Die Geister, die ich rief
Die Geister, die ich rief
Datum: 24.07.2015 - 10:52 Uhr
Nach dem Anschlag in der türkisch-syrischen Grenzstadt Suruc, bei dem 32 Menschen ums Leben kamen, ist jedem klar geworden, dass der Bürgerkrieg Syriens und Iraks auf die Türkei übergreift. Es war nur eine Frage der Zeit. Die Problematik des nicht vorhandenen Kurdenstaates, der sich ausbreitende radikale Islamismus und die großen Flüchtlingsströme sind allesamt grenzübergreifende Probleme.
Türkei wird in den Terrorstrudel hineingesogen
Handeln kann Konsequenzen haben. Nichthandeln auch. Lange Zeit hat die Türkei dem Treiben in Syrien zugesehen. Der türkischen Regierung wird vorgeworfen, den „Islamischen Staat“ (IS) nicht nur geduldet, sondern gefördert zu haben. Wie sonst war es möglich, dass all die Kämpfer und Waffen durch die Türkei nach Syrien geschleust werden konnten?
Der Vorwurf: Schuldig daran sei die türkische Auffassung vom geringeren Übel. Denn die türkische Führung befürchtet zwei Dinge: einen Sieg von Baschar al-Assad in Syrien und eine autonome Kurdenzone. Nun lehrt der IS, dass er ein schlimmeres Übel sein kann.
Die Türkei hätte schon längst härter gegen islamischen Fundamentalismus vorgehen können. Die Durchlässigkeit des Landes für IS-Terroristen auf ihrem Weg nach Syrien hätte vermieden werden können. Die Passivität der Türkei, als die Kurden an der türkischen Grenze ermordet wurden, war ein deutliches Signal an die Kurden, dass sie auf sich selbst gestellt sind. Die Türkei duldete das Chaos in Syrien und im Irak, solange es nicht über die eigene Grenze schwappte und solange auf diese Weise unabhängige Kurdenstaaten verhindert werden können.
Türkei und Saudi-Arabien in einem Boot
Die politischen Fehler wiederholen sich wie ein Sprung in einer Schallplatte. Es scheint, als seien die an der Nahostkrise beteiligten Staaten resistent gegen Lernprozesse. Wann immer eine radikal-islamistische Gruppe unterstützt wird, um die dortige Regierung zu schwächen oder das Land zu destabilisieren, besteht die Gefahr, dass der dadurch geförderte Terrorismus auf das eigene Land zurückfällt. Man glaubte dieses Risiko unter Kontrolle halten zu können. Doch das Gegenteil ist der Fall.
Nun ist der Terrorismus sowohl in Saudi-Arabien als auch in der Türkei angekommen. Hatte die Türkei mit der PKK genügend Probleme am Hals, darf sie sich nun zusätzlich mit dem IS herumschlagen. Doch während die Kurden überwiegend gemäßigt-religiös sind und rational nachvollziehbar handeln, agieren die Terrorgruppen des IS bewusst irrational. Das macht sie unberechenbar und gefährlich. Man kann ihnen mit Logik, Verhandlungen und Kompromissen nicht beikommen.
Der IS handelt in seiner Gesamtheit wie ein Selbstmordattentäter im Einzelnen. Es scheint gar nicht um ein nachvollziehbares und realistisches Ziel zu gehen. Der IS agiert nach dem Motto: Der Weg ist das Ziel. Der Heilige Krieg, der Dschihad, als Weg und Ziel zugleich. Es ist ein kollektiver Selbstmordanschlag mit dem Wissen um den eigenen Untergang.
Jeder realistische Mensch weiß, dass ein Staatsgebilde, wie es dem IS vorschwebt, im 21. Jahrhundert nicht umsetzbar ist. Die Weltgemeinschaft würde einen solchen „Staat“ niemals dulden. Er wäre so anachronistisch wie jenes seltsame Gebilde, dass sich „Volksrepublik Nordkorea“ nennt.
Ausweitung der Kampfzone: IS-Strategie geht auf
Die Grenze zwischen der Türkei und Syrien ist keine semipermeable Wand. Wenn man es hingenommen hat, dass Waffen und Terroristen durch die Türkei nach Syrien gelangen, darf man sich nicht wundern, wenn Waffen und Terroristen durch selbige Grenze wieder in die Türkei zurückkehren, um den Dschihad dorthin zu tragen.
Nun versucht die Türkei den Fehler eilig zu korrigieren. Elitetruppen und Spezialeinheiten werden an der Grenze zusammengezogen, Gräben werden ausgehoben, Mauern errichtet, Luftangriffe geflogen, Polizeirazzien durchgeführt. Zu spät.
Zischen den Kurden und dem IS herrscht dagegen ein offener Krieg. Unzählige grausame Massaker haben die IS-Terroristen an der kurdischen Zivilbevölkerung in Syrien und im Irak verübt. Ohne Ausreichende Hilfe von außerhalb, weil die Türkei zusah und die irakischen Regierungstruppen unfähig sind, waren die Kurden von Anfang an auf Selbstverteidigung angewiesen.
Der IS hat mit seiner gewohnten Strategie geantwortet: der Ausweitung der Kampfzone. Von Tunesien und Libyen über den Sinai bis nach Saudi-Arabien und Kuwait sowie im Norden bis in die Türkei: Der IS zeigt, dass er überall angreifen und Schrecken verbreiten kann. Nirgendwo ist man vor den Terroristen sicher.
Damit wird es schwierig, den IS geographisch einzukreisen. Zwar gibt es – im Gegensatz zu Al-Qaida – den Versuch, eine Art Territorialstaat aufzubauen. Doch die IS-Kämpfer können jederzeit außerhalb der konventionellen Frontlinien in den Untergrund gehen.
Türkei erlaubt den USA, vom türkischen Boden aus zu operieren
Endlich, aber viel zu spät, ist die Türkei bereit, US-Flugzeuge vom türkischen Territorium aus starten zu lassen. Die Incirlik Air Base ist ein wichtiger Stützpunkt. Die USA hatten in der Vergangenheit immer wieder angefragt, ob sie den Stützpunkt nutzen können. Doch wie bereits im Irak-Krieg und im Golfkrieg stellte sich die Türkei quer, um nicht in den Konflikt hineingezogen zu werden. Daher waren die USA immer wieder auf die arabischen Verbündeten angewiesen und haben ihre Missionen von Süden aus gestartet. Nun scheint sich das Blatt gewendet zu haben.
Währenddessen haben kurdische Untergrundkämpfer ihren eigenen Kampf gegen IS ausgedehnt. Selbst in der Hauptstadt Istanbul wurde am Donnerstag ein mutmaßlicher IS-Kämpfer, der aus Syrien zurückkam, von kurdischen Kämpfern erschossen.
Mittlerweile haben allein in Syrien rund zehn Millionen Menschen ihr Hab und Gut verloren, drei Millionen sind außer Landes geflohen und ein Viertelmillion sind getötet worden. Hinzu kommen die Bürgerkriegsopfer aus dem Irak. Da sind eine Menge alter Rechnungen offen, die auch Jahre später noch beglichen werden. Der Geist der Blutrache wird viele junge Menschen nicht ruhen lassen, bis sie die Täter ausfindig gemacht haben.
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