Big Data is watching you!
Big Data is watching you!
Datum: 11.05.2018 - 09:57 Uhr
Die Überwachung von heute ist weniger aufdringlich und offensichtlich als sie bei der Gestapo oder Stasi war. Die meisten Menschen merken nicht einmal, was sie alles an Informationen preisgeben. Solange sie im Rhythmus des Systems mitmarschieren, wird ihnen die vollkommene Überwachung vielleicht gar nicht auffallen. Doch wehe dem, der sich bewegt: Er wird seine Ketten spüren.
Die Überwachung von heute funktioniert indirekt. Und zwar so: Staatliche Institutionen, besonders in den USA, gewähren Stipendien und Forschungsgelder für Wissenschaftler an Universitäten und Technischen Hochschulen. Paradebeispiele in den USA sind die Harvard University oder das MIT in Cambridge bei Boston. Mit diesen Forschungsgeldern werden große Projekte finanziert – wie in den 1980er und 1990er Jahren die Entwicklung des Internets selbst. Viele Projekte werden irgendwann für die freie Wirtschaft freigegeben. Das heißt: Die Konzerne können dann auf des Steuerzahlers Kosten finanzierte Forschungserkenntnisse zu ihrem Gewinn nutzen.
Doch irgendwann kommen die staatlichen Institutionen zurück und fordern die Preisgabe von Daten, die beispielsweise für Zwecke der »nationalen Sicherheit« benötigt werden. Klar, dass Microsoft, Facebook und Google nicht »Nein!« sagen werden, wenn die NSA, das U.S. Department of Homeland Security oder die CIA eine Dringlichkeitsanfrage zur Herausgabe von Daten stellen. Wenn es um die nationale Sicherheit geht, darf man sich nicht in den Weg stellen. Damit wird schließlich geerntet, was gesät wurde.
Die Datenmengen, die über das Internet gesammelt werden, sind so groß, dass sie nicht überblickt werden können. Sie sind größtenteils einfach nur gespeichert. Daher die riesigen Speicher der NSA! Niemand weiß, welche Daten in welchem Zusammenhang zukünftig relevant sein werden. Wenn also beliebig viele Informationen über ein Individuum gespeichert sind, bleiben sie zunächst unsortiert archiviert. Wenn dieses Individuum jedoch herausgefiltert wird, um speziell untersucht zu werden, dann können alle Daten und Meta-Daten zusammengeführt werden, um ein detailreiches Bild dieser Person zu rekonstruieren. Dann wird alles vernetzt: Kontodaten, Kontobewegungen, GPS-Daten, Krankenakten, Versicherungsakten, Verwaltungsdaten, Konsumverhalten, Nutzung des Internets, Anfragen bei Suchmaschinen wie Google, persönliche Netzwerke in den sozialen Netzwerken, Telefonkontakte, Interneteinträge, Geschäftsdaten und vieles mehr. Jeder Kauf, der mit Karte bezahlt wird, jede Nutzung des Smartphones, jede Abrechnung, jedes Flugticket – alles kann in das Profil einfließen. Die Gesamtsumme an Informationen, die man über eine Person via Big Data vereinen kann, ist so groß, dass sie alle Vorstellungen von klassischen Geheimdienst-Akten bei weitem übertrifft.
Aber die Daten, die weltweit an verschiedenen Orten über mich gespeichert werden, dürfen doch nicht herausgegeben werden – mag sich der Einzelne denken und sicher dabei fühlen. Tatsächlich gibt es in den meisten Ländern aufwändige Datenschutzgesetze. Doch mit der richtigen Begründung und dem nötigen Druck lässt sich alle Daten herankommen. Es kommt nur darauf an, wer zu welchem Grund anfragt. Wenn die US-Behörden eine Information als absolut Sicherheitsrelevant ansehen, kann man davon ausgehen, dass sie an diese Informationen auch herankommen werden.
Faustregel: Die digitale Entwicklung ist in der Regel weiter als das Vorstellungsvermögen der meisten Menschen es wahrhaben will
In den 1960er Jahren brauchte man einen Computer, der so groß ist wie ein Haus, um Datenmengen zu verarbeiten, die in den 1980er Jahren bereits ein Home Computer verarbeiten konnte. Ab den 1990er Jahren kam das Internet hinzu, und selbst die kühnsten Forscher hatten kaum eine Vorstellung davon, wie viele Daten in wenigen Jahrzehnten weltweit mit einem Klick abgerufen werden können. Mittlerweile arbeiten die Wissenschaftler an Quanten-Computern, um in eine weitere Dimension der Informationsspeicherung zu gelangen.
