Atommacht am Abgrund_ Pulverfass Pakistan

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Atommacht am Abgrund_ Pulverfass Pakistan
Datum: 29.03.2016 - 09:30 Uhr

Der grausame Anschlag vom Ostersonntag hat die Welt erschüttert. In der pakistanischen Millionenstadt Lahore in der Provinz Punjab hat sich ein Selbstmordattentäter in einem Park mit 20 Kilogramm Sprengstoff  in die Luft gesprengt. Er hat mehr als 70 Menschen in den Tod gerissen und über 300 verletzt. Die meisten Opfer sollen Frauen und Kinder gewesen sein. Nach dem Osterfest waren besonders viele Christen im Park. In der Nähe eines Kinderspielplatzes wurde ihnen der festliche Tagesausflug zum Verhängnis.

Die dortigen Parks mit ihren Grünflächen und Kinderspielplätzen sind für die arme und kleinbürgerliche Bevölkerung in den Großstädten Pakistans die einzigen Orte, an denen man ungestört einen schönen Tag im Grünen verbringen kann. Die Muslime kommen gern hierher nach den Freitagsgebeten, die Christen am Sonntag. Doch eigentlich sind die Parks zu jeder Zeit sehr belebt, besonders an heißen Tagen.

Der Terroranschlag war nicht der erste in diesem Monat. Es hatte bereits am 8. März einen blutigen Sprengstoffanschlag gegeben, bei dem zahlreiche Menschen ums Leben kamen. Außerdem war im Norden Pakistans ein Bus gesprengt worden, indem zahlreiche Staatsbeamte saßen.

Zu dem jüngsten Anschlag am Sonntag haben sich die radikal-islamischen Taliban bekannt. Die Taliban sind in Pakistan mindestens ebenso aktiv wie sie es in Afghanistan sind. Ob die Christen im Park das primäre Anschlagsziel waren oder der Anschlag lediglich Schrecken verbreiten sollte und gegen die Regierungspolitik gerichtet war, ist noch unklar. Angeblich sollen die Taliban inzwischen verkündet haben, weitere Anschläge durchführen zu wollen, insbesondere auf Schulen und Universitäten.


Die Taliban sind auch in Pakistan aktiv

In den letzten Wochen waren die Kämpfe in Wasiristan intensiviert worden. Wasiristan ist eine gebirgige pakistanische Provinz an der Grenze zu Afghanistan. Die pakistanische Luftwaffe hatte in der letzten Zeit zahlreiche Luftangriffe auf Stellungen der Taliban geflogen. Erst im Februar wurden viele Taliban-Kämpfer bei diesen Angriffen getötet.

Das pakistanische Wasiristan und die auf der afghanischen Seite gelegenen Nachbarprovinzen sind unzugängliche Regionen, in welche sich die Taliban zurückgezogen haben. Auch Ableger des sogenannten „Islamische Staates“ (IS) haben sich in der Nähe festgesetzt. Zudem war dort über viele Jahre Al-Qaida aktiv. Diese Regionen im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet gelten seit Jahren als besonders gefährlich und für die Regierungen in Kabul und Islamabad als unregierbar. Viele Bergdörfer sind durch die dort untergekommenen Terroristen radikalisiert.

Die pakistanisch-afghanische Grenzregion ist mit ihren zerklüfteten Berglandschaften das Hauptaktionsgebiet der US-amerikanischen Drohneneinsätze. Schwerpunkt der Einsätze in Pakistan ist Wasiristan. Insgesamt haben die USA allein in Pakistan seit 2004 mehr als 400 Drohnenangriffe geflogen und dabei mehr als 3000 Menschen getötet. Das sind rund viermal so viele Angriffe und Opfer wie im Jemen. Bei den Opfern soll es sich mehrheitlich um Terrorkämpfer handeln. Die Schätzungen der getroffenen Zivilisten liegen zwischen 200 und 900, darunter vermutlich 100 bis 200 Kinder. Auch einige US-Geheimdienstmitarbeiter wurden bei ihren Einsätzen getötet, weil sie wohl zum Zeitpunkt der Drohnenattacken an verdächtigen Orten anwesend waren.

Aus der pakistanischen Regierung war immer wieder Kritik an den US-amerikanischen Drohneneinsätzen laut geworden. Auch der derzeitige pakistanische Premierminister Nawaz Sharif hat die Einsätze verurteilt. Doch bis jetzt hat Pakistan die Amerikaner nicht an der Fortsetzung hindern können.

Die unterschiedlichen Ziele verraten die ungeheuer große Bandbreite des Terrorismus im Nordwesten Pakistans. Nicht nur die verschiedenen Untergruppen der Taliban, von Al-Qaida, Splittergruppen des IS, sondern auch endemische islamistische Gruppen waren das Ziel der Angriffe, wie beispielsweise die Gruppe „Lashkar-i-Islam“ oder eine ethnisch-usbekische Gruppierung namens IMU („Islamic Movement of Uzbekistan“), die abwechselnd mal dem IS oder den Taliban die Treue geschworen hat.

