storch

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