Arabisch als Pflichtfach in der Schule_
Arabisch als Pflichtfach in der Schule_
Datum: 04.02.2016 - 11:00 Uhr
Ahlan wa sahlan fi almanya – Willkommen in Deutschland: Angesichts der nachhaltigen Veränderungen in unserer Gesellschaft fordert nun der Präsident einer Hamburger Privat-Universität, Arabisch als Pflichtfach für alle Kinder an unseren Schulen einzuführen. Wie Spiegel-Online berichtete (siehe auch Focus-Online), soll der Chef der privaten „Kühne Logistics University“ in Hamburg, Thomas Strothotte, in einem Gastbeitrag in der Wochenzeitung „Die Zeit“ gefordert haben, Deutsch und Arabisch als gleichberechtigte Unterrichtssprachen einzuführen.
Arabisch solle wie Deutsch für alle Schüler bis zum Abitur verpflichtend sein. Denn damit, so meinte der kanadisch-stämmige Uni-Leiter, würden sich die Kinder auf den tiefgreifenden Wandlungsprozess vorbereiten. Auf diese Weise würden sich die Deutschen und ihre Kinder als wirtschaftliche, kulturelle und politische Partner für den sich im Transformationsprozess befindlichen Nahen Osten empfehlen. Außerdem würde man auf diese Weise anerkennen, ein Einwanderungsland mit einer mehrsprachigen Gesellschaft zu sein.
Zehn Gründe, warum diese Idee hochgradig naiv ist
Die Idee des Herrn Strothotte scheint jenseits aller Realität zu liegen. Dafür gibt es mindestens zehn Gründe, die eigentlich auf der Hand liegen:
Erstens: Deutschland liegt im Herzen Europas. Die wichtigsten Verkehrssprachen in Europa sind neben Deutsch (gesprochen in Deutschland, Österreich, Schweiz, Elsass, Liechtenstein, Südtirol, Ostbelgien) vor allem Französisch und Englisch. Schon diese beiden Fremdsprachen sind für viele Schüler eine große Herausforderung. Gerade in Südwestdeutschland legt man großen Wert darauf, dass die Kinder die Sprache unseres Nachbarn von der anderen Seite des Rheins lernen. Im Westen Baden-Württembergs, also im Badischen, lernen die Kinder schon in der Grundschule Französisch. So wächst Europa friedlich und kommunikativ zusammen.
Zweitens: Die allerwichtigste Sprache in der internationalisierten und globalisierten Arbeitswelt und im Zeitalter des Internets ist vor allem ENGLISCH. Hunderte Millionen Chinesen lernen Englisch in der Schule. Jeder gebildete Europäer versteht Englisch. Hunderte Millionen Menschen auf dem indischen Subkontinent benutzen Englisch als Verkehrssprache. Englisch ist die verbreitetste Sprache der Welt, Muttersprache nicht nur in Großbritannien und Irland, sondern auch in den USA, Kanada, Australien, Neuseeland und in Teilen Südafrikas. Wenn wir für unsere Kinder eine sichere Zukunft wünschen, dann müssen wir ihnen vor allem Englischkenntnisse beibringen.
Drittens: Spanisch wird nicht nur in Spanien, sondern auch auf dem gesamten südamerikanischen und mittelamerikanischen Kontinent gesprochen. Auch im Portugiesisch sprechenden Brasilien verstehen viele Menschen Spanisch. Zudem nimmt die Bedeutung des Spanischen in den USA immer mehr zu. Daher ist Spanisch die in den US-amerikanischen Schulen und Universitäten am meisten gelernte und gelehrte Fremdsprache. Wer also jenseits des Atlantiks schaut, weiß: Spanisch wird eine wichtige Sprache bleiben.
Viertens: Die Begründung, in Deutschland müsse man sich als mehrsprachiges Einwanderungsland begreifen und die Kinder deshalb Arabisch in der Schule lernen lassen, ist ein Schlag ins Gesicht aller Türken in diesem Lande. Die Türken sind nun seit den 1960er Jahren Teil unserer Gesellschaft. Sie sind die größte Migrationsgruppe in Deutschland. Was sollen die Türken in unserem Lande davon halten, wenn Arabisch und nicht Türkisch als Unterrichtsfach für deutschen Kinder eigeführt würde? Warum nicht Türkisch? Oder warum nicht Kurdisch? Oder Paschtunisch (eine wichtige Sprache in Afghanistan)?
