Afrika – verlorener Kontinent_

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Afrika – verlorener Kontinent_
Datum: 21.05.2015 - 15:04 Uhr

Afrika – das Sorgenkind der Weltwirtschaft. Fast schien es schon, als wäre Afrika südlich der Sahara von den Investoren und Industriestaaten gänzlich aufgegeben. Zu groß ist das Wirtschaftswachstum in Asien, als dass im Vergleich dazu Afrika überhaupt eine Rolle spielen könnte.

Nun hat sich allerdings die Situation in zweierlei Hinsicht geändert. Zum einen sind die reicheren arabisch-sprachigen Staaten nördlich der Sahara, denen wegen des Erdöls eine bessere Zukunft voraus gesagt war, durch die Revolutionen und Bürgerkriege ins Chaos abgerutscht. Zum anderen hat sich für Schwarzafrika südlich der Sahara ein neues Geschäftsmodell ergeben: Asiens Rohstoffhunger. Insbesondere das wachstumsstarke China hat Afrika als neue Ressourcen-Quelle entdeckt. In einigen Staaten hat dies zu einem unerwarteten Wirtschaftsaufschwung geführt.

Rückblick: Afrika zur Kolonialzeit

Werfen wir einen Blick zurück. Nach der Ausbeutung Amerikas durch die europäischen Kolonialmächte, wandte man sich im 19. Jahrhundert Afrika zu. Die Portugiesen hatten sich bereits in Angola und Mosambik festgesetzt. Die Briten, Niederländer und Franzosen hatten vereinzelte koloniale Stützpunkte. Frankreich kontrollierte die Küstenregion Algeriens. Doch im Innern des Kontinentes gab es noch weite Gebiete, die nicht einer Kolonialmacht unterstellt waren. Das sollte sich in der Zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts radikal ändern.

Um 1884 wurde auf der Kongo-Konferenz in Berlin der Kuchen endgültig aufgeteilt. Die Aufteilung verlief wie folgt: Großbritannien wurde Mandatsmacht über Ägypten und den Sudan sowie Kolonialherr über Kenia und einen großen Teil des südlichen Afrika von Sambia bis nach Kapstadt. Portugal breitete sich weiter in Angola und Mosambik aus, Deutschland erhielt Togo, Kamerun, Namibia, Tansania, Ruanda und Burundi. Der belgische König wurde Herr über den Kongo. Einen großen Teil Westafrikas bekam Frankreich, das sich bereits an der Küste Algeriens festgesetzt hatte. Auch Madagaskar wurde französisch. Italien trat erst 1912 auf die Bühne der Kolonialpolitik und verleibte sich Libyen und Somalia.

Nach dem Ersten Weltkrieg teilten Großbritannien und Frankreich die deutschen Kolonien unter sich auf. Großbritannien schloss mit Ostafrika eine topographische Lücke und beherrschte nun einen Korridor, der von Kairo bis nach Kapstadt reichte.

Nach den Unabhängigkeitsbewegungen in den 1950er bis 1970er Jahren konnten die nun souveränen Staaten Afrikas nicht an die Erfolge anknüpfen, die die Staaten in Asien oder Lateinamerika vorgaben. Viele Länder Afrikas litten unter Bürgerkriegen und ethnischen Konflikten. Das lag zum größten Teil daran, dass die Grenzen dieser Länder von den ehemaligen Kolonialherren mit dem Lineal gezogen wurden, ohne Rücksicht auf die Stammesgebiete und Bevölkerungsgruppen. Auch auf die Wanderrouten der Nomaden war keine Rücksicht genommen worden.

Chancen im Süden und Norden – Hoffnungslosigkeit in der Mitte

Die Verteilung der Produktivität und des Reichtums ist in Afrika ungleich verteilt. Nimmt man das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf als Wertmaßstab, dann sind es vor allen die arabischsprachigen Länder im Norden, von Marokko über Algerien, Tunesien, Libyen und Ägypten, die am ehesten den Sprung zum Schwellenland schaffen könnten – vorausgesetzt die politischen Verhältnisse bessern sich. Der Grund ist vor allem das Erdöl in Algerien und Libyen, sowie der Tourismus und die Industrie in Marokko und Ägypten.

Die zweite Region, der es wirtschaftlich besser geht als dem Durchschnitt des Kontinents ist Südafrika – und im Windschatten dieses BRICS-Schwellenlandes Namibia, Botsuana, Swasiland und Lesotho. Diese Länder waren schon seit Jahrzehnten die wirtschaftlichen Vorreiter des Kontinents. Dies hängt zum Teil mit dem hohen Anteil europäisch-stämmiger Einwohner zusammen, die dort traditionell an die europäische Wirtschaft angeknüpft haben. Südafrika ist zudem reich an Rohstoffen, beispielsweise Gold und Diamanten.

Problematischer wird es in den tropischen Regionen dazwischen. Die traditionell landwirtschaftlich orientierten Regionen der Sahelzone sind immer wieder von Dürrekatastrophen betroffen. In Ländern wie dem Kongo, Ruanda und Burundi haben Bürgerkriege die Bevölkerung ausgezerrt. Auch im Süden des Sudan und in mehreren Ländern Westafrikas haben jahrelange Bürgerkrieg und Stammesfehden den Aufbau einer ausreichenden Infrastruktur erschwert.

