Der Irak könnte zum Schauplatz eines neuen Stellvertreterkrieges werden

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Der Irak könnte zum Schauplatz eines neuen Stellvertreterkrieges werden
Datum: 08.01.2020 - 08:45 Uhr

In den vergangenen Monaten hatten verschiedene iranische Oppositionsgruppen Demonstrationen gegen das Regime in Teheran auf die Straßen bringen können. Der Unmut über die soziale und wirtschaftliche Lage, die auch durch die andauernden Sanktionen verschärft worden sind, begann sich Bahn zu brechen. Doch dann kam alles anders.

Das Regime hat die Bevölkerung wieder hinter sich vereint

Die Tötung des iranischen Terror-Generals Qassem Soleimani hat die Lage urplötzlich auf den Kopf gestellt. Jetzt ist ein großer Teil der iranischen Bevölkerung wieder hinter dem Regime und ihrem Ajatollah vereint. Zu Hunderttausenden sind die Iraner auf die Straßen gegangen, um ihrem »Helden« als »Märtyrer« die letzte Ehre zu erweisen. Auch bei dessen Trauerzug in Kerman waren wieder Hunderttausende auf den Straßen. Der Massenandrang war so groß, dass an manchen Stellen eine Panik ausbrach und rund 40 Menschen zu Tode getrampelt wurden.

Das Regime in Teheran zelebriert die Trauer um ihren »Helden«. Es weiß, wie man die Massen gegen einen äußeren Feind vereint. Der US-Militärschlag hat ihnen den passenden Vorwand dazu gegeben. Auch wenn der Militärschlag, bei dem Soleimani ums Leben kann, moralisch gerechtfertigt werden kann, wenn man dessen Taten und Pläne bei der Entfaltung des Terror- und Stellvertreterkrieges im Nahen und Mittleren Osten bewertet, so kann er sich allerdings taktisch als großer Fehler herausstellen. Denn die iranische Politik der Proxykriege in Syrien, Libanon und im Jemen wird auch unter seinem neuen Nachfolger unvermindert weitergehen. Außerdem vereint der Anschlag die schiitschen Araber des Südirak mit den ebenfalls schiitischen Iranern.

Schlimmstes Szenario: Internationale Eskalation

Wenn der Iran seine Rache in Form fürchterlicher Terrorakte gegen US-Einrichtungen und gegen israelische Ziele umsetzt, wird die US-Vergeltung unmittelbar folgen. Das steht außer Frage. Beide Seiten drohen sich damit gegenseitig, unverhältnismäßig scharf zu reagieren. Das soll abschreckende Wirkung erzielen.

Das schlimmste Szenario wäre ein Franz-Ferdinand-Effekt, der die Spirale zum großen Krieg auslöst. Denn wenn der Iran überreagiert und Israel und die USA zum umfassenden Gegenschlag zwingt, dann sind automatisch alle Staaten des Nahen und Mittleren Ostens, von der Türkei und Syrien bis Saudi-Arabien sowie Russland involviert. Die weitere Eskalation könnte auch China und Europa mit in den Konflikt ziehen. Doch soweit muss es nicht kommen

Das wahrscheinlichste Szenario: Proxykrieg im Irak

Wir haben einen multiplen Proxykrieg in Syrien und einen Stellvertreterkrieg im Jemen. Die Politik des getöteten Generals Qassem Soleimani war es, die schiitische Achse gegen Israel und die sunnitischen Muslime zu stärken. Diese Achse verbindet den mehrheitlich schiitischen Iran mit dem mehrheitlich schiitischen Süd-Irak (Basra), mit dem alawitischen Assad-Regime in Damaskus und mit den Hisbollah im Libanon. Diese Achse ist die größte strategische Sorge Israels. Denn damit wird die Distanz zwischen Teheran und Jerusalem überbrückt.

Die zweite schiitische Achse verbindet das schiitische Ajatollah-Regime mit der schiitischen Minderheit an der Golfküsten im Osten Saudi-Arabiens und mit den ebenfalls schiitischen Huthi-Rebellen im Jemen. Demgegenüber steht die Allianz der sunnitischen und wahhabitischen Kräfte unter der Führung Saudi-Arabiens.

Die USA, Israel und Saudi-Arabien bilden also eine Art Zweckbündnis gegen Teheran und Damaskus. Doch eine offene Konfrontation wurde bis jetzt vermieden. Die neue Eskalation könnte jedoch dazu führen, dass der Proxykrieg von Syrien und dem Jemen wieder auch auf den Irak übergreift. Damit würde erneut die Wunde zwischen arabischen Sunniten, arabischen Schiiten und Kurden im Irak aufgerissen werden.

Der Truppenabzug der Amerikaner und ihrer Verbündeten der Anti-IS(IS)-Koalition könnte ein Hinweis darauf sein, dass entweder die Lage im Irak als zu bedrohlich eingeschätzt wird oder dass ein Militärschlag auf irakischem Boden gegen Al-Quds-Brigaden und schiitische Milizen bevorsteht.

Soleimani kam im Irak ums Leben. Die Machtfrage des Irak, überhaupt die Frage nach seinem Fortbestand als Staat, ist noch nicht geklärt. Der Irak war sowieso nach dem Sykes-Picot-Abkommen und nach dem Ersten Weltkrieg auf dem Reißbrett der britischen Kolonialmächte entstanden. Er ist ein künstliches Gebilde, genauso wie es Syrien und Jordanien sind. Der Iran dagegen ist in seiner jetzigen Form eine historisch gewachsene Nation, auch wenn nicht alle Iraner Perser sind (es gibt im Süden arabische, im Westen kurdische, im Norden aserbaidschanische und im Osten belutschische Minderheiten).

Der Iran ist wegen seiner Größe, seiner Bevölkerungszahl (ca. 80 Millionen) und seiner Geographie schwer zu besetzen. Also wird eine Verlagerung des Konfliktes auf den ohnehin zerrissenen und im Süden bereits vom Iran beeinflussten Irak sehr wahrscheinlich sein. Damit könnte sich der Leidensweg der Iraker um weitere Jahre fortsetzen.

Sven von Storch

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