Fünftens: Arabisch ist als Unterrichtssprache in Deutschland völlig ungeeignet. Denn das Erlernen des Arabischen erfordert einen viel höheren Lerneinsatz als Englisch oder Französisch. Arabisch ist eine hochkomplexe semitische Sprache mit einem anderen Schrift- und Lautsystem. Der Aufwand für Lehrer und Schüler wäre also entsprechend größer.
Sechstens: Arabisch ist nicht gleich Arabisch. Das Umgangsarabisch der Menschen im Maghreb (Marokko, Algerien, Tunesien) unterschiedet sich massiv vom Arabischen in Ägypten, noch mehr vom levantinischen Arabisch (Libanon, Palästina, Syrien) oder dem Arabisch der Golfstaaten. Ein Mann aus Kuwait spricht vollkommen anders als jemand aus Marokko. Welches Umgangsarabisch sollten die Kinder in Deutschland lernen? Zwar gibt es das Hocharabische, das alle Araber zumindest in Ansätzen verstehen. Doch damit kann man zwar die Zeitung und den Koran lesen und die arabischen Nachrichten im Fernsehen verstehen, aber nicht auf der Straße mit den Menschen reden, weil diese immer in ihrem Landesdialekt antworten werden.
Siebtens: Was ist mit unseren Bildungssprachen? Was ist mit Latein, Altgriechisch und Hebräisch? Sollen die altsprachlichen humanistischen Gymnasien jetzt auf Arabisch umstellen? Soll unser Kulturerbe der klassischen Antike durch ein arabisches Kulturerbe ersetzt werden?
Achtens: Wenn Arabisch verpflichtendes Unterrichtsfach in Deutschland würde, welche Motivation bestünde für die Zuwanderer aus dem arabischsprachigen Raum Deutsch zu lernen?
Neuntens: Wer sich im Maghreb beziehungsweise in Nordafrika mit den Menschen austauschen will oder dort Geschäfte machen will, kann dies auch auf Französisch tun. Auch im Libanon sprechen und verstehen viele Menschen Französisch.
Zehntens: Um ein Verständnis für den Nahen Osten, einen „Zugang zur arabische Welt“ zu bekommen, würde ein einfacher schulbegleitender Einführungskurs in die Kultur und Religion der islamischen Welt vollkommen ausreichen. In der Tag wissen viele deutsche Schüler zu wenig über den Nahen Osten. Das trifft aber auch für andere Länder und Regionen zu. Wie viel wissen denn die deutschen Schüler über China oder Indien?
Exotische Sprachen sind eine Kür – keine Pflicht
Ebenso unsinnig, wie die Idee, dass alle Kinder in Deutschland Arabisch lernen sollen, ist die Idee, wegen der wirtschaftlichen Bedeutung Chinesisch zu lernen. Tatsache ist, dass die Chinesen und Japaner sehr beflissen Englisch lernen und der internationale Markt der New & Old Economy längst eine englischsprachige Welt geworden ist, in der man auf Chinesen aus Shanghai oder Beijing trifft, die mit kalifornischem Akzent Englisch sprechen. Der Traum vieler Manager, mit Chinesisch-Kenntnissen im Reich der Mitte verhandlungssicher zu sein, hat sich spätestens dann in Luft aufgelöst, wenn es zu tatsächlichen Verhandlungen kommt, bei denen jedes Wort auf die Goldwaage gelegt wird. Das ist beim Arabischen genauso. Wer nicht längere Zeit in der arabischsprachigen Welt gelebt hat, wird niemals die Sprache gut genug beherrschen, um sie sinnvoll jenseits des Smalltalks einsetzen zu können.
Fazit: Wenn uns die Zukunft unserer Kinder am Herzen liegt, dann sollten wir darauf achten, dass sie korrektes Deutsch – und als Fremdsprache möglichst intensiv Englisch lernen. Arabisch zu lernen hat für die meisten Deutschen keinen Mehrwert, es sei denn, sie wollen an der Universität als Islamwissenschaftler oder Arabisten arbeiten oder Arabern Deutschunterricht geben.
Vermutlich wird hier nur ein weiteres Geschäftsfeld aufgemacht: Arabischkurse für Lehrer und Schüler. Einen wirklichen Sinn ergibt dieser Vorschlag sonst nicht. Es sei denn, man will Europa auf eine Zukunft vorbereiten, welche die meisten Europäer nicht anzunehmen bereit sein werden.
In diesem Sinne: Ma‘a s-salama w’ila l-liqa, in sha’allah!
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