Dreh- und Angelpunkt Türkei

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Dreh- und Angelpunkt Türkei
Datum: 02.03.2015 - 09:47 Uhr

Die Türkei ist ein geostrategischer Dreh- und Angelpunkt. Ihre Bedeutung kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Die Lage Istanbuls am Bosporus und Marmarameer illustriert dies deutlich: Die Stadt kontrolliert die Verbindung zwischen dem Mittelmeer und dem Schwarzen Meer. Gleichzeitig ist sie die Brücke von Europa nach Asien sowie der westliche Brückenkopf in die islamische Welt.

Auch wirtschaftlich wächst die Bedeutung der Türkei. Seit mehr als drei Jahrzehnten hat das Bruttoinlandsprodukt der Türkei Wachstumsraten von durchschnittlich 5 Prozent. In den letzten Jahren gab es teilweise sogar Wachstumsraten von etwa 7 Prozent. Davon können viele westeuropäische Staaten nur träumen. Hinzu kommt das Bevölkerungswachstum. Um 1930 hatte die Türkei etwa 15 Millionen Einwohner. Heute leben fast 78 Millionen Menschen in der Türkei. Der Bevölkerungsdurchschnitt ist außerdem sehr jung.

Die Türkei als Bollwerk gegen Russland

Bereits im Kalten Krieg war die Türkei ein äußerst wichtiger Bündnispartner der NATO zur Einkreisung der Sowjetunion und Eindämmung des Warschauer Paktes. Im Ernstfall konnte die Türkei den Seeweg durch den Bosporus schließen und somit der Sowjetflotte den Weg ins Mittelmeer verwehren. Außerdem war die Türkei der ideale Ort zur Stationierung US-amerikanischer Atomraketen. Sie erhöhten das nukleare Abschreckungspotenzial erheblich. Die Sowjetunion reagierte damals mit dem Plan, Atomraketen auf Kuba zu stationieren, was letztlich zur brandgefährlichen Kuba-Krise führte.

Auch heute ist der Westen auf die Kooperation der Türkei angewiesen. Die Russische Förderation wird zurzeit wieder als Feindbild aufgebaut. Dementsprechend wichtig ist die Türkei zur Isolation Russlands. Neben der Möglichkeit, den Ausgang des Schwarzen Meeres zu kontrollieren, grenzt die Türkei an Georgien. Wenn Georgien, Moldawien und die Ukraine der NATO beitreten sollten oder mit den USA oder der NATO ein Verteidigungsabkommen abschließen sollten, wäre Russland am Schwarzen Meer tatsächlich isoliert. Außerdem sind Georgien und die Türkei wichtige Transitländer für Pipelines, die aus der Region des Kaspischen Meeres kommen.

Die Türkei als Transitland der Pipelines

Die EU möchte sich unabhängiger von russischen Gaslieferungen machen. Bedeutende alternative Anbieter von Erdgas sind vor allem Aserbaidschan am Kaspischen Meer und Katar am Persischen Golf. Gas wird vorzugsweise durch Pipelines transportiert. Die Pipelines von Aserbaidschan nach Europa gehen durch die Türkei. Von dort soll das Gas in europäische Pipelines weitergeführt werden, die durch den Balkan und Italien verlaufen.

Auch Katar würde gern Gas durch Pipelines via Türkei in die Staaten der EU exportieren – wenn das Problem Syrien nicht wäre. Zurzeit lebt der arabische Golfstaat hauptsächlich vom Export des Flüssiggases, das wie Erdöl per Tanklastschiffe transportiert wird.

Auch die Planungen hinsichtlich der Erdöl-Pipelines von den arabischen Ländern am Persischen Golf zu den Abnehmerstaaten in Europa sind vor allem von der Türkei abhängig. Sobald die politische Situation im Irak und in Syrien stabilisiert ist, gibt es keine effizientere und kostengünstigere Alternative zum Erdöltransport als Pipelines von der arabischen Halbinsel durch die Türkei nach Europa.

