Bricht Syrien bald auseinander_

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Bricht Syrien bald auseinander_
Datum: 17.03.2016 - 09:00 Uhr

Die Kurden in Rojava, ihrem Gebiet im Norden Syriens, können es nicht mehr abwarten. Sie wollen wie die Kurden im Nordosten des Irak ihr eigenes Autonomiegebiet ausrufen und international anerkannt werden. Aktuell geistert eine Meldung durch die Medien, dass diese offizielle Autonomieerklärung bald erfolgen soll, vermutlich in diesen Tagen. So zumindest berufen sich die Zeitungen auf eine dpa-Meldung und kurdische Quellen. Die Basis des neuen Autonomiegebietes sollen die drei bereits existierenden und von der kurdischen Partei PYD regierten Selbstverwaltungsgebiete sein, deren Kern das Gebiet von Rojava im Norden Syriens ist. Für die Türkei ist das ein No-Go. Denn die PYD gilt als Ableger der PKK. Die Türken wollen kein Rückzugsgebiet der PKK an ihrer Südflanke.

Zeitgleich verschärft sich wieder der Gegensatz zwischen dem Assad-Regime und den moderaten Oppositionsgruppen. Die Assad-Vertreter haben die Annäherung abgebrochen.
Offizielle Friedensgespräche wurden erstmal abgelehnt. Damit ergibt sich für die Kurden im Norden ein Zeitfenster für ein eigenständiges Vorpreschen in Richtung Unabhängigkeit. Allerdings soll diese Unabhängigkeit nicht gleich zu einem eigenen Staat führen, sondern Teil eines anzustrebenden föderalen Systems in Syrien sein, behaupten die Kurden. Doch wie man aus der Geschichte kennt (siehe Sowjetunion), führen solche Versuche oftmals am Ende doch zur endgültigen Auflösung des Gesamtstaates.

Schon lange werden Teilungspläne Syriens diskutiert. Doch sie bleiben theoretische Konstrukte in den Schubladen der westlichen Think Tanks. Denn Baschar al-Assad will auf jeden Fall die Einheit des Landes beibehalten. Und er hat die Unterstützung Wladimir Putins. Zwar zieht Russland seine Truppen zurzeit ab. Doch dies ist nur eine vorübergehende Maßnahme. Wenn sich die Lage in Syrien ändern sollte, könnten die Russen ihre Truppen dort schnell wieder aufstocken.

Aus der aktuellen Lage ergibt sich eine wichtige Fragestellung: Wie wahrscheinlich ist mittelfristig ein Auseinanderbrechen Syriens? Wenn man sich wichtige Fakten der syrischen Geschichte vor Augen hält, ist es fast schon ein Wunder, dass Syrien als Staat in der heutigen Form so lange durchgehalten hat. Denn das Land oszillierte schon lange im Spannungsfeld zwischen ethnisch-religiöser und territorialer Aufspaltung einerseits und dem Sog, in einem größeren Gebilde aufzugehen, andererseits.

Syrien ist ein künstliches Staatsgebilde

Syrien hat in der heutigen Form vor 1946 nie existiert. Es handelt sich keineswegs um eine gewachsene Nation. Für die Entstehung des modernen Staates Syrien war das Sykes-Picot-Abkommen von 1916 verantwortlich. In einer geheimen Verabredung hatten der französische Diplomat Francois George-Picot und sein britischer Kollege Mark Sykes den Nahen Osten unter sich aufgeteilt. Großbritannien beanspruchte Mesopotamien und Palästina, Frankreich den Libanon und den Großraum Syrien. Daraus entstanden die späteren Mandatsgebiete und schließlich Staaten: Israel, Palästina, Jordanien und der Irak aus dem britischen Mandatsgebiet, Syrien und der Libanon aus dem französischen.

Syrien ist eine vielfältige und uralte Kulturregion des Vorderen Orients. Bereits vor fünftausend Jahren gab es hier Städte und Hochkulturen, die parallel zu den Hochkulturen der Sumerer und Ägypter entstanden waren. Doch das Gebiet des heutigen Syriens war über die meiste Zeit seiner Geschichte Bestandteil anderer größerer Reiche. Im Altertum war die Region abwechselnd von Akkadern, Babyloniern, Hethitern, Ägyptern, Assyrern, Persern, Griechen und Makedoniern, Römern und Byzantinern sowie im Mittelalter und in der Neuzeit von Arabern und Osmanen in ihre jeweiligen Reiche als Provinz einverleibt worden. Ein Staatsgebilde, das dem heutigen Syrien vergleichbar war, gab es nicht.

Die Araber haben die Grenzziehungen immer kritisiert

Bei den Grenzziehungen der britischen und französischen Administratoren wurde nach geographischen und strategischen Gesichtspunkten entschieden. Ethnische, religiöse oder sprachliche Aspekte blieben im Hintergrund. So fügten die Briten die osmanischen Provinzen von Mosul, Bagdad und Basra zum Irak zusammen, schnitten Kuwait ab und teilten das arabisch-sunnitische Gebiet im Nordwesten mit den Franzosen. Frankreich löste ein Stück der syrischen Küstenregion (bei Antiochia) heraus und überließ es der Türkei. Besonders die Kurdenregionen wurden ohne Rücksicht auf die dortigen Bevölkerungen durchtrennt und aufgeteilt.

