Das doppelte Spiel mit der Angst
Das doppelte Spiel mit der Angst
Datum: 08.07.2016 - 11:56 Uhr
Angst ist eine tiefe Emotion. Mit ihr lässt sich spielen. Die Massenmedien beherrschen dieses Spiel perfekt. Um Bewegung in die Gesellschaft zu bringen, werden Probleme benannt. Dann wird ein Drama konstruiert. Feindbilder werden an die Wand gemalt. Angst wird erzeugt. Schließlich wird die Dynamik in eine bestimmte Richtung gelenkt.
Doch wehe, Stimmen aus der Bevölkerung artikulieren Sorgen, die der Presselandschaft nicht ins dramaturgische Konzept passen. Wer die tatsächlichen Sorgen der Bevölkerung aufgreift und zusammenfasst, wird schnell als „Angstmacher“ und „Populist“ dargestellt, als jemand, der mit den Sorgen der Menschen spielt. Die Bezeichnung „besorgte Bürger“ wird in der Presse mittlerweile als Synonym für „potentielle Faschisten“ missbraucht. Das ist ein Code.
Presse bestimmt, wovor man Angst haben soll und welche Sorgen ernst zu nehmen sind
Die Menschen hören nicht nur auf den „Wetterbericht“ in den Medien. Sie gehen auch raus und sehen, wie das „Wetter“ wirklich ist. Dann erkennen sie, ob sich der „Meteorologe“ geirrt hat oder nicht.
Das, was die Menschen mit eigenen Augen sehen, bereitet ihnen Sorgen. Hier ist es gerechtfertigt, wenn diese Sorgen artikuliert werden. Wer die wachsende Kriminalität, die zunehmende Verwahrlosung von Teilen der Bevölkerung, den Zerfall der Familien und der gesellschaftlichen Werte, die soziale und materielle Armut mit eigenen Augen sieht und den schmerzhaften Geldschwund im eigenen Portemonnaie selbst erlebt, will seine Sorgen darüber zum Ausdruck bringen.
Die Menschen haben Sorgen, die von den Medien nicht aufgegriffen werden. Gleichzeitig werden ihnen Ängste eingeflößt, die von den Alltagssorgen und der eigenen Erfahrung abgekoppelt sind. Man soll sich über Politiker wie Wladimir Putin oder Victor Urban aufregen, darf sich aber nicht über die Probleme vor der eigenen Haustür beschweren. Wie sollen die Bürger damit umgehen?
Wir leben in einer Zeit der Widersprüche. Die Bürger erfahren, dass kein Geld für die verrotteten Schulgebäude, kaputten Straßen, verwahrlosten Parks vorhanden sei. Gleichzeitig werden zusätzliche Milliarden für die Rüstung gegen Russland, für die Euro-Rettung, für Prestigeprojekte und für die Aufnahme von Millionen Zuwanderern aufgebracht. Die deutschen Leitmedien suggerieren den Bürgern auf der Straße, dass deren eigene Nöte nicht so dringlich seien wie die großen Projekte der Regierung. Man solle lieber Angst vor Putin haben als vor dem Verlust des eigenen Arbeitsplatzes.
Widersprüche der deutschen Medien sorgen für Verwirrung unter den Bürgern
Die Sorgen der Menschen finden in also zu wenig Eingang in die Leitmedien. Gleichzeitig drängen die Medien den Menschen Ängste und Sorgen auf. Wenn diese Sorgen schließlich von den Menschen aufgegriffen werden, werden sie wieder marginalisiert. Die Bevölkerung wird in einen Sumpf der Widersprüche gezogen.
Beispiele gefällig? Wir erinnern uns, wie die Medien jahrelang kritisch über die Ausbreitung des Islam berichteten. Die Spiegel-Ausgabe vom 26.03.2007 hatte ein interessantes Titelbild. Zu sehen war das Brandenburger Tor und darüber ein islamischer Halbmond mit Stern. Titel: „Mekka Deutschland: Die stille Islamisierung“.
Auf Seite 22 ging es klar zur Sache. „Haben wir schon die Scharia?“ hieß der Titel des Artikels. Es ging um einen Justizskandal. Der Spiegel hielt fest: „Die dritte Gewalt tut sich schwer mit den Problemen der deutschen Einwanderungsgesellschaft. Allzu viele Urteile spielten bereits Islam-Fundamentalisten in die Hände“.
Es ging um einen Fall, bei dem einer muslimischen Frau in Deutschland von ihrem Mann Gewalt angetan wurde. Der Mann bekam ein mildes Urteil. Begründung der Richterin: Die Frau habe damit rechnen müssen, dass ihr Mann so reagiere, weil er aus einem islamischen Land komme, in welchem die Männer das Züchtigungsrecht hätten. Der Aufschrei in den Medien war groß.
Doch der Spiegel war nicht allein. In den letzten zwanzig Jahren haben sich fast alle großen Zeitungen und Fernsehsender an der Berichterstattung über die wachsende Ausbreitung des Islams in Deutschland und über die Gefahr von Parallelgesellschaften beteiligt. Parallel liefen Horrorberichte über den islamistischen Terrorismus ununterbrochen über den Äther.
