Ägypten_ Land ohne wirtschaftliche Basis könnte zur nächsten Flüchtlingswelle führen
Ägypten_ Land ohne wirtschaftliche Basis könnte zur nächsten Flüchtlingswelle führen
Datum: 27.09.2016 - 12:14 Uhr
Die aktuelle Bootskatastrophe vor der Küste Ägyptens, bei der mehr als 160 Menschen ums Leben kamen, hat ein neues Problem vor Augen geführt: Viele Menschen aus dem Land am Nil wollen ihre Heimat verlassen. Sie wollen auswandern. Nur noch weg. Am liebsten nach Europa. Hinzu kommen Flüchtlinge aus Eritrea, dem Sudan, aus Libyen, Syrien und Palästina, die über Ägypten nach Europa ziehen wollen. Allein dieses Jahr sind mehr als 10.000 Menschen mit dem Boot aus Ägypten über das Mittelmeer nach Italien übergesetzt.
Der ägyptische Staatschef Abdel Fattah el-Sisi hat bei der aktuellen Rede bei der UN-Vollversammlung von 5 Millionen Flüchtlingen gesprochen! Ob die Zahl stimmt, weiß niemand. El-Sisi treibt die Zahl nach oben, um den Europäern Angst zu machen, damit sich die EU auf einen Flüchtlingsdeal mit Ägypten wie mit der Türkei einlässt. Das bringt Geld. Doch andererseits scheinen gerade viele EU-Politiker die Dimensionen des Elends und der Bevölkerungsexplosion in Ägypten fahrlässig zu unterschätzen. Wenn dort die Schleusen geöffnet werden, könnte es einen Massenexodus ungeahnten Ausmaßes geben.
Ägypten ist wirtschaftlich, politisch und demographisch ein Problemstaat. Die Volkswirtschaft hat keine Ressourcen, um die Bevölkerung mit ausreichend Einkommensmöglichkeiten zu versorgen. Die Mehrheit ist auf Selbstversorgung angewiesen. Politisch ist das Land durch die Revolution und Konterrevolution zutiefst gespalten. Und demographisch droht der totale Kollaps: 1960 hatte das Land am Nil gerade 25 Millionen Einwohner. Heute sind es rund 90 Millionen. Die meisten davon sind jung.
Ägypten steht wirtschaftlich vor dem Nichts
Die wirtschaftliche Lage des Landes ist katastrophal. Der einträgliche Tourismus ist zusammengebrochen. Dabei war er einst die wichtigste Devisenquelle der ägyptischen Volkswirtschaft. Seit 2011 kommen nur noch wenige Reisegäste ins Land. Viele Hotels stehen leer. Zahlreiche Nilkreuzfahrtschiffe liegen trocken. Die Restaurants machen reihenweise Reihe pleite. An den Touristenorten des Roten Meeres herrscht nur noch halb so viel Leben wie vor der Revolution. Der einstige Traum von einer wirtschaftlich florierenden „Riviera“ am Roten Meer ist ausgeträumt.
Das ganze Land versinkt in einem Sumpf aus Korruption. Weil auf regulären Wege nichts funktioniert, braucht man für alles Schmiergeld, Bakschisch genannt. Das ist zwar nichts Neues. Doch es wird schlimmer und schlimmer. Der Staat funktioniert nicht, weil Verwaltungsbeamte und Polizisten überall die Hand aufhalten. Bei den Flüchtlingstransporten der Schlepperbanden schauen Polizei und Verwaltung gerne weg. Fürs Wegschauen gibt es wieder Schmiergeld.
Die Arbeitslosigkeit ist hoch, die Jugendarbeitslosigkeit ist höher. Die Slums im Großraum von Kairo wachsen unaufhörlich. Mehr als 20 Millionen Menschen leben in diesem Moloch. Eine riesige Landflucht treibt die Fellachen des Niltals in die Städte. Dort werden ihre Hoffnungen enttäuscht. Statt Arbeit zu finden, verlagern sie ihr Landleben in die Millionenmetropole: Auf den Dächern Kairos bauen die armen Ägypter Lehmziegelhäuser und halten Hühner. Es sind regelrechte Dörfer auf der Stadt. Auch die großen Friedhofsgebiete sind bewohnt. Hunderttausende Menschen leben zwischen Müllbergen und islamischen Grabkapellen.
Da mehr als 90 Prozent aller Ägypter am Nil, im Delta oder am Suezkanal leben, ist die Bevölkerungsdichte dort extrem hoch. Die Städte platzen regelrecht. Doch den Menschen bleibt keine Zukunftsperspektive. Seit der Revolution hat sich kaum neue Industrie angesiedelt. Zu unsicher war die politische Lage. Wer will in einer solchen Zeit in einem solchen Land investieren?
