Hochwasser

Eine Lektion in Sachen Geduld und Demut

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Die tagelang andauernden, heftigen Regenfälle zum Beginn des Monats Juni 2013 führen zu Überschwemmungen in vielen Regionen Mitteleuropas. Flüsse treten über die Ufer, Kanäle laufen über, der Grundwasserpegel steigt. Zahlreiche Menschen verlieren Hab und Gut, einige das Leben. Wer mit durchfeuchteten Kellerwänden davonkommt, darf sich vergleichsweise glücklich preisen.

Was es dabei für alle zu lernen gilt, ist die Lektion in Sachen Geduld und Leidensbereitschaft; ist eine Lektion in Sachen Demut und bedingungsloser Anerkennung der Überlegenheit von Naturgewalten; ist aber auch eine Lektion in Sachen Beharrlichkeit, mit der sich die meisten schwierigen Situationen meistern lassen.

 

Sonntag, 2. Juni 2013, 10.30 Uhr

Es will überhaupt nicht hell werden. Ich sitze im Arbeitszimmer und schreibe. Peter geht in den Keller, um nach dem rechten zu sehen. Dann der Ruf: „Wasser!“ Von diesem Augenblick an geht unsere kleine Welt der Vertrautheit, Gemächlichkeit, Berechenbarkeit unter. Wir sind unvermittelt hineingestoßen in etwas Neues, das wir zunächst nicht in seinem ganzen Ausmaß erfassen. Die Dimensionen der Herausforderung werden sich erst im zeitlichen Ablauf entfalten, denn nur die Zeit lehrt uns Menschen die Erkenntnis des Seins.

Mit Putzlappen und Handtüchern tunke ich die Wasserlache auf, die sich um den Abfluß im Fußboden der Waschküche gebildet hat. Es gelingt Peter, die Öffnung abzudichten. Erleichtert kehre ich zurück an meinen Arbeitsplatz. Peter bricht auf zur Salzach, deren braune Wassermassen unser Dorf bedrohen. Er verschwindet im grauen Regendunst.  


11.15 Uhr

Der Ausguß des Spülbeckens in der Küche gluckert mehrmals laut. Das seltsame Geräusch schreckt mich auf. Ich eile in den Keller und werfe einen Blick in die Waschküche. Wasser! Diesmal dringt es nicht durch den Bodenabfluß ein, sondern fließt unter Waschmaschine und Trockner heraus. Es quillt aus der Wand. Das bringt mich auf Trab. Mit Handtüchern baue ich auf dem Fußboden einen Wall, hole zwei Eimer und die rote Kehrschaufel und beginne zu schöpfen. Hineingeworfen in die völlig neue Situation begreife ich noch nicht, daß diese Arbeit, anders als gewöhnlich, nicht sofort von sichtbarem Erfolg gekrönt sein wird. Ich schleppe die vollen Eimer ins Erdgeschoß, leere sie mit Schwung auf die Garageneinfahrt und denke, daß ich das ganze in den Griff kriege, ehe mein Mann zurück ist. Eine wahnhafte Vorstellung. Die Tatsachen zwingen mich wenig später zu Bescheidenheit. Das Wasser läuft genau so schnell, wie ich schöpfen kann. Ich fühle mich wie ein Ruderer, der nicht vom Fleck kommt.


12.00 Uhr

Wir schöpfen jetzt zu zweit, kommen aber trotzdem unserem Ziel nicht näher. Jeder Eimer fortgeschafftes Wasser ist umgehend durch einen Schwall neuen Wassers ersetzt. Der Wall aus Tüchern wird allmählich durchlässig, wir wringen und schöpfen abwechselnd, aber die Wasserfläche auf dem Boden dehnt sich unaufhörlich aus. Peter versucht, das Leck mit zufällig greifbarem und – rückblickend – lächerlichen Hilfsmitteln abzudichten. Es ist unglaublich, auf welche Ideen der Mensch kommt, wenn er in eine unerwartete Notlage gerät. Nichts hilft. Unverdrossen quillt das Wasser, bahnt sich listig seinen Weg.

 

12.10 Uhr

Nun dringt auch im Heizungskeller Wasser ein. Schon steht es knöcheltief, über die Schwelle darf es nicht fließen! Dennoch bildet sich im benachbarten Kellerraum eine Pfütze. Es dauert einen Moment, bis wir entdecken, woher es kommt: die Duschwanne läuft über, das Wasser drückt sich durch den Abfluß herauf. Mit fliegenden Armen schöpfen wir, wechseln von einem Kellerraum und von einem Leck zum nächsten. Allmählich erfaßt mein Verstand, daß dies kein Alptraum ist, sondern Realität. Verzweiflung packt mich. Der Höhepunkt der Flut ist laut Meldungen aus dem Radio noch nicht erreicht. Wie sollen wir das aushalten – stundenlang bücken und schöpfen, Eimer füllen und hochschleppen, auskippen, weiterschöpfen, Tücher auswringen und doch zusehen, wie das Wasser an vier verschiedenen Stellen Zentimeter für Zentimeter „an Boden“ erobert? Das ist sinnlos. Wir werden das niemals durchhalten. Ich möchte aufgeben und arbeite dennoch weiter, zwischendurch geschüttelt von Anfällen der Verzweiflung, im Wechsel mit Resignation.