Mit dem Politikwechsel der Regierung im Sommer 2015 hat sich das alles grundlegend geändert. Der Islam gilt plötzlich als friedliche Religion. Widerspruch ist islamophob und rassistisch. Dass Deutschland bunter werde, sei eine positive Entwicklung. Die Gefahren islamischer Parallelgesellschaften würden aufgebauscht. Die rechtspopulistischen Parteien wie die AfD würden mit den Ängsten der Bürger spielen und irreale Schreckensszenarios an die Wand malen.
Das Ergebnis ist eine Suppe aus Widersprüchen:
Einerseits wird in den deutschen Medien über die Unterdrückung der Frau im Islam berichtet und über den fundamentalistischen Terrorismus. Andererseits wird jede Reaktion darauf als islamophob und fremdenfeindlich konnotiert.
Einerseits wird in den deutschen Medien der Feminismus als heilsbringende Ideologie propagiert. Andererseits soll die Bevölkerung Verständnis für die Rolle der Frau im Islam aufbringen. Wer die Rolle der Frau im Islam als Unterdrückung deklariert und die archaisch-patriarchalische orientalische Kultur kritisch hinterfragt, wird mit dem Vorwurf der „gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“ konfrontiert.
Einerseits wird in den deutschen Medien bildgewaltig vom Terrorismus der islamistischen Fundamentalisten und ihren Gräueltaten berichtetet. Andererseits werden seitens der Bürger artikulierte Sorgen vor einer Ausbreitung des Islams in Europa als fremdenfeindlich dargestellt.
Diese Verstrickung in Widersprüchen setzt sich bei anderen Themen fort.
Einerseits wird in den deutschen Medien vom Wirtschaftsaufschwung berichtet und von einer positiven Arbeitsmarktsituation. Andererseits sehen die Menschen auf der Straße die wachsende Armut im Lande. Sprechen sie das an, wird ihnen falsche Wahrnehmung attestiert.
Einerseits wurde jahrelang der deutschen Bevölkerung medial klargemacht, wie schrecklich Krieg ist. Andererseits wird die Befürwortung für mehr Bundeswehreinsätze in aller Welt verlangt. Wer sich dagegen ausspricht und zu einer Friedensdemonstration geht, gilt als „Putinversteher“, „Querfrontler“ oder als „anti-amerikanisch“.
Es gibt hunderte Beispiele für dieses Phänomen. Die deutschen Medien erzeugen ein Angstbild. Reagiert die Bevölkerung auf dieses Angstbild, wird sie deswegen angegriffen. Wortführer, die die Sorgen der Menschen aufgreifen, gelten erneut als gefährliche Populisten.
Angstmache bei EU-Themen: Beispiel Brexit & Co.
Es ist immer wieder dasselbe Spiel. Ein Ereignis steht an. Es gibt ein Referendum oder eine politische Abstimmung. Die Bürger sind zur Wahl aufgefordert. In den Redaktionsabteilungen wird ausgemacht, wo man als Zeitung oder Fernsehsender steht. Wenn es um die EU geht, sind sich die meisten deutschen Massenmedien einig: EU über alles!
Als die Briten über den Beitritt zur Euro-Zone diskutierten, wurde ein Horrorszenario entworfen, wie schlecht es dem Vereinigten Königreich gehen würde, wenn es nicht dem Währungsraum beitrete. Doch all die Unkenrufe haben sich nicht bewahrheitet.
Als die Norweger über den Beitritt zur EU abstimmten, versuchte es die Presse erneut mit Angstkampagnen. Norwegen würde wirtschaftlich ins Abseits rutschen, wenn es nicht der EU beitrete, hieß es damals. Doch das ist nicht eingetreten. Die Norweger stehen wirtschaftlich auf festen Füßen.
Man könnte viele Beispiele aufzählen, bis zum aktuellen Brexit, dem Austritt Großbritanniens aus der EU. Um ein bestimmtes Wahlergebnis zu erzielen, wurde mit der Angst gespielt: Angst vor dem wirtschaftlichen Niedergang, Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes, Angst vor einem Börsencrash.
Betrachten wir die andere Seite der Medaille. Seit Jahren steigt die Zahl der EU-Kritiker. In vielen europäischen Ländern wachsen die Parteien, die der EU und der Brüssler Bürokratie kritisch gegenüberstehen. In solchen Fällen drehen die Medien den Spieß um. Nun sind es die „Populisten“ der „rechten“ und „linken“ Parteien, die die Sorgen der Menschen missbrauchen würden, um Angst vor dem Zentralismus der EU, Angst vor Zuwanderern, Angst vor Haftung durch den Steuerzahler zur Rettung des Euro zu schüren.
Damit ist klar geworden: Die Medien kanalisieren nicht die Ängste, Nöte und Sorgen der Bürger, sondern bestimmen selbst, worüber sich die Menschen Sorgen machen sollen. Hier hilft nur Distanz. Man braucht einen klaren Kopf, um nicht in einen Sog der gesteuerten Massenhysterie zu geraten.
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