Die Gesellschaft zehrt an den Reserven
Die Gesellschaft zehrt an den Reserven
Datum: 27.07.2016 - 12:21 Uhr
Die Menschen merken schnell, wenn sich die Gesellschaft auf dem Holzweg befindet. Sie spüren, wie ihr Portemonnaie immer leichter wird, wie ihre Rentenansprüche schwinden, wie die Alterspflege die Reserven auffrisst, wie das Geld an Kaufkraft verliert, wie ihre Wohngegend immer unsicherer wird.
Sie sehen, wie sich die Zukunftsperspektiven ihrer Kinder verdüstern, Chancenfenster sich schließen, die junge Generation Schwierigkeiten hat, an den Lebensstandard ihrer Eltern anzuschließen. Die Menschen erkennen: Der Traum vom ewigen Bergauf war eine Illusion.
Eine Gesellschaft, die auf Schulden aufgebaut ist, braucht exponentielles Wachstum, um die steigenden Zinseszinsen zu bezahlen. Doch das Wirtschaftswachstum Deutschlands ist mickrig.
Natürlich gibt es jährliche Schwankungen. Die Konjunktur hat ihre wechselnden Wachstumsperioden. Doch die Wachstumsentwicklung ist seit 50 Jahren rückläufig. 1955 hatte Deutschland ein Wirtschaftswachstum von fast 12 Prozent. 1960 waren es fast 9 Prozent. 1970 immerhin 5 Prozent. Dann ging es immer weiter abwärts. Heute schwanken die Wachstumsraten zwischen 0 und 3 Prozent. Das reicht nicht aus, um alle Menschen am Wachstum partizipieren zu lassen. Immer mehr Bürger gehen leer aus. Sie müssen ihren Gürtel enger schnallen.
Es ist die Tendenz, die die Menschen beunruhigt. Man kann schwierige Zeiten überstehen, wenn man Hoffnung hat, dass es bald wieder aufwärts geht. Doch wenn diese Hoffnung nicht besteht, kommt Sorge auf.
Diese Sorge wird verstärkt, wenn man die Blick über die Grenze wagt: Griechenland? Spanien? Italien? Frankreich? Dort gibt es mittlerweile eine komplette verlorene Generation. Junge Menschen zwischen 20 und 30 Jahren, die eigentlich in den besten Jahren ihres Lebens stehen und sich eine eigene Zukunft aufbauen sollten, leben wieder bei ihren Eltern, weil es keine Jobs gibt. Sie gründen keine Familie, bekommen keine Kinder, bauen kein Haus, können nichts fürs Alter zurücklegen, können kaum etwas zur Wirtschaft beitragen, obwohl sie gesund sind und oftmals eine gute Schulbildung haben. Was für ein Potential geht verloren! Was ist von einem Kontinent zu halten, der eine komplette Generation ins Leere laufen lässt?
Statistiken beweisen: Nur das oberste Zehntel der Bevölkerung schafft es, das Vermögen zu steigern. Der Rest zehrt an den Reserven. In den 1950er bis 1970er Jahren war dies anders. Zwar gab es schon damals Einkommens- und Vermögensunterschiede. Doch ging es für alle bergauf. Spürbar.
Die Tendenz wird stärker empfunden als die Momentaufnahme. Wie geht man damit um, wenn abzusehen ist, wohin die Entwicklung führt? Wenn das Ersparte durch Inflation und wachsende Kosten aufgefressen wird?
Viele haben bereits verloren: Aktuell befinden sich rund 690.000 Menschen in Privatinsolvenz. Mehr als 300.000 Menschen sind wohnungslos, rund 40.000 komplett obdachlos. Die Gesamtzahl von Hartz-IV-Empfängern und Sozialgeldempfängern liegt bei circa 6 Millionen. Rund ein Drittel der Bevölkerung verfügt über kein oder zu geringes Vermögen oder keine Reserven, um im Notfall über die Runden zu kommen. Das sind die Zahlen. Doch hinter jeder Zahl verbirgt sich ein persönliches Schicksal. Wie viele Einzelschicksale verträgt eine Gesellschaft, bis sie kippt?
Die schweigende Mehrheit ist pessimistisch
Wird es der nächsten Generation besser gehen als uns? Vor fünfzig Jahren hätten das viele bejaht. Damals war Fortschrittsglaube eine Religion. Heute sind die Menschen Atheisten in Bezug auf den Fortschrittsglauben geworden. So richtig will niemand mehr daran glauben. Eltern und Großeltern sorgen sich um die Zukunft ihrer Kinder und Enkel.
Vergleicht man das Leben in Westdeutschland der 1960er bis 1980er Jahre mit dem Leben heute, so drängt sich eine ernüchternde Erkenntnis auf: Früher schien vieles sicher, heute gar nichts mehr: die Rente, die Pension, die Gesundheitsfürsorge, die Immobilie, das Familienersparte, die Hoffnung der Kinder, durch gute Bildung einen ordentlich bezahlten Beruf ergreifen zu können. Viele Junge Menschen geben an, nicht mehr an das Rentensystem zu glauben. Wer kann, sorgt privat vor. Wer nicht kann, den erwartet Altersarmut. Suppenküchen und Obdachlosenunterkünfte werden Hochkonjunktur haben.