 

13.30 Uhr

Ein Nachbar kommt und hilft beim Ausleeren der Eimer, so daß Peter und ich ohne Unterbrechung Wasser schöpfen können. Sisyphos schaut zu. Das Sinnlose unseres Tuns dringt mir jäh ins Bewußtsein wie das mit aller Gewalt aus den Ritzen quellende Wasser. Ich fühle, wie mich dieser giftige Gedanke lähmt. Peter mahnt zu Besonnenheit. Verzweiflung ist sinnlose Kraftvergeudung und macht orientierungslos. Die Ruhe, die von meinem Mann ausgeht, wirkt ansteckend. Ich ergebe mich und arbeite weiter.


15.00 Uhr

Wir sind zu Automaten geworden. Maschinen denken nicht, und sie haben keine Gefühle. Im kalten Wasser spüre ich meine nackten Füße nicht mehr, mehrmals gleite ich auf den rutschigen Fliesen aus und falle beinahe. Peter stürzt einmal geräuschvoll, sein Kopf fährt haarscharf am Türrahmen vorbei, es bleibt beim Schrecken. Der Nachbar schlägt vor, die Feuerwehr zu rufen. Aber wir sind nicht die einzigen, die heute Hilfe brauchen. Es ist so viel Not ringsum, auch wenn sie nicht sichtbar ist, weil jeder seinen eigenen, einsamen Kampf ausfechten muß.

Ich stopfte mit einem Schraubendreher einen blauen Gummihandschuh in das Leck im Heizungskeller. Drei prall mit Wasser gefüllte Finger ragen aus dem Loch. Sie zittern im Wasserstrom und zeigen auf mich, als wollten sie mich verhöhnen. Wütend stopfe ich den zweiten Handschuh nach. Die blauen Finger verschwinden im Loch. Könnten Löcher lachen, so wäre wohl sardonisches Gebrüll erschallt angesichts der Dummheit des Menschen, der glaubt, mit Gummihandschuhen dem Druck des Hochwassers Einhalt gebieten zu können. Noch nie hat die Erfahrung der Vergeblichkeit den Menschen davon abhalten können, die Naturgesetze unter sein jämmerliches Joch zwingen zu wollen.

Wir schöpfen mit der Uhr um die Wette. Der Mensch mag diesen Wettlauf am Ende immer verlieren, doch unterwegs erringt er unzählige Etappensiege. Allein darauf kommt es an. Auf der Strecke bleibt derjenige, der nicht mehr aufsteht. Noch ist der Kellerraum trocken, in welchem sich das Bücherlager befindet. Nur nicht nachlassen! Die einzige Abwechslung, die wir uns bei der Arbeit gönnen, ist die Kehrschaufeln zu tauschen. Mal schöpfe ich mit der gelben Schaufel, mal mit der roten. Inzwischen lassen Koordination und Kraft der Arme nach. Oft gieße ich den Inhalt halb oder ganz neben den Eimer. Goethes Zauberlehrling späht kurz zum Kellerfenster herein, macht sich aber gleich wieder davon, denn von Poesie kann hier keine Rede sein. Für philosophische Gedanken ist später Raum, wenn sich die Geschehnisse zu bloßer Erinnerung verdichten.

 

16.00 Uhr

Das Wasser läßt sich nicht mehr einsperren. Sämtliche zur Verfügung stehenden Textilien sind im Einsatz. Wie schwer eine federleichte Decke werden kann, wenn sie sich mit Nässe vollsaugt! Im Heizungskeller entsteht allmählich ein Schwimmbassin für Zwerge, ich aber bin der Riese, dem die Flut nur bis zu den Fußknöcheln reicht. Ich stehe im Wasser und schaufle. Meine Arme fliegen. Sie werden zu Schatten. Eimer um Eimer fülle ich, sie werden von irgend jemandem fortgetragen. Immerzu stehen die leeren Behälter hinter der Türschwelle, unersättlich ist ihre Gier nach Wasser; sie wollen gefüllt sein, Eimer auf Eimer, bis in alle Ewigkeit. Gelegentlich wechsle ich zur Duschwanne und schöpfe sie leer. Peter kämpft in der Waschküche. Ich mache keine weiteren Versuche mit Gummihandschuhen, erstens, weil keine da sind, und zweitens weil man nicht wissen kann, wo sie eines Tages wieder auftauchen. Außerdem lasse ich mich nicht von aufgequollenen Gummifingern verhöhnen.

