Erdogan braucht Putin
Erdogan braucht Putin
Datum: 29.06.2016 - 11:00 Uhr
Im Schatten grausamer Anschläge, die das Land erschüttern, wie aktuell wieder in Istanbul geschehen, und im Zeichen chaotischer Zustände in der türkischen Innenpolitik, scheint die Türkei ihre außenpolitischen Richtungen zu korrigieren.
Wie aktuell unter anderem „Die Zeit“, „T-Online“, „Tagessschau“, „Spiegel-Online“ und „n-tv“ berichteten, hat der türkische Präsident Recep Tayyib Erdogan Russland um Entschuldigung für den Abschuss des SU-24-Kampfjets vor sechs Monaten gebeten. Anfangs hieß es sogar vom neuen türkischen Ministerpräsidenten Binali Yildirim, Ankara sei bereit, den Opfern eine Entschädigung zu zahlen. Doch davon trat man wieder zurück. Das Versöhnungssignal steht jedoch im Raum. Die Türkei hat nachgegeben. Wladimir Putin hat gegenüber Erdogan den längeren Atem gehabt.
Der „Spiegel“ beschrieb den Machtkampf despektierlich als „Duell der Alphamännchen“ und nannte das Ereignis „Macho bezwingt Macho“. Doch es handelt sich nicht nur um den Machtkampf zweier Staatschefs oder um eine Reaktion auf die gegenseitigen Sanktionen, die vor allem die Türkei getroffen haben, sondern vor allem um eine geostrategische und außenpolitische Notwendigkeit für die Türkei. Denn in einer Zeit, in der man sich scheinbar mit mehreren Verbündeten gleichermaßen anlegt, kann man es sich nicht leisten, allein gegen alle an der Wand zu stehen. Denn dann kann man nicht mehr die einen gegen die anderen außenpolitischen Verhandlungspartner und Opponenten ausspiegeln. Aus Ankara hieß es sinngemäß, man wolle sich wieder mehr um außenpolitische Freunde bemühen.
Die Türkei kann es sich nicht leisten, allen Ländern gleichzeitig vor den Kopf zu stoßen
Erdogan hat in den vergangenen Monaten Europa in Atem gehalten. Seine außenpolitischen Alleingänge, seine undurchsichtige Rolle in der Syrienfrage, der Ausbau seiner Präsidialmacht, die Unterdrückung der Opposition, die Einschränkung der Pressefreiheit, die harten Forderungen an Deutschland, um in Fragen der Flüchtlingskrise zu helfen – das alles im Verbund mit der Forderung, dennoch in die EU aufgenommen werden zu wollen, ist nur möglich, weil der türkische Präsident es versteht, die Interessen anderer Länder gegeneinander auszuspielen.
Die Türkei als geopolitischer Dreh- und Angelpunkt zwischen Europa und Vorderasien, zwischen Mittelmeer und Schwarzen Meer, als strategisch wichtiges NATO-Mitglied an der Südwestflanke Russlands, als Durchgangsland für die Erdgas- und Erdölpipelines, die vom Kaspischen Meer die Ressourcen nach Europa bringen sollen, kann es sich leisten Forderungen zu stellen. Doch diese außergewöhnliche Situation schien Erdogan zu Kopf gestiegen zu sein. Jedenfalls hatte er immer eine Drohung im Koffer, für den Fall, dass die jeweiligen Verhandlungspartner nicht auf die türkischen Forderungen eingehen.
Doch die aktuelle Kehrtwende macht deutlich, dass man sich in Ankara verspekuliert hat. Im Kampf gegen den Terrorismus, der aktuell wieder das Land erfasst hat, braucht man die internationale Unterstützung.
Türkei wendet sich wieder Israel zu
Unabhängig von den vielen Vorurteilen und Vorbehalten vieler Türken gegenüber der Politik Israels, ist Ankara auf die Kooperation mit Jerusalem angewiesen. Immer wieder war die türkische Regierung gespalten zwischen der Kritik an Israels Palästinenserpolitik einerseits und der gemeinsamen Front gegen das Assad-Regime in Syrien andererseits.
