Der doppelte Stellvertreterkrieg im Nahen Osten

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Der doppelte Stellvertreterkrieg im Nahen Osten
Datum: 13.05.2016 - 11:16 Uhr

Komplexe Konflikte fördern manchmal die seltsamsten Bündnisse zutage. Eine solches ist die Zusammenarbeit von Israel und Saudi-Arabien. Die wachsende Kooperation zwischen dem saudischen Königshaus und der israelischen Regierung von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu ist Faktum und kein Geheimnis. Benjamin Netanjahu hatte es auf dem Word Economic Forum im Schweizer Davos selbst deutlich gesagt, dass Saudi-Arabien Israel als Bündnispartner gegen den Iran betrachte: „They see, as do many in the Arab World, Israel as an ally rather than as an enemy, because of the two principal threats that threaten them: First is Iran and the second is Daesh.“ Mit Daesh meinte Netanjahu natürlich den sogenannten “Islamischen Staat” (IS). Daesh ist eine andere Form der Abkürzung für „Ad-Daula al-islamiyya fi‘l-Iraq wa asch-Scham“ – „Islamischer Staat im Irak und in Großsyrien“.

Im arabischen Nachrichtensender Al Jazeera wurde die Problematik schon lange diskutiert. Die Annäherung zwischen Saudi-Arabien und Israel ist längst öffentliches Thema. Einer der intellektuellen Gestalter der neuen Allianz ist der ehemalige saudische General Anwar Eshki. Dieser erklärte in einem Fernsehinterview, dass es zwar einen gemeinsamen Gegner gäbe, nämlich das iranische Regime, betonte aber, dass die Motivationen andere seien. Israel würde sich vornehmlich vor einer iranischen Atombombe fürchten, Saudi-Arabien sehe sich dagegen generell von Iran bedroht, weil Teheran sich in innerarabischen Angelegenheiten einmische. Eshki vergaß allerdings zu erwähnen, dass Israel auch die iranischen Verbündeten, nämlich die Hisbollah im Libanon und das Regime von Assad seit jeher als Gegner betrachtet und einer schiitischen Achse vom Iran bis zum Mittelmeer mit Sorgen gegenübersteht.

Die Einschätzung in Bezug auf den Iran spiegelt sich in der öffentlichen Meinung in Saudi-Arabien wider. Nach einer aktuellen Umfrage würden dort 52 Prozent der Saudis den Iran, nur 18 Prozent Israel als größte Bedrohung ansehen. Aktuell wird diese Entwicklung verschärft, denn Saudi-Arabien größtes militärisches Engagement findet zurzeit im Jemen statt, wo die vom Iran unterstützten schiitischen Huthi-Rebellen bekämpft werden.

 

Kalter Krieg zwischen Saudi-Arabien und dem Iran, bei dem Israel auf der Seite Saudi-Arabiens steht


Damit wird das Bild eines Kalten Krieges bestätigt, dass seit langem den Nahen und Mittleren Osten belastet und der nach ähnlichen Mustern verläuft, wie einst der Kalte Krieg zwischen den USA und der Sowjetunion.

Auf der einen Seite steht der Iran mit der Agenda seines schiitischen Gottesstaates. Seine Verbündeten sind die schiitischen Hisbollah im Libanon, die schiitischen Araber im Süden des Irak, die derzeit die Regierung in Bagdad stellen, das Regime des Alawiten Baschar al-Assad in Syrien, die schiitischen Huthi-Milizen im Jemen, die schiitische und regierungskritische Minderheit im Osten Saudi-Arabiens und die schiitische Bevölkerungsmehrheit auf dem Inselkönigreich Bahrain, die von einer sunnitischen Minderheit unterdrückt wird.

Auf der anderen Seite steht Saudi-Arabien. Dessen Verbündete sind die kleinen Golfscheichtümer, insbesondere Katar und Bahrain, aber auch die Vereinigten Arabischen Emirate, die Sunniten im Jemen und im Norden des Irak sowie indirekt die Türkei. Ein ebenso wichtigster Verbündeter ist Israel – nicht aufgrund religiöser oder ideologischer Gemeinsamkeiten, sondern wegen des gemeinsamen Feindes.

Der Kalte Krieg zwischen dem Iran und Saudi-Arabien zieht also die gesamte Region in Mitleidenschaft. Stellvertreterkonflikte sind der Krieg in Syrien und im Norden des Irak sowie der Bürgerkrieg im Jemen, in dem Saudi-Arabien militärisch mit harten Mitteln eingegriffen hat. Auch in Bahrain war das saudische Militär aktiv, als nämlich 2011 ein Aufstand der dortigen Schiiten mithilfe saudischer Truppen niedergeschlagen wurde. Saudi-Arabien ist seit langem der größte Waffenimporteur des Nahen und Mittleren Ostens.