 

16.30 Uhr

Wir sind wieder allein. Peter holt einen gefüllten Eimer ab. Er sagt: „Es hört auf.“ Ich kann das nicht glauben und will weitermachen. Aber meine Bewegungen werden träge. Schier unglaublich ist die Entdeckung: Nach endlosen Stunden der scheinbaren Vergeblichkeit trägt die Arbeit zum erstenmal sichtbare Früchte.

 

17.30 Uhr

Die größte Gefahr ist vorüber. Der Heizungskeller ist „trockengelegt“, die Duschwanne leer. Aus dem Spalt zwischen Wand und Boden in der Waschküche fließt kein Wasser mehr. Auf dem Kellerboden verstreut liegen Haufen nasser Tücher und Teppiche. Sie sehen aus wie gestrandete Wale. Der letzte Eimer ist nach oben geschleppt, und jetzt schleppe ich mich selbst hinauf. Zu meiner Überraschung fühle ich nichts. Die ersehnte Erleichterung über den errungenen Sieg bleibt aus. Freude will sich nicht einstellen. Stundenlang war ich wider Willen ein Automat, und nun kann ich nicht mehr zurück in die Welt, in der ich gewesen bin. Es ist, als ob ich ins Nichts falle.

Im Dämmerlicht des Erdgeschoßes kommt mir etwas entgegengewackelt, mit angelegten Ohren und eingekniffenem Schwanz. Aus angegrautem Pelz schaut mir ein zerknittertes Hundeantlitz entgegen, in dem sich tausend Fragezeichen und die ganze Pein des Vernachlässigtseins abzeichnen. Ich bücke mich, um den verängstigten Vierbeiner zu streicheln. Dankbar wedelt er mit dem Schwanz und rennt zur Wohnzimmertür. Ich folge ihm und lasse ihn hinaus. Während er im tropfnassen Gartendschungel verschwindet, stehe ich in der offenen Tür und warte auf seine Rückkehr. Beim Anblick des alten Hundes überflutet mich mit einem Mal ein Gefühl von Trauer und Scham: der wahre Meister in Sachen Geduld und Demut ist nicht der Mensch, sondern das Tier.

 

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Kommentare zum Artikel

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Gravatar: Crono

@Ursula Prasuhn, 07.06.2013 21:30
@Freigeist
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Frau Prasuhn, haben Sie noch nicht bemerkt, daß d(i)e(r) Herr-Frau Geistfrei sehr schwer vom Begriff ist, was er(sie) hier schon zigmal unter Beweis gestellt hatte. Ein ewig gestrige Erscheinung.
Aber jedes Dorf hat immer einen D... . (siehe Gaußsche Normalverteilung). That's what I say.

Gravatar: Julia

Ich teile Ihr Verständnis von Demut und wünsche dem Freigeist zumindest ein wenig von dieser Eigenschaft.

Gravatar: Ursula Prasuhn

@Freigeist
Sie schreiben: "Demut ist häufig reine Dummheit."
Da verstehe ich den Begriff ganz anders. Demut hat für mich mit Gewissenhaftigkeit, Klugheit und dem Bewusstsein um die Grenzen des eigenen Wissens, Denkens und Handelns zu tun.
Der Dumme verhält sich oft blind folgsam, aber nicht demütig. Er gehorcht zwar gern fremden Befehlen, aber ebenso gern versteift er sich auch auf Besserwisserei.
Ein Mensch, der Demut kennt, urteilt und handelt nicht aus Dummheit, sondern aus dem Mut zum Eingeständnis vor sich selbst, dass er irren kann, dass er nicht alles weiß und dass er lieber den Mund hält, anstatt großkotzig über Dinge zu urteilen, von denen er wenig versteht oder die ihm fremd sind.
Das verhält sich der Dumme, aber nicht der Demütige.
Das ist mein Verständnis von Demut.

Gravatar: Freigeist

Demut ist häufig reine Dummheit. Weitere Dummheit findet man in der Ausweisung von Bauland in Überschwemmungsgebieten. Jetzt haben wir den traurigen Beweis für pure Dummheit. Einige Landbesitzer, meist Bauern, haben sich bereichert mit der Folge der Verarmung derjenigen, die so dumm waren, in gefährdeten Niederungen zu bauen. Der Beamtenschaft, die die Ausweisung vorgenommen hat, sollte die Pension gekürzt werden.

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