Nicht minder rasant ist die Entwicklung von den einst großen Mobiltelefonen der 1990er zu den heutigen Smartphones. In Zukunft werden die Vernetzungen von »intelligenten Haushaltsgeräten« hinzukommen. Dann werden Daten nicht nur von unserem Fernseher und Handy gesammelt und ausgewertet, sondern auch von unserem Kühlschrank, unserer Heizung oder unserem Wasserzähler. Man spricht schon von »Smart Homes«. Mehr und mehr Firmen ziehen es vor, Daten aus der Ferne zu sammeln als regelmäßig jemanden persönlich vorbeizuschicken, der die Stromdaten abliest. Das bedeutet auch, dass immer mehr Dienstleistungsunternehmen Datenmengen zentralisieren, um einen Überblick über wichtige Tendenzen und das Kundenverhalten zu bekommen. Auch diese Daten können zweckentfremdet werden.
Ebenfalls in diesem Kontext von großer Bedeutung ist der Fortschritt in der digitalen Bezahlung. Immer mehr Finanztransfers finden rein digital statt. Damit fallen weitere gigantische Datenmengen an – und mit ihnen die Missbrauchsmöglichkeiten. Eine hundertprozentige Sicherheit des jeweils aktuell gültigen Datenschutzes kann nie gewährleistet werden. Immer wieder passiert es, dass Hacker in die Datenbasen großer Konzerne eindringen und Kundendaten stehlen.
Die Datenmengen wachsen also rasant an. Doch ebenso schnell wachsen die technischen Möglichkeiten, die Daten nach immer neuen Gesichtspunkten neu zu analysieren und zu vernetzen. Ein zusätzliches Problem ist, dass sich dadurch immer wieder neue Möglichkeiten ergeben, einstmals anonymisierte Daten wieder bestimmten Personen, Personengruppen oder Institutionen zuzuordnen.
Datenschutz und Regulierungen hinken der digitalen Entwicklung immer hinterher. Experten müssen sich immer mehr spezialisieren, um auch nur den Hauch eines Überblicks zu behalten. Für Laien wird die Entwicklung stets unübersichtlich bleiben.
Hackerangriffe werden immer seltener von einzelnen Technikfreaks verübt, sondern immer häufiger von Organisationen. Alle großen Staaten bereiten sich mit Spezialeinheiten auf einen Cyberkrieg vor. In den USA gibt es gehäuft Beschwerden darüber, wie Chinesen in Firmennetze von US-Unternehmen eindringen. China beschäftigt von staatlicher Seite Zehntausende von IT-Experten, die den ganzen Tag nichts anderes machen, als das Netz auf Schwachstellen zu untersuchen. Regierungen weltweit wissen, einem wirklichen Krieg wird der Cyberangriff zuvor kommen.
Ideale Rahmenbedingungen für totalitäre Diktaturen
Doch für den einzelnen Bürger bleibt vor allem die unübersichtliche Überwachung ein Problem. Was dagegen weniger gesehen wird, sind die subtilen Manipulationsmöglichkeiten. Bereits das gezielte Einspielen von Werbung kann die Wahrnehmung des Menschen von der Welt erheblich beeinflussen. Auch das gezielte Auswählen oder Zensieren von Nachrichten hat großen Einfluss auf die Weltsicht der Menschen.
Der Leiter des Instituts für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse, Armin Grunwald, kommt zur Schlussfolgerung, dass es in der Menschheitsgeschichte noch niemals so gute Rahmenbedingungen für eine totalitäre Diktatur gegeben habe wie heute.
In solchen Zeiten wäre also höchste Vorsicht angebracht. Doch das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Ein Blick in das Alltagsleben der meisten Menschen zeigt, wie sehr sie schon Sklave ihres Mobiltelefons geworden sind. Man braucht nur auf die Straße zu gehen oder sich in die U-Bahn zu setzen, um zu erkennen, in welche Richtung sich unsere Gesellschaft bewegt.
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