Ebenfalls in der afghanisch-pakistanischen Grenzregion anzufinden sind die Routen des Drogenhandels. Afghanistan ist inzwischen der weltgrößte Produzent von Opium. Ein kleinerer, aber nicht unbedeutender Teil der Schlafmohnfelder befindet sich seit vielen Jahren auf pakistanischer Seite. Das Gemenge von islamistischen Terrorgruppen und Drogenkartellen, von Stammeskonflikten, Blutfehden und Bürgerkrieg, hat die Region ins Chaos geführt. Sowohl die US-Truppen als auch die pakistanische Armee sind in den Tälern der Region mit ihren Aufgaben hoffnungslos überfordert. Die bis auf die Zähne bewaffneten Taliban sind gut versteckt und vernetzt. Die lokale Bevölkerung hilft den Terroristen – zum Teil aus Loyalität, zum Teil aus purer Angst.

Iranischer Staatsbesuch und pakistanisches Staatsjubiläum

Beachtenswert ist der Umstand, dass erst vor wenigen Tagen der iranische Präsident Hassan Rohani in Pakistan eingetroffen war, weil Pakistan beim Streit zwischen dem Iran und Saudi-Arabien vermitteln soll. Bei den Gesprächen soll es auch um große Gas-Pipeline-Projekte gegangen sein, denn Pakistan ist strategisches Transitland. Um zu dieser zeitlichen Korrelation einen Kausalzusammenhang herzustellen fehlen allerdings noch die Belege. Pakistan ist übervoll an Konflikten und ein unübersichtliches Rückzugsgebiet für Terroristen. Der Fall Osama Bin Laden hat bewiesen, dass selbst prominente und weltweit gesuchte Topterroristen in Pakistan untertauchen können.

Vor wenigen Tagen feierte Pakistan das 60-jährige Bestehen der islamischen Republik und der Loslösung von der Indischen Union. Der Grund war damals der Wunsch nach einem unabhängigen islamischen Staat. Pakistan gilt als Hochburg der Fundamentalisten. Allerdings gibt es im Vergleich zum Nachbarland Afghanistan gerade in den Großstädten der Indusebene noch viele moderate Muslime. Noch ist das Land nicht im Chaos verloren wie Afghanistan, doch der Abstand zum Abgrund wird immer kleiner.

Wenn Pakistan scheitert, hat die Welt ein Problem

Die entscheidende Frage lautet: Wie viele „failed states“ kann sich die Welt noch leisten? Syrien, Irak, Afghanistan, Somalia, Mali, Libyen, Eritrea, Süd-Sudan, Jemen – und bald vielleicht Pakistan? Wenn Pakistan zum „failed state“ wird, hat die Welt ein Problem. Denn Pakistan ist Atommacht. Das Land hat fast 200 Millionen Einwohner. Die Bevölkerung wächst sehr schnell.

Die gesellschaftliche und politische Lage in Pakistan ist hochexplosiv. Außenpolitisch hat das Land seine Probleme mit dem Iran und mit Indien. Der Iran beklagt sich seit vielen Jahren über den Umstand, dass sunnitischen Minderheiten der Belutschen im Südosten des Landes von den ethnisch und konfessionell verwandten Belutschen in Pakistan unterstützt werden. Die Grenzen können in den Bergen kaum flächendeckend überwacht werden.

Indien dagegen ist strategischer Dauergegner Pakistans und der Grund für die beiderseitige Atomrüstung. Nach dem Rückzug der britischen Kolonialmacht hatte sich Pakistan schnell von Indien gelöst, um einen eigenen Staat zu gründen – eine islamische Republik als Gegenstück zum mehrheitlich hinduistischen Indien. Die Grenzziehungen zwischen beiden Staaten waren von Anfang an umstritten und konfliktbeladen. In diesem Zusammenhang kam es zu militärischen Auseinandersetzungen und vier Kriegen, die insbesondere um die umstrittenen Provinzen Jammu und Kaschmir geführt wurden. Das sind zwei landschaftlich wunderschöne Regionen am Rande des Himalayas.

Innenpolitisch ist das Land ethnisch und sozial gespalten. Eine große Herausforderung ist die Integration der Paschtunen. Die Paschtunen sind die mit Abstand größte Bevölkerungsgruppe im Vielvölkerstaat Afghanistan. Von den rund 30 Millionen Einwohnern Afghanistans sind mehr als 12 Millionen Paschtunen. Doch die Mehrzahl der Paschtunen lebt auf der anderen Seite der gebirgigen Grenze in Pakistan. Hier leben rund 24 Millionen Paschtunen.

Zwischen den Paschtunen in Pakistan und jenen in Afghanistan gibt es einen regen Austausch. Der permanente Fluss von Waren, Personen, Karawanen und auch Terroristen über die Bergpässe zwischen den Ländern ist ein Dauerproblem bei der Terrorismusbekämpfung durch die US-Amerikaner und ihrer internationalen Verbündeten im Rahmen der ISAF-Mission. Denn die Bergregionen im Grenzgebiet lassen sich schwer überwachen. Die Terroristen der Taliban können in Afghanistan aktiv werden und sich anschließend über die Berge nach Pakistan zurückziehen, wo sie im Schutze der Anonymität des bevölkerungsreichen Landes untertauchen.

( Schlagwort: GeoAußenPolitik )

Sven von Storch

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