70 Jahre Kriegsende und Befreiung

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70 Jahre Kriegsende und Befreiung
Datum: 08.05.2015 - 09:07 Uhr

Im englischsprachigen Raum wird der 8. Mai 1945 als „VE-Day“ bezeichnet. Das ist die Abkürzung für „Victory in Europe Day“. Der 8. Mai gilt in vielen europäischen Ländern als Tag der Befreiung. In einigen wird er als öffentlicher Feiertag begangen.

Anlass war die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht. In den „Supreme Headquarters of the Allied Expeditionary Force (SHAEF)“, dem Hauptquartier der alliierten Streitkräfte Nordwesteuropas im französischen Reims, hatte am 7. Mai 1945 Generaloberst Alfred Jodl das entsprechende Dokument stellvertretend unterzeichnet, das am folgendem Tage, dem 8. Mai, in Kraft trat. Zuvor hatte er dazu die Generalbevollmächtigung vom Oberbefehlshaber der Wehrmacht, Karl Dönitz, erhalten.

Um die Sowjetunion protokollarisch miteinzubeziehen und weil die offiziellen Befehlshaber der einzelnen Wehrmachtstreitkräfte ebenfalls unterzeichnen sollten, wurde die Kapitulationsunterzeichnung am 9. Mai 1945 im Hauptquartier der 5. Sowjetarmee in Berlin-Karlshorst wiederholt. Hier unterzeichneten der Oberbefehlshaber des Heeres, Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel, der Oberbefehlshaber der Marine, Generaladmiral Hans-Georg von Friedeburg, und Luftwaffenchef Generaloberst Hans-Jürgen Stumpff die Urkunde. Aus diesem Grund wurde in der UdSSR – und wird als ihr Rechtsnachfolger in der Russischen Föderation – der 9. Mai statt des 8. Mai als Tag des Sieges über den Faschismus gefeiert.

Die Kapitulation war möglich geworden, weil Adolf Hitler am 30. April Selbstmord begangen hatte. Er selbst hatte jegliche Art von Kapitulation kategorisch abgelehnt und den Kampf bis zum Untergang gefordert. Vermutlich wären Hunderttausende Menschen am Leben gebelieben, wenn er sich selbst eher ins Jenseits befördert hätte.

Umfassendster und verlustreichster Krieg der Geschichte

Mit weltweit mehr als 60-70 Millionen Toten und unter Einbeziehung aller wichtigen Staaten und Mächte der damaligen Zeit, war der Zweite Weltkrieg der verlustreichste und umfassendste Krieg der Geschichte. Während an der sogenannten Westfront die Verluste geringer waren als im Ersten Weltkrieg, waren sie an der Ostfront um ein Mehrfaches höher.

Insgesamt sind allein auf dem europäischen Kontinent schätzungsweise rund 40 Millionen Menschen ums Leben gekommen. Im Gegensatz zum Ersten Weltkrieg war die Zivilbevölkerung stärker in Mitleidenschaft gezogen worden. Hierzu trugen die Bombardements aus der Luft und der gezielte Vernichtungskrieg an der Ostfront bei. Viele Verluste sind auf indirekte Einwirkungen wie Hunger und Kälte zurückzuführen.

In den letzten Monaten des Krieges konnten die Konzentrationslager befreit werden. Das unvorstellbare Ausmaß des Massenmordes der Nationalsozialisten an Millionen Juden, Minderheiten und Oppositionellen wurde offenbar.

Kriegsende in Deutschland: Befreiung, Erleichterung und Ungewissheit

Für die allermeisten Menschen in Europa war der 8. Mai ein Tag der Erleichterung. Endlich hatte der Kriegshorror ein Ende, endlich konnte man wieder hoffnungsvoll in die Zukunft schauen.

Oft wird dieser Tag als Tag der Befreiung tituliert und gefeiert. Für die meisten Städte und Regionen Europas kam die Befreiung jedoch schon viele Tage, Wochen oder gar Monate zuvor. Dennoch war europaweit Festtagsstimmung – und darüber hinaus bis nach Amerika und Australien.

In einigen Regionen wurde die Befreiung nicht unmittelbar als solche empfunden, weil insbesondere in Osteuropa, in Polen, in Ungarn, in Rumänien, auf dem Baltikum und in Teilen der Ukraine, noch sehr viel Ungewissheit und Sorge über das weitere Vorgehen der Roten Armee herrschte. Wer die Kriegsgräuel und Massenmorde der Nazis überlebt hatte, konnte unter Umständen den „Säuberungen“ durch die Sowjettruppen zum Opfer fallen – auch nach Kriegsende.

In Deutschland wurde das Kriegsende im Westteil des Landes mit mehr Erleichterung empfunden als im Osten. Millionen Wehmachtsoldaten und Zivilisten waren vor der Roten Armee nach Westen geflohen, um sich dort den Amerikanern und Briten zu ergeben. Für viele gefangene deutsche Soldaten im Osten bedeutete der Sieg der Roten Armee die Deportation nach Sibirien. Außerdem waren noch mehrere Millionen Deutsche auf der Flucht und wussten in der Trümmerwüste nicht, wo sie unterkommen sollen. Viele waren schlicht mit dem alltäglichen Überlebenskampf beschäftigt, als sich über die großen Themen Gedanken zu machen.