Die Zeit des Wirtschaftswunders ist vorbei
Während die Mehrheit der Deutschen in der Weimarer Republik und in der Nachkriegszeit sparen und darben musste, brach Mitte der 1950 in der Bundesrepublik ein ungeahntes Wirtschaftswunder aus. Zwar gilt Ludwig Erhardt als Vater dieses Wirtschaftswunders. Doch die Realität ist nüchterner: Es war die zweite Kohlenwasserstoffrevolution. Die erste hatte mit der Nutzung der Kohle und später des Erdöls die Industrialisierung ermöglicht. Die zweite hat durch die petrochemische Verarbeitung der Erdölprodukte die Herstellung fast aller Güter im Billigverfahren ermöglicht. Von Gummi bis Plastik, von Kosmetik bis Pharmazie, von Verpackungen bis zu Haushaltsgeräten und schließlich Hightech – die neuen Kunststoffe auf Erdölbasis haben eine neue Form der globalen Massenproduktion möglich gemacht. Angefangen in den USA, hat sich schnell auch in Westeuropa ein neuer Konsum durchgesetzt. Dank der petrochemischen Zauberformeln konnte alles schnell und günstig hergestellt werden. Die Wegwerfgesellschaft war geboren.
Hinzu kam der Bauboom: Neue Wohnblocks mit modernen Wohnungen, Siedlungen mit Einfamilienhäusern und Straßenzüge mit Reihenhäusern wurden aus dem Boden gestampft. Vorbei war die Zeit der räumlichen Enge. Die Gewerkschaften hatten faire Löhne ausgehandelt. Die Arbeitgeber lockten mit immer besseren Bedingungen ihre Arbeitskräfte an. Der Staat stellte ein: Verwaltungsbeamte, Lehrer, Polizisten wurden gebraucht. Es lockten der Beamtenstatus und die Aussicht auf Pension. Aber auch Bahnbeamte und Postbeamte führten ein vergleichbares Leben. Selbst in der Bank sprach man von Bankbeamten.
Nichts verkörperte das neue Lebensgefühl so sehr wie der Wandel des Urlaubs. In den späten 1940er Jahren badete man im heimischen Baggersee oder im Mittellandkanal. In den 1950 Jahren konnte man sich eine Reise an die Nordsee oder Ostsee oder in die bayrischen Alpen leisten. In den 1960er Jahren fuhr man mit seinem VW-Käfer nach Österreich oder nach Italien. Und in den 1970er Jahren buchte man seine Flugreise nach Spanien. Deutsche waren gutzahlende und somit beliebte Urlaubsgäste. Die Bundesrepublik war auf dem Höhepunkt des Lebensstandards angelangt, zumindest im weltweiten Vergleich. Die DM war stabil. Es ging aufwärts. Die junge Generation hatte Hoffnung auf eine erfolgreiche Zukunft in Wohlstand.
Drei Generationen – Zwei verschiedene Welten
Der große Sprung ereignete sich in der Jugendzeit der Bundesrepublik. Von 1949 bis in die 1980er hatte die Verbesserung der Lebensqualität ein atemberaubendes Tempo vorgelegt. Die Kinder in den 1940er und 1950ern spielten mit Blechdosen und Holzspielzeug. Eine Puppe, ein Blechauto oder ein Fußball waren Luxus. Jungs trugen kurze Hosen, weil lange zu teuer waren und zu schnell kaputtgingen. Die jüngeren Geschwister trugen die Kleidung der älteren. Mehrere Kinder teilten sich ein Kinderzimmer. Über 90 Prozent der Schüler besuchten die einfache Volksschule. Gymnasien kosteten Geld und waren dem gehobenen Bürgertum vorbehalten.
Die nächste Kindergeneration hatte es viel besser. Es war ein Generationensprung. Ab den 1960ern und 1970ern begann die sorgenlose Kindheit. Immer mehr Kinder hatten ein eigenes Zimmer. Die Kisten waren voller Spielzeug. Plastik Made in Hongkong hatte es kostengünstig gemacht. Die Chance, ein Gymnasium besuchen zu dürfen, war plötzlich sehr viel höher. Es kostete kein Schulgeld mehr. Immer mehr Jugendliche träumten vom Studium an der Universität.
Und die Generation der Kinder und Jugendlichen der 2000er bis 2010er Jahre? Was hat sie gegenüber den Kindern der 1970er bis 1980er Jahren hinzugewonnen, außer Smartphones und Laptops, Scheidungseltern und mediale Dauerberieselung? In Westdeutschland hat sich die Lebensqualität der Kinder und Jugendlichen seit den 1980er Jahren nicht mehr nennenswert verbessert. Im Gegenteil: Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft ist verloren gegangen. Viele junge Menschen fürchten, nicht mehr an den Lebensstandard der Eltern anknüpfen zu können.
Dieses Gefühl teilen die jungen Menschen in vielen Ländern Europas. Wenn sie doppelt so hart arbeiten und sich doppelt so oft fortbilden, haben sie vielleicht die Chance, den Lebensstandard der Eltern zu erreichen. Über diesen Standard hinauszukommen, wie es die Generationen der 1950er bis 1980er Jahre mit Leichtigkeit geschafft hatten, wird heute nur ganz wenigen gelingen. Die meisten blieben zurück.
Vertuscht wird diese Entwicklung durch die vielen Erben. Viele junge Menschen stünden ohne elterliche Unterstützung oder ohne Erbschaften ziemlich arm da. Wie viele Jugendliche fahren das Auto, das die Eltern ihnen gekauft haben? Wohnen in der Dachwohnung des elterlichen Hauses? Lassen sich das Studium von den Eltern bezahlen? Lassen sich ihr Schuldenkonto von den Eltern ausgleichen?
Deutschland lebt allsichtlich von der Substanz, die die Wirtschaftswundergeneration geschaffen hat. Wenn diese Reserven aufgebraucht sind, gibt es nichts mehr, das Deutschland von einem Schwellenland unterscheidet.
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