Es ist ein Kalter Krieg_ Saudi-Arabien gegen den Iran

Veröffentlicht:

Es ist ein Kalter Krieg_ Saudi-Arabien gegen den Iran
Datum: 17.07.2015 - 10:29 Uhr

Machen wir uns nichts vor: Beide Staaten, sowohl Saudi-Arabien als auch der Iran, sind das Gegenteil dessen, was wir unter Demokratie verstehen. Beide Regime haben ihr Land fest im Griff. Politische Opposition ist nicht erwünscht. Die an der Scharia angelehnten Gesetze sind streng, die Strafen hart. Die Todesstrafe wird konsequent umgesetzt. Beide Länder unterscheiden sich in der Auslegung der Gesetze kaum vom sogenannten „Islamischen Staat“ (IS). In Saudi-Arabien steht die Todesstrafe auf Blasphemie, Homosexualität und Abkehr vom Islam. Es gibt Enthauptungen und Amputationen von Gliedmaßen. Derzeit sucht Saudi-Arabien neue Henker. Auch im Iran werden Homosexuelle erhängt. Unerlaubter Geschlechtsverkehr wird mit Steinigungen bestraft. Egal, ob IS, Saudi-Arabien oder der Iran, ob Salafisten, Wahhabiten oder Schiiten, das dortige Recht erinnert uns Westler an die europäischen Verhältnisse des Mittelalters.

Dennoch gibt es eine klare Präferenz des Westens: Saudi-Arabien gilt als wichtiger Handels- und Bündnispartner. Der Iran dagegen wurde lange Zeit wie ein Pariastaat behandelt. Doch durch das neue Atomabkommen, das diese Woche zwischen den Außenministern aus den USA, Russland, Großbritannien, Frankreich, Deutschland und der EU mit dem Iran abgeschlossen wurde, kehrt das Land wieder zurück in die Mitte der internationalen Gemeinschaft.

Die Reaktionen aus Israel waren wie zu erwarten: Dort ist man entsetzt. Benjamin Netanjahu sprach von einem historischen Fehler. Doch noch ein anderes Land reagierte schockiert: Saudi-Arabien. Wenn es um die Eindämmung des iranischen Einflusses geht, ziehen Israel und Saudi-Arabien an einem Strang. Wie kommt es dazu?

Der Kalte Krieg des Nahen Ostens

Saudi-Arabien und der Iran sind in mehrfacher Hinsicht Konkurrenten um die Hegemonie am Golf und in der gesamten Region des Nahen und Mittleren Ostens. Dabei stehen sich beide Länder sowohl geostrategisch als auch ideologisch und religiös gegenüber.

Saudi-Arabien hat die größten Ölvorkommen der Erde, der Iran die viertgrößten Ölvorkommen und die zweitgrößten der Region. Zwar sind beide Länder Mitglied der OPEC, der Organisation erdölexportierender Länder. Doch dort kooperieren sie nicht, sondern versuchen, den Einfluss des jeweils anderen einzudämmen, um sich selbst möglichst umfangreiche Marktanteile im Erdölgeschäft zu sichern. Saudi-Arabien und der Iran sind direkte Konkurrenten.

Aufhebung der Sanktionen bedeutet Rückkehr des Iran an den Ölmarkt

Bisher war die Teilhabe des Iran am Ölmarkt durch die internationalen Sanktionen beschränkt. Durch das neue Atomabkommen werden diese Sanktionen fallen. Das bedeutet die vollständige Rückkehr des Iran in den heiß umkämpften Ölmarkt. Saudi-Arabien muss somit um Marktanteile fürchten.

Wie hart Saudi-Arabien und seinen kleinen Verbündeten am Golf (Vereinigte Arabische Emirate, Bahrain, Kuwait, Katar) bereit sind, um Marktanteile zu kämpfen, haben sie im vergangenen Jahr bewiesen, als sie durch die Produktionssteigerung den Ölpreis fallen ließen. Damit zogen gleich drei globale Mitkonkurrenten den Kürzeren: Russland, die USA mit ihrer Fracking-Initiative und der Iran. Nun wird befürchtet, dass dieser Preiskampf von neuem beginnen könnte. Das ist gut für die Verbraucher in Europa, aber schlecht für die Erdölförderländer der Welt. Denn die wenigsten von ihnen können mit dem günstigen Erdöl vom Golf konkurrieren.

Der ideologische Konflikt

Man muss zwischen religiösem und ideologischem Konflikt unterscheiden. Beides spielt eine große Rolle beim Machtkampf zwischen Saudi-Arabien und dem Iran. Ideologisch ist der Unterschied seit dem Sturz des Schahs während der islamischen Revolution im Iran aufgekommen. Die persische Monarchie war gestürzt. Eine islamische Republik wurde ausgerufen. Ihr Kennzeichen war die klerikale Kontrolle eines semi-demokratischen Regierungsapparates.

Diese Revolution war in den Nachbarländern von Anfang an als Bedrohung empfunden worden. Denn Saudi-Arabien, Kuwait, Katar, Bahrain, die Vereinigten Arabischen Emirate und Oman sind Königreiche. Die Könige und Emire fürchteten von Beginn an, dass die islamisch-revolutionäre Idee auf ihre Länder überschwappen und die adlige Elite hinwegfegen könnte, wie es in Persien geschehen ist. Die iranische Propaganda hat sich konsequent diesem Thema angenommen und die königlichen Regime in den arabischen Ländern jenseits des Golfes als nicht konform mit dem wahren Islam erklärt.

