Die globale Dimension des Nahost-Krieges
Die globale Dimension des Nahost-Krieges
Datum: 13.10.2014 - 13:22 Uhr
In Nordsyrien steht die kurdische Stadt Kobane (auf Arabisch: Ain al-Arab) kurz vor dem Fall. Die Milizen des „Islamischen Staates“ (IS / ISIS / ISIL) rücken von drei Seiten vor. Im Irak sind die IS-Kämpfer dabei, die Provinz Anbar in der Nähe von Bagdad einzunehmen. Vorab hat ein Selbstmordattentäter in den Straßen von Bagdad 12 Menschen in den Tod gerissen. Die Panik unter der Bevölkerung nimmt zu.
Im nordostirakischen Diyala-Gebiet haben an drei verschiedenen Orten radikale Fundamentalisten Selbstmordanschläge gegen Kurden verübt. Der Nachrichtenagentur Al-Jazeera zufolge sollen mindestens 29 Kurden getötet worden sein, weitere 88 wurden verletzt. Der Anschlag wird als Racheakt gegen die Kurden gewertet. Die kurdischen Peschmerga hatten im Nordirak das Vordringen des IS stoppen konnten.
Dschihadisten aus aller Welt
Sie kommen aus Berlin-Neukölln, dem Wedding oder Kreuzberg, aus Düsseldorf, Köln oder Hamburg: Mehrere hundert junge Männer – teilweise Teenager – sind in den letzten zwei Jahren aus Deutschland durch die Türkei nach Syrien gelangt, um als Dschihadisten für den „Islamischen Staat“ (IS) in den „Heiligen Krieg“ zu ziehen.
Dort schließen sie sich keineswegs einer vom Volke getragenen syrisch-irakischen Befreiungsarmee an. Vielmehr handelt es sich um eine internationale „Fremdenlegion“ mit radikalislamischer Agenda. Ihre Kameraden kommen zum Beispiel aus Europa, vornehmlich aus Frankreich, Belgien, Großbritannien und Deutschland – eben aus Ländern mit einem relativ hohen Anteil muslimischer Bürger mit Migrationshintergrund. Andere kommen aus den USA, Kanada und Australien.
Doch die meisten sind ehemalige Revolutionsanhänger aus dem Umfeld des „arabischen Frühlings“. Besonders Anhänger der ägyptischen Muslimbrüder oder Revolutionskämpfer aus Tunesien und Libyen sind unter den Dschihadisten zu finden. Aber auch aus jenen islamischen Staaten, die vom arabischen Frühling nicht direkt betroffen waren, melden sich die Glaubenskrieger in Scharen. So beispielsweise aus Marokko, Algerien, Saudi-Arabien oder dem Jemen. Einige stammen aus afrikanischen Ländern südlich der Sahara.
Die ideologischen Anführer und Ausbilder sind oftmals alte Veteranen von Al-Qaida. Sie kämpften schon in Bosnien, Afghanistan, Libyen und Somalia, sind mit allen Waffengattungen und Taktiken vertraut. Den jungen Kriegern dienen sie als Vorbild.
Sympathisanten finden die IS-Milizen in der ganzen islamischen Welt. Die radikalen Taliban in Afghanistan und Pakistan haben sich mittlerweile den IS zum Vorbild genommen. Selbst auf den Philippinen haben islamistische Terrorgruppen ihre Solidarität mit dem IS kundgetan.
In Indonesien, dem bevölkerungsreichsten islamischen Land, bemüht sich die Regierung, das Treiben der radikalen Fundamentalisten und deren Sympathien für den IS zu unterbinden. Jedem Indonesier, der das Land verlässt, um den IS zu unterstützen, droht automatisch der Entzug der indonesischen Staatsbürgerschaft.
Der Kampf gegen IS ist nur ein Kriegsschauplatz von vielen
Trotz aktueller Brisanz verzerrt der internationale Presse-Fokus auf den IS das Bild des realen Chaos. Der syrisch-irakische Bürgerkrieg ist ein verworrener Stellvertreterkrieg, ein multipler Proxy-Krieg, ein Religionskrieg, ein Konflikt wirtschaftlicher Interessen und ein Kampf um die Hegemonie in der nahöstlichen Region.
