Europa im Toleranz-Dilemma
Europa im Toleranz-Dilemma
Datum: 09.01.2015 - 12:19 Uhr
Keine Frage: Wir stecken in einem Toleranz-Dilemma. Europas Werte sind voller Paradoxien, scheinbar unauflösbarer Widersprüche. Das ist eigentlich normal. Jede Kultur lebt vom Diskurs der Gegensätze. Das hält sie lebendig. Doch manchmal gerät die Gesellschaft an einen Punkt, an dem die Widersprüche und Inkonsequenzen zur Zerreisprobe werden. So auch jetzt.
Die Stimmung ist ohnehin aufgeheizt. Aus Syrien und dem Irak kommen immer neue Schreckensmeldungen über radikale Sunniten, die Andersgläubigen die Köpfe abschneiden. Wir hören vom religiösen Genozid an den Christen und Jesiden im Nahen Osten. Soviel zur religiösen Toleranz anderswo.
Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 werden Zeitungsleser und Fernsehzuschauer permanent mit einem Dauerfeuer aus Kriegs- und Terrormeldungen konfrontiert, bei dem man zum Schluss kaum noch auseinander halten kann, in welchem Verhältnis die Berichterstattung zu den Ereignissen steht und inwieweit ein Feindbild Islam suggeriert wird.
Und nun ist ausgerechnet in Frankreich, wo einerseits mehr als fünf Millionen Muslime leben und andererseits fast 25 Prozent der Wähler bei der EU-Parlamentswahl den Front National gewählt haben, dieses schreckliche Attentat erfolgt. Mutmaßlich haben zwei radikale Muslime mit Kalaschnikows bewaffnet das Redaktionsbüro der Satire-Zeitschrift Charlie Hebdo gestürmt und zwölf Menschen niedergeschossen.
Das Satire-Magazin war immer wieder durch seine islamkritischen Karikaturen aufgefallen. Dazu gehörten Karikaturen vom Propheten Mohammed. Doch Charlie Hebdo hatte sich nicht auf Religionskritik beschränkt. Mit scharfer Feder wurden Politiker und Prominente aller Couleur durch den Kakao gezogen.
Das Attentat wird als Anschlag auf die Pressefreiheit gewertet. Die Pressefreiheit gehört zusammen mit der Meinungsfreiheit und Religionsfreiheit zu den zentralen Werten unserer demokratischen Gesellschaft.
Diese Freiheiten und Rechte wurden in Europa hart umkämpft. Sie waren uns nicht geschenkt worden. Sie ermöglichen die Vielfalt der freien, individuellen Lebensgestaltung. Nutznießer dieser Werte sind wir alle. Diese Werte erlauben es, dass Menschen unterschiedlicher Moralvorstellungen, Religion, Ideologie und persönlicher Meinung in gegenseitigem Respekt miteinander leben können.
Doch wo liegen die Grenzen der gegenseitigen Toleranz, wenn bestimmte Gesellschaftsvorstellungen die zentralen freiheitlichen Werte in Frage stellen? Durch die Meinungsfreiheit wird auch diese Infragestellung gedeckt. Hier liegt das Paradoxie-Problem der offenen Gesellschaft: Muss der tolerante Mensch intolerant gegenüber Intoleranz sein, um die Toleranz zu verteidigen?
Beispiel: Toleranz-Dilemma der Pressefreiheit
Ein eklatantes Beispiel ist die Freiheit der Presse. Was tun, wenn im Schutze der Meinungs- und Pressefreiheit Ansichten verbreitet werden, die eben diese Freiheit hinterfragen, einschränken oder gar abschaffen wollen?
Wir in Europa haben uns zu einer offenen Gesellschaft entwickelt, in der andere Religionen und Kulturen in unserer Mitte gedeihen können, ohne bedrängt oder eingeschränkt zu werden. Minderheiten werden geschützt. Doch wenn diese Religion oder Kultur selbst Einschränkungen der Freiheiten fordert, die den Werten unserer Gesellschaft widersprechen, stehen wir im beschriebenen Toleranz-Dilemma. Am konkreten Beispiel des Islam lässt sich feststellen, dass es in dieser Religion Ansichten gibt, die sich nur schwer in die freiheitliche Werteordnung integrieren lassen. Es gibt dort viele Tabus, die bei uns nicht tabu sind. Dazu gehört auch die Freiheit, Religion, religiöse Werte und religiöse Autoritäten zu hinterfragen, beispielsweise durch eine kritische Presse.