Dennoch war die Erleichterung auch unter den Deutschen groß. Der Widerstand gegen die Alliierten war in den letzten Kriegsmonaten von vielen zunehmend als sinnlos erkannt worden. Das Sterben gerade der Zivilisten, die zum letzten Aufgebot des Volkssturmes heran gezogen wurden, wurde als sinnloses Opfer angesehen.

Für die meisten Menschen, die nach dem Krieg geboren wurden, wird es nicht möglich sein, sich die unterschiedlichen Emotionen vorzustellen, die die Menschen damals europaweit empfunden haben mögen. Nach Jahren der Entbehrungen und Verluste, nach ausgestandener Todesangst und Zeiten des Hungers und der Kälte, mit Verletzungen am Körper und in der Seele, und viele auch ihres Stolzes und Selbstwertgefühls beraubt, dürften die meisten Menschen wohl eher gemischte Gefühle gehabt haben. Besonders der Verlust der Heimat und der Angehörigen traf viele hart.

In Japan ging der Krieg noch weiter

Deutschland konnte froh sein, dass der Krieg nicht weiter in die Länge gezogen wurde. Sonst hätte es zum Atombombenabwurf auf deutsche Städte kommen können, denn die Bomben auf Hiroshima und Nagasaki waren ursprünglich für den Abwurf auf Deutschland geplant.

In Ostasien zog sich der Krieg noch einige Monate hin. Erst am 15. August 1945 erklärte Kaiser Hirohito die Kapitulation, die am 2. September offiziell unterzeichnet wurde. Dem vorrausgegangen waren die beiden Atombombenabwürfe und die Bombardierung Tokios mit Brandbomben. Noch heute ist die Ansicht weit verbreitet, dass erst durch diese Bombenattacken Japans Führung seine Hoffnungslosigkeit auf einen möglichen Sieg eingesehen habe.

Weltweite Gedenkfeiern und Veranstaltungen zum 8. und 9. Mai

Für die allermeisten Staaten Europas ist der 8. Mai ein wichtiges Datum. Zum siebzigsten Jahrestag des Kriegsendes wird es daher zahlreiche nationale und internationale Gedenkveranstaltungen geben. Auch in den USA, Kanada und Australien wird dem Ende des Zweiten Weltkrieges gedacht.

In Berlin sind für diesen Tag zahlreiche Veranstaltungen, Ausstellungen, Gedenkfeiern und Friedensfeste geplant. Sonderausstellungen zum Thema gibt es unter anderen im Berliner Deutschen Historischem Museum, im Museum Europäischer Kulturen und im Deutsch-Russischen Museum in Berlin-Karlshorst.

In den USA soll es am 8. Mai verschiedene Veranstaltungen geben. In Washington soll eine Flugschau mit alten Flugzeugen aus dem Zweiten Weltkrieg inszeniert werden. Eine andere Veranstaltung findet am WWII Memorial in Washington statt.

In Russland wird es am 9. Mai wieder eine große Militärparade geben. Zu heftigen Diskussionen hat die Entscheidung der Bundeskanzlerin Angela Merkel geführt, erst einen Tag später in Moskau einzutreffen, um die Teilnahme an der Parade zu umgehen. Da die Sowjetunion mit bis zu 20 Millionen toten Soldaten und Zivilisten die meisten Kriegsopfer zu beklagen hatte, könnte dies als Affront gedeutet werden. Doch die Bundeskanzlerin möchte wohl angesichts der Ukrainekrise kein Missfallen unter der anderen osteuropäischen Staaten und den NATO-Verbündeten auslösen. Gerade Polen, die Ukraine und die baltischen Staaten sehen Russlands Militärparaden skeptisch, weil sie die Rote Armee nicht nur als Befreier empfunden haben.

Zentrale Botschaft des 8./9.-Mai-Gedenkens darf nicht verloren gehen

Bei all dem Gezänke und den Diskussionen um die Art und Weise, wie dieser historische Tag des Kriegsendes begangen werden sollte, geht es vor allem darum, die entscheidende Botschaft nicht aus dem Blick zu verlieren.

Diese Botschaft muss lauten: Nie wieder! Nie wieder Krieg. Nie wieder Völkermord. Nie wieder Tod und Zerstörung. Gerade angesichts der angespannten Lage in Osteuropa und im Mittleren Osten sollte diese Botschaft stärker im öffentlichen Bewusstsein und im kollektiven Gedächtnis verankert sein.

Der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker sagte bei seiner denkwürdigen Rede zum 8. Mai 1985, dem 40. Jahrestag des Kriegsendes, im Plenarsaal des Deutschen Bundestages in Bonn folgendes:

„Der 8. Mai ist für uns vor allem ein Tag der Erinnerung an das, was Menschen erleiden mussten. Er ist zugleich ein Tag des Nachdenkens über den Gang unserer Geschichte. Je ehrlicher wir ihn begehen, desto freier sind wir, uns seinen Folgen verantwortlich zu stellen.“

Sven von Storch

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