Ebenso wie Saudi-Arabien ist die Türkei zwar kein ideologischer Partner für Israel, aber ein strategischer. Es gibt wohl keinen Staat im Nahen Osten, der eine durchdachtere Selbstschutzstrategie entwickelt hat und über mehr geostrategische und geheimdienstliche Kenntnisse verfügt als Israel. Ein strategisches Zusammenkommen Israels, Saudi-Arabiens und der Türkei, um die Sicherheit im Nahen Osten wiederherzustellen und den Iran in Schach zu halten, scheint für alle drei Staaten von großem Vorteil zu sein, auch wenn die jeweiligen Bevölkerungen einen solche Annäherung mit Verwunderung und Skepsis begleiten.
Vor sechs Jahren hatten sich die Beziehungen zwischen der Türkei und Israel wegen der Gaza-Krise verschlechtert gehabt. Höhepunkt war damals die Kaperung eines türkischen Schiffes durch die israelische Marine. Das Schiff hatte Hilfsgüter nach Gaza bringen wollen. Damals war Erdogan ausfällig geworden und hatte sich nicht vor antisemitischen Äußerungen zurückhalten können.
Doch nun haben sich Benjamin Netanjahu und Recep Tayyib Erdogan wieder angenähert. Man kann noch nicht von einem strategischen Bündnis oder gar neuer Freundschaft reden. Es mutet eher wie kurzfristiges Taktieren an. Denn momentan steht die Lösung des Syrienproblems an oberster Stelle. Syrien ist längst zum extremen Sicherheitsrisiko für Israel, die Türkei und die Golfstaaten geworden.
Für die türkische Regierung in Ankara sind es gleich zwei gigantische Probleme, die sich in Syrien auftürmen. Das eine Problem ist das Rückzugsgebiet der Kurden im Norden Syriens. Wenn es irgendein Thema gibt, bei dem Ankara rot sieht, dann ist es das Kurdenproblem. Die aktuelle Anschlagserie unterstreicht die Situation. Doch viele Anschläge gehen auch auf das Konto radikaler Islamisten. Und diese sind das zweite Hauptproblem der Türkei. Mit dem „Islamischen Staat“ (IS), Al-Qaida und Al-Nusra sind an den Grenzen der Türkei unkalkulierbare Risiken entstanden, die das Land aus den Angeln heben können.
Zweckbündnis zwischen Erdogan, Netanjahu und Putin wegen Syrien?
Die dramatische Lage in Syrien stellt für die Türkei für Israel, für Saudi-Arabien und auch für Russland ein immer größer werdendes Problem dar, weil mit jedem Eingreifen von außen die Situation komplexer und verworrener wird. Auch wenn langfristig die Interessen Israels, der Türkei und Russlands sowie Saudi-Arabiens nicht deckungsgleich sind, so könnte eine kurz- bis mittelfristige Zusammenarbeit dazu beitragen, eine dringend nötige Lösung für Syrien zu finden, bevor die Lage im Nahen Osten vollends eskaliert und auf Dauer unkontrollierbar wird.
Russland ist zwar als Partner des Iran und des syrischen Assad-Regimes eigentlich ein Opponent in der Syrienkrise. Doch wenn die Situation unhaltbar geworden ist und sich die strategische Lage in eine Reihe von Dilemmas verfahren hat, muss man über seinen eigenen Schatten springen. Diese Einsicht scheint sich Schritt für Schritt durchzusetzen. Das einzige Land, das aus all diesen Querverbindungen außen vor gelassen wird, ist der Iran.
Insofern sind die neuerlichen Annäherungsversucher Erdogans an Russland und Israel als Taktieren zu bewerten, um sich aus der selbstgeschaffenen Isolation zu befreien. Ein verlässlicher strategischer Bündnispartner wird die Türkei dadurch nicht.
( Schlagwort: GeoAußenPolitik )
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