Aus dem muslimischen Kulturkreis ist man eine solche Freiheit offensichtlich nicht gewohnt. Wie sieht es denn aus mit der Pressefreiheit in mittelöstlichen Ländern wie Pakistan, Afghanistan oder im Iran? Oder in den arabischsprachigen Ländern wie Saudi-Arabien, Irak, Syrien, Ägypten, Algerien, Marokko? Gibt es überhaupt ein islamisches Land mit Pressefreiheit?
Interessant ist diesbezüglich die Reaktion in der arabischsprachigen Welt auf die Anschläge von Paris. Wie die FAZ berichtete, haben beispielsweise der ägyptische Präsident al-Sisi, der ägyptische Journalistenverband und die Vertreter der Kairoer Al-Azhar-Universität die Anschläge scharf verurteilt und betont, dass der Islam eine friedfertige Religion sei. Doch was man vergeblich sucht, ist ein Bekenntnis zur Presse- und Meinungsfreiheit. In der Tat gibt es kein arabischsprachiges Land mit Presse- und Meinungsfreiheit. Unter den nichtarabischen Ländern der islamischen Welt ist die Türkei bezüglich der Pressefreiheit noch die freieste Gesellschaft. Ansonsten werden in den meisten islamischen Staaten selbst Internet-Blogger verfolgt, wenn sie die Regierung, die herrschende Klasse oder gar die religiösen Normen in Wort und Bild kritisieren.
Beispiel: Toleranz-Dilemma der Emanzipation und Aufklärung
Die Toleranz der freien Gesellschaft wird tagtäglich auf die Probe gestellt und mit Widersprüchen konfrontiert. Das fängt beim Aufklärungsunterricht in der Schule an und hört bei der Emanzipation der Frau nicht auf.
Beispiel Aufklärungsunterricht: „Sexualität der Vielfalt“ wird als Modell der Aufklärung in der Schule praktiziert, angeblich um die Unterschiedlichkeit des menschlichen Zusammenlebens zu illustrieren und dadurch Toleranz gegenüber Menschen zu fördern, die außerhalb des klassischen Familienbildes ihr Leben gestallten.
Doch wie tolerant ist es gegenüber der muslimischen Schülerin mit Kopftuch, sie zur Teilnahme am Sexualkundeunterricht zu zwingen, obwohl sie es nicht will, weil ihre persönliche, religiöse und kulturelle Schamgrenze überschritten wird? Was tun, wenn die Eltern muslimischer Kinder sich gegen diese Art der Aufklärung wehren, weil es gegen ihren Sittenkodex und ihre Religion verstößt? Gilt hier primär die sexuelle Toleranz oder die religiöse Toleranz?
Anderes Beispiel: die Emanzipation der Frau. Kritik am Feminismus wird bei uns gesellschaftlich tabuisiert. Doch wie steht es mit der Kritik des Islams am Feminismus? Was tun, wenn der arabische Rapper auf dem Schulhof in Berlin-Neukölln sich nicht an die Ethik einer Alice Schwarzer hält? Wessen Toleranz hat Vorfahrt? Und überhaupt: Gibt es eine muslimische Gesellschaft, in der die Frauen die gleichen Freiheiten haben wie in Europa?
Was tun, wenn bei uns eine Gesellschaftsmoral abgelehnt wird, die die Freiheiten der Frauen anders definiert? Was tun, wenn unsere Freiheitsmoral die Schamgrenzen anderer Kulturvorstellungen berührt? Ist die Intoleranz des Einen tolerierbarerer als die Intoleranz des Anderen? Und wie kann Multikulturalität gelebt werden, wenn bestimmte Religionen und Kulturen eben diese Vielfalt ablehnen?
Solidarität mit Charlie Hebdo: Je suis Charlie!
Zurück zur Meinungs- und Pressefreiheit. Ohne diese Freiheiten ist die Demokratie eine leere Floskel. Deshalb müssen diese Werte verteidigt werden. Die Presse hat europaweit in diesen Tagen ihre Solidarität mit Charlie Hebdo verkündet. Dieses Bekenntnis muss die Erlaubnis zur Freiheit implizieren, die Unfreiheit anderswo anzuprangern, ohne dabei um Leib und Leben fürchten zu müssen.