Mehrere Staaten haben ihre Finger im Spiel, darunter die USA, Russland, China, Iran, Saudi-Arabien, Katar, die Türkei und viele andere. Allein die Zahl der direkt involvierten Kombattanten vor Ort ist verwirrend. Folgende Gruppen sind im syrisch-irakischen Bürgerkrieg kämpfend aktiv:
Die offiziellen Regierungstruppen der syrischen Armee, die offiziellen Regierungstruppen der irakischen Armee, die Rebellenmilizen der „Freien Syrischen Armee“ (FSA), die „Syrische Revolutionsfront“, die schiitischen Hisbollah-Milizen aus dem Libanon, die syrisch-kurdischen Volksverteidigungseinheiten der YPG und YPJ, die kurdische „Jabhat al-Akrad“, die irakisch-kurdischen Peschmerga, die christliche aramäisch-assyrische „Sutoro“-Miliz, die Drusen-Milizen (Jaysh al-Muwahhideen), die schiitisch-iranischen Al-Quds-Brigaden, die Brigaden der Baath-Partei, die Milizen des „Islamischen Staates“ (IS), die Milizen der Al-Nusra-Front (Jabhat al-Nusra), die Rebellengruppen der „Islamischen Front“, die Kämpfer der ominösen Khorasan-Gruppe sowie kleine Ableger von Al-Qaida. Schließlich gibt es an vielen Orten noch kleine lokale Selbstverteidigungsgruppen unterschiedlicher Ausrichtung.
Ethnisch stehen die Kurden (sunnitische Muslime und Jesiden) den Arabern gegenüber. An islamischen Glaubensrichtungen sind vertreten: gemäßigte Sunniten, sunnitische Salafisten, Schiiten, Ismaeliten, Alawiten und Drusen. Dann gibt es noch die zahlreichen verfolgten christlichen Minderheiten.
Die internationale „Koalition der Willigen“ gegen die IS-Terroristen
Gegen den „Islamischen Staat“ (IS) hat sich eine internationale Allianz unter Führung der USA formiert. Diese Staaten sind gleichzeitig gegen die Diktatur des Baschar al-Assad in Syrien aufgestellt, konzentrieren sich aber zurzeit auf die Bekämpfung der radikal-fundamentalistischen Milizen des IS und der Al-Nusra-Front.
Folgende Staaten beteiligen sich aktiv an den Luftangriffen: USA, Großbritannien, Frankreich, Niederlande, Belgien, Dänemark, Australien, Saudi-Arabien, Vereinigte Arabische Emirate, Katar, Jordanien und Bahrain.
Militärische Hilfe in Form von Waffenlieferungen, Ausbildung und Logistik an die irakische Armee oder die kurdischen Peschmerga kommt zudem aus folgenden Staaten: Deutschland, Italien, Kanada, Kroatien, Slowenien, Ungarn, Tschechische Republik, Bulgarien, Estland und Albanien.
Die Waffenlieferungen haben zum Teil einen erheblichen Umfang. So sollen beispielsweise aus Deutschland rund 16.000 Sturmgewehre und hunderte Panzerabwehrwaffen geliefert werden. Aus den osteuropäischen Ländern kommen Kalaschnikows, Maschinenpistolen und insgesamt mehrere Millionen Schuss Munition.
Mit humanitärer und finanzieller Hilfe sind folgende Staaten beteiligt: Norwegen, Schweden, Neuseeland, Irland, Schweiz, Spanien, Luxemburg, Slowakei, Georgien, Südkorea, Japan und Kuwait.
Einen großen Teil der humanitären Hilfe hat die Türkei übernommen, die zudem mittlerweile 1,5 Millionen Flüchtlinge aus Syrien aufgenommen hat. Militärisch zögert die Türkei jedoch noch einzugreifen.
Baschar al-Assads letzte Verbündete
Die Regierung von Baschar al-Assad wird indirekt noch von alten Bündnispartnern unterstützt. Das sind vor allem Russland und China, aber auch Venezuela und Nordkorea. Die wichtigsten Unterstützer sind jedoch der Iran mit seinen Al-Quds-Brigaden und die schiitischen Hisbollah aus dem Libanon, die mittlerweile Gebiete im libanesisch-syrischen Grenzgebiet kontrollieren.
Außerdem stehen Assad noch bei: die Brigaden der pan-arabischen Baath-Partei (der politischen Heimat der Assad-Familie), drusische Milizen, die aus reinem Selbsterhaltungswillen sich gegen einen sunnitischen Gottesstaat wehren müssen, sowie eine Kampfmiliz der türkischen Minderheit im Nordwesten Syriens.
Ein Blick auf den bunt gewobenen Flickenteppich dieses Bürgerkrieges zeigt, dass er nicht so leicht zu entflechten und beenden ist. Die Chance auf baldigen Frieden in der Region ist sehr gering.
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