China als Retter in der Not?

Von europäischer und amerikanischer Entwicklungshilfe haben viele Länder Afrikas genug. Denn diese Hilfen sind oft nur Überbrückungen und keine Hilfe zur Selbsthilfe. Außerdem sind mit den Hilfen oftmals politische Forderungen verknüpft.

Anders ist es mit den Chinesen. Die Chinesen brauchen für ihre Milliardenbevölkerung und ihr wirtschaftliches Wachstum mehr Rohstoffe. Nun haben sie Afrika für sich entdeckt. Die Regierung in Peking hat bereits mehrfach afrikanische Staats- und Regierungschefs nach Peking geladen, um die Gestaltung der neuen asiatisch-afrikanischen Kooperation zu erörtern.

Dabei ist weit mehr geschehen als nur der Austausch von Ideen und Worten. Seit mehr als einem Jahrzehnt investieren chinesische Firmen in die afrikanische Infrastruktur. Im Gegenzug erhoffen sie sich günstigen Zugang zu den Rohstoffen. Für beide Seiten ist es eine Win-Win-Situation. Viele afrikanische Wirtschaftsführer und Politiker berichten, dass sie mit den Chinesen auf einer Augenhöhe, wie mit ganz normalen Geschäftspartnern, verhandeln würden, während man gegenüber den Europäern immer in der Haltung des Bittstellers gefangen sei.

Zwei Länder, in denen das Engagement Chinas deutlich sichtbar ist, sind Angola und der Sudan. Der Sudan war über Jahrzehnte eines der am wenigsten entwickelten Länder. Hier sprach man nicht von der Dritten, sondern von der Vierten Welt. Gerade der Süd-Sudan war vollkommen unerschlossen. Es gab kaum Straßen und Wege, keine Zugangsmöglichkeiten zu den Ressourcen. Die Wüsten, Steppen, die riesigen Papyrussümpfe in der Region des Sudd waren unzugängliches Gebiet. Die Regierung in Khartum hatte Probleme, die einzelnen Teile des Landes zu verwalten. Doch bereits vor der Teilung des Landes in Nord-Sudan und Süd-Sudan waren es insbesondere Investoren aus Saudi-Arabien und aus China, die der Wirtschaft des Landes neuen Aufschwung gaben.

Wie im Sudan, so sind auch im ölreichen Angola chinesische Baufirmen eifrig dabei, die Infrastruktur aufzubauen. Sie bauen Straßen, errichten Wohnhäuser, bauen sogar ganze Retortenstädte aus dem Nichts für wenig Geld. Im Gegenzug erhalten die Chinesen besondere Konzessionen für die Ressourcen, in Angola sind es vor allem Diamanten und Öl. Die Chinesen haben zudem für einen Bauboom in der Hauptstadt Luanda geführt.

Mittlerweile weist die Wirtschaft Angolas die höchsten Wachstumsraten Afrikas auf. Doch der Reichtum bleibt aufgrund der einseitigen Konzentration auf den Abbau von Rohstoffen und wegen der enormen Korruption auf eine kleine elitäre Oberschicht begrenzt. Der Großteil der Bevölkerung hat vom Wirtschaftsaufschwung keine oder nur wenig Vorteile. Viele verharren in Armut.

Ein ähnliches Phänomen lässt sich in Nigeria beobachten. Das Land mit mittlerweile mehr als 150 Millionen Einwohnern ist die größte Volkswirtschaft des Kontinents. Doch pro Kopf gemessen ist Nigeria nach wie vor arm. Die ungleiche Verteilung der Einkommens- und Vermögensverhältnisse sind extrem. Die Erdöleinnahmen kommen auch hier nur einer Minderheit zugute. Im Norden des Landes wüten islamistische Terrorgruppen wie Boko Haram. In den Provinzen greift die Korruption der Lokalverwaltungen um sich.

Die nigerianische Küstenstadt Lagos ist mittlerweile dabei, Kairo als größte Stadt Afrikas zu überholen. 10 Millionen Menschen leben hier offiziell. Inoffiziell sind es wesentlich mehr. Doch außerhalb der City mit ihren Hochhäusern und Geschäftshäusern gleicht der Moloch einem riesigen Slum, durchzogen von Jauchekanälen und Abwässern, Müllbergen und Wellblechhütten. Korruption und Kriminalität sprengen die Vorstellungskraft eines Europäers.

Die Wirtschaftsdaten mögen in einigen afrikanischen Ländern für Aufstieg sprechen. Die Städte werden größer, moderner, es wird viel gebaut. Doch ein Großteil der Bevölkerung leidet in den meisten Ländern Afrikas unter erheblicher Armut. Während die Not in den landwirtschaftlichen Gebieten nach wie vor von den Niederschlagsmengen während der Regenzeit abhängig ist und jährlich unterschiedlich ausfällt, nehmen vor allem die Probleme in den bevölkerungsreichen Slums der Großstädte zu.

( Stichwort: GeoAußenPolitik )

Sven von Storch

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