In der arabischen Welt wurden die willkürlichen Grenzziehungen immer kritisiert. Auch der sogenannte „Islamische Staat (IS)“ hat das Sykes-Picot-Abkommen für ungültig erklärt und versucht ein Syrien und den Irak umspannendes islamisches Staatsgebilde zu schaffen.

Syrien war seit 1946 ein säkularer Staat mit pan-arabischen Ambitionen

Im Verhältnis zu vielen anderen arabischsprachigen Staaten war Syrien lange Zeit sehr fortschrittlich. Die Städte waren multikulturell, die Staatsform säkular-sozialistisch. Es wurde die allgemeine Schulpflicht eingeführt. Mädchen gingen, wie im Irak, in Schuluniformen zur Schule. Ein Großteil der Bevölkerung Syriens war schon seit Jahrhunderten städtisch oder in Dörfer organisiert. Man lebte vom Handel oder von der Landwirtschaft. Der Anteil von nomadisierenden Beduinen war sehr gering.

Diese Tradition unterscheidet sich deutlich von der beduinischen Tradition Saudi-Arabiens. Daher haben beide Kulturen einen unterschiedlichen Bezug zur Religion. Während in Syrien unterschiedliche Konfessionen über die meiste Zeit mehr oder weniger friedlich miteinander auskamen (Schiiten, Alawiten, Sunniten, Drusen, Juden, Christen), war die religiöse Welt im Herzen der arabischen Halbinsel homogener, radikaler, konkreter und stringenter.

Von 1958 bis 1961 gab es eine Vereinigte Arabische Republik. Dies war ein Zusammenschluss von Syrien mit Ägypten. Zeitweise hatte sich der nördliche Jemen angeschlossen. Präsident dieses Gebildes war der ägyptische Staatschef Gamal Abdel Nasser. Politisches Bindeglied war die pan-arabisch sozialistische Baath-Partei. Gegner dieses Gebildes war das Königreich Saudi-Arabien. Man sieht: Eine syrische Identität sollte wenige Jahre nach Staatsgründung in einer größeren pan-arabischen aufgehen.

Religiöse Konflikte wurden von außen hineingetragen

Die ursprüngliche Gelassenheit und Alltäglichkeit im Umgang mit den unterschiedlichen Konfessionen und ethnischen Gruppen änderte sich erst in den letzten Jahren. Viele religiöse Gegensätze wurden von außen verstärkt. Migranten aus anderen arabischen Ländern, die sich nicht so schnell in die Gesellschaft integrieren konnten, schärften ihr religiöses Profil. Es war eine Frage der Identität. Vor allem aber vertreten viele Syrier die Ansicht, dass ihr Land von außen gespalten wurde, indem religiöse Gruppen gegeneinander aufgehetzt wurden.

Die Tatsache, dass es vor zwei Jahrzehnten in Syrien und im Irak noch sunnitisch-schiitische Mischehen gab, spricht Bände. Hinzu kommt, dass durch die Einwanderung von Palästinensern nach 1948 und Irakern während der Golfkriege und des Irakkrieges sich das Zahlenverhältnis der Konfessionen verändert hat. Die Zahl der Sunniten hat im Gegensatz zu den anderen religiösen Gruppen überproportional zugenommen.

Syriens Bevölkerung hat sich seit den 1980er Jahren verdoppelt

Demographischer Druck und Verschiebungen in den ethnischen und konfessionellen Zahlenverhältnisse haben die Krise in Syrien verstärkt. Noch 1960 hatte Syrien rund 4,7 Millionen Einwohner, 1981 waren es etwa 9,3 Millionen. 2010, kurz vor dem sogenannten arabischen Frühling, waren es fast 21 Millionen. Die Bevölkerung hatte sich in drei Jahrzehnten mehr als verdoppelt. Das lag nicht nur an der gestiegenen Geburtenrate, sondern auch an der Zahl der Immigranten aus Palästina, dem Irak, dem Libanon (während des dortigen Bürgerkrieges) und anderen arabischen Ländern.

Die rasanten demographischen Veränderungen haben auch die Zahlenverhältnisse der kulturellen, religiösen und ethnischen Gruppen verändert. Der Familien-Clan von Hafiz al-Assad und dessen heutigen Sohn Baschar al-Assad gehört zu den Alawiten. Doch die Tatsache, dass die Alawiten im syrischen Staat viele wichtige Positionen besetzen liegt unter anderem auch darin begründet, dass ihr zahlenmäßiger Anteil in der Vergangenheit höher war.

Ein Zerbrechen Syriens scheint wahrscheinlich

Aus den Ausführungen ergibt sich das Bild einer politisch, religiös-konfessionell, ethnisch und sprachlich heterogenen syrischen Gesellschaft. Der Staat war eine künstliche Gründung der jüngeren Geschichte. In den letzten Jahrzehnten gab es massive demographische Veränderungen durch Zuwanderungen, die auch das Verhältnis der einzelnen Religionsgruppen veränderte. Und schließlich wurde an allen Ecken spalterisch gezündelt, um das Land zu destabilisieren.

Angesichts dieser Tatsachen ist es mehr als wahrscheinlich, dass Syrien mittel- oder langfristig auseinanderbrechen oder in einen losen Bundesstaat verwandelt wird. Ein starker Zentralstaat ließe sich nur mit Gewalt durchsetzen – denn es käme sofort die Frage auf, welche Gruppe wie viele Positionen in der Regierung bekommt.

 

( Schlagwort: GeoAußenPolitik )

Sven von Storch

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