Hoffnungen geben die neu entdeckten Gasvorkommen vor der ägyptischen Mittelmeerküste. Doch bis die wirtschaftlich verwertet werden können, w
Wird es noch Jahre dauern. Auch der sogenannte zweite Nil, eine künstliche Kanalabzweigung vom Nasser-Stausee in die Wüste, um dort Oasenfeldbau zu ermöglichen, bringt kaum Erträge, die der breiten Bevölkerung nutzen.
Auch die Fischer in Ägypten klagen. Die Fangerträge gehen seit Jahren zurück, weil der Assuan-Staudamm die Sedimentablagerungen des schlammhaltigen Nilwassers vor dem Delta verhindert. Jetzt nehmen dort die Fischbestände ab. Doch die Fischer mit ihren Booten haben eine neue Einnahmequelle gefunden: Flüchtlinge transportieren.
Das Land am Nil ist politisch und religiös ein Pulverfass
Die politische Situation ist äußerst angespannt. Seit der Revolution 2011 und der folgenden Konterrevolution 2013 ist das Land gespalten wie nie zuvor. Die Regierung macht Jagd auf Anhänger der Muslimbrüder und Oppositionelle.
Die Muslimbrüder sind nach wie vor aktiv. Doch große Teile der Bewegung sind in den Untergrund gegangen. Viele junge Muslimbrüder sind als Söldner nach Syrien gegangen, andere wieder von dort zurückgekehrt. Die Beeinflussung Ägyptens durch die Dschihadisten wächst parallel zu den Missionstätigkeiten der Salafisten aus Saudi-Arabien, die in Ägypten nach Anhängern fischen.
Die wachsende Spaltung der gesamten Gesellschaft in streng religiöse und moderate Muslime zeigt sich allerorten. Immer mehr Frauen verschleiern sich nach Art der Golfstaaten. Dieser Trend wird durch die heimkehrenden ägyptischen Gastarbeiter aus den Emiraten, Katar und Kuwait verstärkt. Die Fernsehprediger aus Saudi-Arabien, die auch in Ägypten millionenfach gesehen werden, tragen ihr Übriges zum wachsenden Fundamentalismus in Ägypten bei.
Hinzu kommt die islamistische Beeinflussung aus dem Gaza-Streifen und aus Libyen. Die Grenzen zu Libyen sind praktisch ungeschützt weil die libysche Wüste ein riesiges offenes Gebiet ist. Niemand weiß, wie viele Kämpfer des „Islamischen Staates“ (IS) von Libyen nach Ägypten gekommen sind. Ebenso weiß niemand, wie viele junge Ägypter sich dem IS in Libyen angeschlossen haben und früher oder später über die Grenze wieder zurückkommen.
Dagegen geht die Regierung von Präsident Abdel Fattah el-Sisi weiterhin radikal gegen diese Tendenzen vor. Die Gefängnisse sind voll von wirklichen und mutmaßlichen Muslimbrüdern. Angst hat sich ausgebreitet. Immer mehr Menschen befürchten Verfolgung und Bespitzelung.
Ägypten ist sowohl Ausgangs- als auch Durchgangsland für Massenmigration
Unter den vielen Asylbewerbern, die mit der Flüchtlingswelle nach Europa gekommen sind, befinden sich schon jetzt viele Menschen aus Nordafrika, aus Staaten wie Marokko, Algerien, Libyen und vor allem Ägypten. Manche geben sich als Syrer aus. Im Internet geben viele Nordafrikaner Tipps, wie man am besten über das Mittelmeer nach Europa kommt. Einer dieser Tipps: Pass wegwerden und vorgeben, Syrer zu sein.
Ägypten ist Durchgangsland für Flüchtlinge aus Eritrea, Somalia, Jemen sowie dem nördlichen und südlichen Sudan. Sie tauchen zunächst in den Menschenmassen Ägyptens unter, um sich dann auf die Suche nach den Schleppern zu machen, die sie nach Europa bringen sollen. Für ägyptische Fischer, die wegen schlechter Fangerträge ohnehin darben müssen, ist das eine ideale Einnahmequelle. Wer arm und in Not ist, versucht mit der Armut und Not anderer Profit zu schlagen, um selbst über die Runden zu kommen. Längst hat sich ein teuflischer Kreislauf entwickelt.
( Schlagwort: GeoAußenPolitik )
Ihnen hat der Artikel gefallen?
Bitte unterstützen Sie mit einer Spende unsere unabhängige Berichterstattung.
Für die Inhalte der Blogs und Kolumnen sind die jeweiligen Blogger verantwortlich. Die Beiträge der Blogger und Gastautoren geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion oder des Herausgebers wieder.


Add new comment