Hauptbefürchtung der Saudis und der Israelis ist die Stärkung der sogenannten schiitischen Achse, die sich vom Iran, über den Südirak und Syrien bis zum Libanon erstreckt. Die schiitischen Hisbollah im Libanon und das Regime von Assad sind neben dem Iran seit vielen Jahrzehnten die strategischen Hauptgegner Israels.

Die Palästinenser, die in ihrer Mehrheit auf Seiten der Israelgegner stehen, sind neuerdings irritiert wegen der Zusammenarbeit zwischen Israel und Saudi-Arabien. Sie verstehen nicht, weshalb Saudi-Arabien im Jemen aktiv eingreift, aber bei den Bombardierungen des Gaza-Streifens zugesehen hat. Tatsache ist jedoch, dass Palästina für Saudi-Arabien strategisch und sicherheitspolitisch keine große Rolle spielt. In Riad fürchtet man sich vielmehr vor der Einkesselung des eigenen Landes durch Verbündete des Iran. Das ist das größte Sicherheitsbedenken der Saudis.

 

Der Kalte Krieg zwischen Russland und den USA und seine Stellvertreterkonflikte im Nahen Osten


Oberhalb des Kalten Regionalkrieges zwischen dem Iran und Saudi-Arabien bleibt nach wie vor der globale Konflikt zwischen den USA und Russland. Der Nahe und Mittlere Osten war bereits zu Sowjetzeiten ein zentrales Konfliktgebiet zwischen den Supermächten. Während die USA schon früh Israel unterstützten und besonders nach dem Sechstagekrieg von 1967 erkannt hatten, dass Israel für die USA der ideale Fuß in der Tür des Nahen Ostens sei, und während sie Ägypten durch den Machtwechsel von Gamal Abdel Nasser zu Anwar el-Sadat auf ihre Seite ziehen konnten, waren Syrien und lange Zeit auch der Irak stark an die UdSSR gebunden.

Nach all den Umbrüchen durch den Zerfall der Sowjetunion und des Ostblocks, durch die Golfkriege sowie ab 2011 durch den arabischen Frühling, war einzig und allein Syrien als wichtiger Bündnispartner den Russen geblieben. Der russische Militärstützpunkt in Syrien ist ihr einziger außerhalb des Gebietes der ehemaligen Sowjetunion. Assad blieb den Russen treu, als die Golfstaaten eine Erdgas-Pipeline durch Syrien in die Türkei planen wollten, um auf diese Weise den europäischen Markt zu bedienen, damit diese von russischen Gas unabhängiger werden. Assad hatte sich damals solchen Plänen widersetzt. Im Gegenzug hält Russland Assad die Treue. Denn wenn Syrien fällt und tatsächlich das größte Erdgasfeld der Welt im Persischen Golf durch Katar ausgebeutet wird und das Erdgas via Pipeline nach Europa geleitet würde, wäre dies ein ökonomischer Gau für Russland, das von seinem Gasexport abhängig ist.

 

Syrien als geostrategischer Dreh- und Angelpunkt des Nahen Ostens


Die Tatsache, dass in Syrien ein doppelter Kalter Krieg einen heißen Stellvertreterkrieg toben lässt, nämlich zwischen den Regionalmächten Israel, Saudi-Arabien und dem Iran sowie zwischen den Supermächten USA und Russland, ist der Grund für die Hoffnungslosigkeit, die sich im Falle Syriens zeigt.

Die Rebellengruppen sowie die islamischen Gruppierungen wie Al-Nusra und der IS wären niemals so stark und einflussreich geworden, wenn sie nicht ihre Unterstützer aus dem Ausland gehabt hätten. Und das Assad-Regime wäre niemals so standhaft geblieben, wenn Russland es nicht unterstützt hätte.

Allein die komplexe Lage und die Priorität der geostrategischen Fragen über ideologische macht es möglich, dass die Nahostkriege solch seltsame Blüten hervorbringen wie der Schulterschluss zwischen der israelischen Regierung von Netanjahu und dem salafistisch-wahhabitischen Königshaus in Riad. Beide haben nichts gemein, außer dem gemeinsamen Feind, nämlich den Iran – und einem gemeinsamen Verbündeten: die USA.


( Schlagwort: GeoAußenPolitik )

Sven von Storch

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