Völlig frei ist die Medienwelt auch in Deutschland nicht. Wer eine andere Meinung als jene der Leitmedien vertritt, muss gegebenenfalls mit üblen Hetzkampagnen rechnen, die wiederum unter dem Stichwort der Meinungsfreiheit gedeckt werden. Freiheit ist immer eine Gradwanderung zwischen der Freiheit des Einen und der Freiheit des Anderen.
Hoffnung: Der innerislamische Diskurs in Europa
Es gibt sie ja: die moderaten, weltoffenen, demokratisch orientierten Muslime in Europa, die hinter den westlichen Werten stehen. Wichtig ist jedoch, dass sie gehört werden und sich selbst deutlich gegen die radikalen Fundamentalisten abgrenzen. Der Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) hat beispielsweise am Mittwoch in Köln folgende offizielle Pressemitteilung kundgetan:
»Wir verurteilen diesen abscheulichen Terroranschlag aufs Schärfste. Wir sind erschüttert und schockiert über das Massaker, das an Zeitungsredakteuren und anderen Personen verübt wurde und trauern mit den Hinterbliebenen.«
Und weiter heißt es: »Es gibt in keiner Religion und keiner Weltanschauung auch nur einen Bruchteil einer Rechtfertigung für solche Taten. Dies ist ein feindlicher und menschenverachtender Akt gegen unsere freie Gesellschaft. Durch diese Tat wurde nicht unser Prophet gerächt, sondern unser Glaube wurde verraten und unsere muslimischen Prinzipien in den Dreck gezogen.«
Außerdem: »Es ist zu befürchten, dass der Anschlag neues Wasser auf die Mühlen von Extremisten jeglicher Couleur sein wird. Wir rufen alle dazu auf, dem perfiden Plan der Extremisten nicht auf den Leim zu gehen, die die Gesellschaft spalten, Hass und Zwietracht zwischen den Religionen schüren und die überwältigende Mehrheit der Gläubigen zu Paria der Gesellschaft machen zu wollen. Die Attentäter von Paris müssen schnell gefasst und vor Gericht gestellt werden.«
Und der Vorsitzende des französischen Islamrates CFCM, Dalil Boubakeur, nennt das Attentat »einen Schlag gegen alle Muslime in Frankreich«. Er wolle nicht, dass die Mehrheit der Muslime von diesen Wahnsinnigen, die den Islam für sich beanspruchen, in Geiselhaft genommen werden.
Heute wird an den Freitagsgebeten den Opfern des Anschlages gedacht
Die Spaltung der Muslime zeigt sich deutlich an der Vielfalt der Reaktionen auf den Anschlag. Einerseits gibt es Muslime, die sich der Trauer über die Opfer anschließen. In Frankreich und Deutschland wollen zahlreiche muslimische Gemeinden an ihren Freitagsgebeten den Opfern des Anschlags gedenken und anschließend auf Kundgebungen ihre Solidarität demonstrieren.
Andererseits gibt es die radikalen Muslime, die im Internet offen ihre Sympathie für die Attentäter ausdrücken und den Anschlag begrüßen. Spiegel-Online berichtet beispielsweise davon, wie einige die Attentäter als Helden feiern. Viele sehen in dem Anschlag auf Charlie Hebdo erst den Anfang.
Damit die moderaten und friedlichen Muslime mit den religiösen Fanatikern und Terroristen nicht in eine gemeinsame Denkschublade gesteckt werden, müssen sie sich deutlich abgrenzen. Der Nachrichtensender n-tv hat in einer Presseschau die Reaktionen auf den Anschlag unter die Lupe genommen und festgestellt, dass immer mehr Stimmen eine Distanzierung der Muslime von den radikalen Fundamentalisten fordern. So heißt es zusammenfassend: »Die Presse ist sich einig: Jetzt sind auch die in Europa lebenden Muslime gefragt.«
Gemeinsam an der Problemlösung arbeiten
Man kann das Problem folgendermaßen auf den Punkt bringen: Wir brauchen in Deutschland und Europa einen offenen Diskurs über zentrale Werte und über das Problem des Toleranz-Dilemmas, das sich ebenso bei der Pressefreiheit wie bei der Religionsfreiheit zeigt. Dieser Diskurs sollte zusammen mit den Muslimen geführt werden, um einen gemeinsame Lösung zu finden. Gleichzeitig müssen sich die Muslime in Europa jedoch noch deutlicher und wahrnehmbarer von den radikal-fundamentalistischen Vertretern abgrenzen.
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