Der religiöse Konflikt

Zum ideologischen Konflikt kommt die Spannung der Konfessionen. Saudi-Arabien ist als Land der heiligen Stätten von Mekka und Medina die Speerspitze des Salafismus, der ultrakonservativen Auslegung des sunnitischen Islam. Der Iran ist dagegen die Hochburg der Schiiten, die in ihrer religiösen Strenge Saudi-Arabien nicht nachstehen. Dennoch gibt es entscheidende Unterschiede, die in der Geschichte, seit der Ermordung des Ali Ibn Abi Talib, dem Schwiegersohn des Propheten Mohammed im 7. Jahrhundert, immer wieder zu kriegerischen Auseinandersetzungen geführt haben. Dabei wechselten sich von Region zu Region Perioden der friedlichen Koexistenz mit Perioden der gegenseitigen Verfolgung ab.

Die meisten arabischen Golfstaaten haben mit dieser konfessionellen Spaltung ein Problem. In Kuwait sind beide Konfessionen vertreten. Erst kürzlich wurden dort bei dem Selbstmordanschlag eines sunnitischen Attentäters auf eine schiitische Moschee 27 Menschen getötet. In Bahrain wird eine schiitische Mehrheit von einer sunnitischen Minderheit unterdrückt. Das hat seit dem arabischen Frühling von 2011 immer wieder zu Aufständen geführt, die von der Regierung niedergeschlagen wurden. Dabei intervenierte Saudi-Arabien mit Truppen, um dem Regime in Bahrain beizustehen und die Schiiten in Schach zu halten. Schließlich in Saudi-Arabien selbst: Zwar ist dort die Mehrheit sunnitisch, doch ausgerechnet in der ölreichen Ostprovinz am Golf sind die Schiiten in der Mehrheit.

Stellvertreterkonflikte im Nahen Osten

Was sich im Kalten Krieg zwischen der UdSSR und den USA abspielte, wiederholt sich im kleineren Maßstab im Nahen Osten. Saudi-Arabien und der Iran finanzieren und unterstützen Stellvertreterkonflikte. Wann immer religiöse Spannungen zwischen Schiiten und Sunniten auftauchen, sind beide Länder mit im Spiel. Das trifft zu auf die Konflikte in Syrien, im Libanon, Im Irak, auf Bahrain und im Jemen. Erst kürzlich flog die saudische Luftwaffe Angriffe auf die jemenitische Hauptstadt Sanaa, um die schiitschen Huthi-Rebellen zu bekämpfen, die vom Iran unterstützt werden. Der Iran unterstützt die Al-Quds-Brigaden im Irak, das alawitische Regime des Baschar al-Assad in Syrien und die Hisbollah im Libanon. Aus Saudi-Arabien, Qatar und den Vereinigten Arabischen Emiraten fließen immer wieder Gelder von Privatiers in die Taschen radikal-sunnitischer Milizen.

Die Hintergründe der saudischen Rüstung

Saudi-Arabien hat mit rund 60 Milliarden US-Dollar die höchsten Rüstungsausgaben im Nahen und Mittleren Osten. Die Saudis kaufen Panzer aus Deutschland, Flugzeuge aus den USA. Die saudische Armee und Luftwaffe sind hochmodern. Der Grund für diese massive Rüstung liegt in den umliegenden Stellvertreterkonflikten und in der Sorge, dass diese Konflikte nach Saudi-Arabien überschwappen könnten. Denn nichts fürchtet die Familie Saud mehr, als die Revolution und den Sturz des Königshauses.

Der Giftcocktail, den das saudische Regime im eigenen Lande fürchtet, ist eine Mischung aus separatistischen Tendenzen in den Provinzen, konfessionellen Gegensätze zwischen Schiiten und Sunniten, sozialen Spannungen zwischen der sehr reichen Oberschichte und der wachsenden Armut im Land, die einen Teil der Bevölkerung zum Empfänger von sozialen Transferleistungen macht, und schließlich die aus dem Iran kommenden Idee, dass auch Saudi-Arabien ja in eine islamische Republik umgewandelt werden könnte, in der das verschwenderische Königshaus keinen Platz mehr hat.

Zusammenfassung der Situation

Sowohl das klerikale Regime in Teheran als auch die konservative Monarchie in Saudi-Arabien sind von der Sorge eines Umsturzes gezeichnet. Iran und Saudi-Arabien stehen sich religiös, ideologisch, geostrategisch und wirtschaftliche gegenüber. Beide sind gefangen in ihren Budgetzwängen, um die Bedürfnisse der Bevölkerung zufrieden zu stellen, damit die Konflikte des Nahen Ostens nichts ins eigene Land herüberschwappen. Und beider Länder Haupteinnahmequelle ist das Erdöl. Damit scheint eine Verschärfung der saudisch-iranischen Spannungen nach dem Atomabkommen und der Aufhebung der Sanktionen unvermeidbar zu sein.

( Schlagwort: GeoAußenPolitik )

Sven von Storch

Ihnen hat der Artikel gefallen?
Bitte unterstützen Sie mit einer Spende unsere unabhängige Berichterstattung.

PayPal

Für die Inhalte der Blogs und Kolumnen sind die jeweiligen Blogger verantwortlich. Die Beiträge der Blogger und Gastautoren geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion oder des Herausgebers wieder.

Add new comment

CAPTCHA
Enter the characters shown in the image.
This question is for testing whether or not you are a human visitor and to prevent automated spam submissions.