Die Türkei als westlicher Brückenkopf in die islamische Welt

Der Bürgerkrieg in Syrien und im Irak, der ausufernde „Islamische Staat“ (IS), die semi-autonomen Kurdenregionen, der krisengeschüttelte Libanon und die schiitischen Hisbollah sowie der erstarkende Iran und die damit verbundene Sicherheitsfrage Israels – all diese geostrategischen und politischen Themen können nicht angegangen werden, ohne die Türkei einzubeziehen. Die Türkei ist der einzige NATO-Staat im Nahen und Mittleren Osten. Mit ihrem starken Militär ist die Türkei ein Bollwerk gegen jedwede Bedrohung, die aus dieser Region kommen könnte.

Problematisch – für den Westen und insbesondere für die USA – ist jedoch, dass die Türkei innerhalb der NATO wesentliche unabhängiger und souveräner agiert, als andere Bündnispartnerländer. Während des Golfkrieges von 1991 und des Irakkrieges ab 2003 kooperierte die Türkei mit den USA nur bedingt. Die Amerikaner hätten es gern gesehen, wenn ihre Truppen über Anatolien in den Irak hätten vorrücken können.

Doch die Türkei wollte kein Aufmarschgebiet gegen den Irak sein. Deshalb mussten Saudi-Arabien und die kleinen Golfstaaten herhalten, und deshalb wurden die Angriffe gegen den Irak von Süden her organisiert. Im ersten Golfkrieg hatte dies Sinn, weil es offiziell um die Befreiung Kuwaits ging. Doch bei Angriff auf den Irak im Jahre 2003 wäre es aus US-amerikanischer Perspektive einfacher gewesen, den Angriff von mehreren Fronten aus gleichzeitig zu führen, insbesondere um die Ölfelder bei Kirkuk im Nordosten des Landes zu sichern.

Auch das undurchsichtige Hin- und Herschwanken der Türkei während des Bürgerkrieges in Syrien zeigt, dass die Türkei nur bedingt in eine langfristige Planung eingebunden werden kann. Was immer man vorhat, es sieht stets so aus, als habe die Türkei ganz eigene Interessen im Spiel.

Warum Erdogan dem Westen unheimlich ist

Unter Mustafa Kemal Atatürk wurde der Rest des Osmanischen Reiches zum modernen türkischen Nationalstaat umgeschmiedet. Dieser Staat war strikt laizistisch und auf Modernisierung getrimmt. Die Türkei strebte nach Europa.

Doch in den letzten beiden Jahrzehnten ist eine Gegenentwicklung zu verzeichnen. Die Türkei emanzipiert sich vom Wunsch, der EU beizutreten und geht zunehmend eigene Wege. Eine wichtige Ursache hierfür ist die wiederkehrende Islamisierung des Landes. Religion und Tradition werden wieder verstärkt in den Vordergrund gerückt. Dies hat sich besonders deutlich durch die Wahlsiege der islamisch-konservativen Partei AKP gezeigt. Der derzeitige türkische Präsident Recep Tayyib Erdogan balanciert auf einem schmalen Grad zwischen moderner Westbindung und islamischer Orientierung zum Nahen und Mittleren Osten. Dort möchte die Türkei in Zukunft wieder eine bedeutendere Rolle zu spielen.

Doch weder im politischen Umgang mit Russland, mit Saudi-Arabien, mit Israel oder mit den USA lässt sich unter Erdogan eine klare Linie erkennen. Das Land ist zwar Teil der NATO, folgt aber stets eigenen Interessen zuerst. Und diese Interessen scheinen einen Bezug zur zentralen Lage der Türkei zu haben. Eine klare Orientierung in die eine oder andere Richtung würde die Türkei zum Frontstaat machen – entweder zum westlichen Frontstaat gegen die islamische Welt oder gegen Russland, oder zum islamischen Frontstaat mit einem Fuß in Europa.

Doch die Türkei scheint gerade von der Mittlerfunktion zwischen den Machtblöcken und Regionen zu profitieren. Hinzu kommt, dass islamische Konservative und die laizistischen Kemalisten im Lande sich gegenseitig ausgleichen. Eine zu starke Orientierung in die eine oder andere Richtung würde die Opposition stärken und Auswirkung auf die nächste Wahl haben. Insofern ist die Türkei nicht jener ideale Wunschpartner, den die anderen NATO-Staaten gerne hätten. Aber es ist der Türkei ihr gutes Recht, ihren eigenen Weg zu gehen.

Sven von Storch

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