25 Jahre Einheit, 25 Jahre Wandel

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25 Jahre Einheit, 25 Jahre Wandel
Datum: 02.10.2015 - 08:06 Uhr

Wer hätte sich im Jahre 1988 vorstellen können, dass ein Jahr später die Mauer fällt und ein weiteres Jahr darauf Deutschland wiedervereinigt würde? Der Fall der Mauer und die rasche deutsche Wiedervereinigung sind Beispiele für historischen Wendungen, die man kaum vorausahnen konnte.

Zwar hatte sich lange zuvor angedeutet, dass die Sowjetunion und die DDR in erhebliche finanzielle Schwierigkeiten geraten sind, weil sie sich über viele Jahre von westlichen Devisen und Krediten abhängig gemacht hatten. Auch der Glasnost-Prozess, der von Michail Gorbatschow angestoßen worden war, hatte früh erkennen lassen, dass ein Wandel ins Haus stand.

Doch mit einer deutschen Wiedervereinigung in Höchstgeschwindigkeit hatte damals niemand gerechnet, zumal sich führenden Politiker wie britische Premierministerin Margaret Thatcher und der französische Präsident François Mitterrand so gar nicht mit der Idee einer deutschen Wiedervereinigung anfreunden konnten.

Es waren vielmehr die Gunst der Stunde, die Beherztheit Helmut Kohls, die Ideen von Wolfgang Schäuble, die Offenheit von Michail Gorbatschow und die Dynamik der Ereignisse, vor allem aber der Wunsch vieler DDR-Bürger nach der D-Mark und westlichem Konsum sowie der Frust über das SED-Regime, die die Wiedervereinigung beschleunigt hatten.

Nach der Wiedervereinigung folgte der eigentliche Wandel

Die Einheit war 1990 offiziell, aber noch nicht praktisch vollendet. In den letzten 25 Jahren hat Deutschland einen langen Weg des Wandels hinter sich gebracht, um die Unterschiede zwischen Ost und West auszugleichen. Deutschland war zu einer Übergangsgesellschaft geworden, wobei nicht allen klar war, in welche Richtung die Reise gehen würde:

Betriebe wurden privatisiert, zum Gewinn Einiger, mit Arbeitsplatzverlust Anderer. Gewaltige finanzielle Transferleistungen von West nach Ost wurden zu bestimmenden Faktoren der deutschen Finanzpolitik. Die Städte wandelten sich im Zeitraffer, ein Bauboom brach aus. Berlin wurde wieder Hauptstadt. Die DDR-Vergangenheit wurde kritisch aufgearbeitet. Deutschland war nicht mehr Frontgebiet des Kalten Krieges, sondern wurde Herzland eines geeinten Europas. Die Sowjetunion verschwand. Die NATO weiterte ihre Grenzen nach Osten aus. Deutschland wurde zum Motor der EU. Auf die Reisefreiheit folgte die europäische Wohnortfreiheit.

Wiedervereinigung oder Beitritt?

Die deutsche Einheit wurde von den Bürgern unterschiedlich empfunden. Für viele ehemalige Bürger der DDR war es der krönende Abschluss der Revolution gegen die SED. Im Herbst 1989 hatte ihr Niedergang mit dem Fall der Mauer eine unumkehrbare Richtung eingeschlagen.

Es gibt allerdings nicht Wenige, die die Wiedervereinigung gerne anders gesehen hätten, vielmehr als Zusammenschluss zweier gleichwertiger Staatsgebilde, bei dem die unterschiedlichen Erfahrungen zu einem neuen Entwurf der Gesellschaft und Politik geführt hätten. Stattdessen gab es einen Anschluss neuer Bundesländer an die alte Bundesrepublik Deutschland. Tatsächlich war es die Idee des damaligen Kanzleramtsministers Wolfang Schäuble, die Wiedervereinigung in Form des Beitritts der neuen Bundesländer zu gestalten. Verbunden war damit der Lockruf der D-Mark, der einen westlichen Lebensstandard für alle versprach.

Im Nachhinein lässt darüber streiten, ob eine andere Form der Wiedervereinigung sinnvoller gewesen wäre. Doch solche Überlegungen bleiben in der Theorie gefangen, weil die Entscheidungen zwischen dem November 1989 und dem Oktober 1990 den sich ständig wandelnden Umständen und aktuellen Ereignissen geschuldet waren.

Berlin und Frankfurt feiern die deutsche Wiedervereinigung mit zahlreichen Aktivitäten

Die deutsche Hauptstadt wird dieses Wochenende wieder zu einer Feststadt werden. Rund um das Brandenburger Tor und vor dem Reichstagsgebäude wird es zahlreiche Veranstaltungen geben.

Der zentrale Festakt findet in Frankfurt am Main statt. Grund hierfür ist nicht nur, dass Frankfurt in der Geschichte der deutschen nationalen Einigung im 19. Jahrhundert eine wichtige Rolle gespielt hatte, sondern vor allem, weil jedes Jahr ein anderes Bundesland mit der Austragung der zentralen Festakte beauftragt wird, und zwar jeweils dasjenige Bundesland, das aktuell den Präsidenten im Bundesrat stellt.

Zum offiziellen Festakt in Frankfurt werden unter anderen der Bundespräsident Joachim Gauck, die Bundeskanzlerin Angela Merkel, der Bundestagspräsident Norbert Lammert und der EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker erwartet. Michail Gorbatschow und Helmut Kohl werden wohl aus gesundheitlichen Gründen nicht teilnehmen können.

Dabei sein werden jedoch der damalige Außenminister Hans-Dietrich Genscher sowie Bürgerrechtler aus der DDR-Zeit wie zum Beispiel Vera Lengsfeld. Vertreten sind zudem die Ministerpräsidenten der Bundesländer.

Sven von Storch

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