Warum Weihnacht_

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Warum Weihnacht_
Datum: 27.12.2016, 11:27

Was soll denn ein nichtchristlicher Abendländler sein?
Nun, nichtchristlich, das sind erst mal all die vielen übrigen Religionen in unserem Land und dazu dann Agnostiker und Atheisten.
Der Begriff Abendland schränkt diese nichtchristlichen Gruppen dann aber regional und historisch bedeutsam nochmal auf westliche Juden, Heiden, Agnostiker und Atheisten ein.

Als Konservativer könnte man es sich nun einfach machen und auf die seltsame Frage „Warum Weihnacht?“ knapp antworten: Das Fest ist eines der letzten noch real gelebten Bräuche in unserer rationalen Gesellschaft und es ist vor allen Dingen ein Familienfest. Deshalb ist es gut. Ende der Durchsage.
Sollte so ein Brauch, dem sich selbst erwachsene Nichtchristen in Europa emotional nur schwer entziehen können und den z.B. nicht mal ein Betonkommunist wie Walter Ulbricht zu verbieten schaffte, ausgerechnet hier in Frage gestellt werden?
Keine Angst, „in Frage stellen“ soll ja nicht „bekämpfen“ heißen, sondern bedeutet hinterfragen, ob es also für Nichtchristen über traditionell-emotionale Gründe hinaus Gründe geben könnte, die Weihnacht zu begehen. Ohne den Bezug auf die Geburt Jesu und ohne den ganzen hedonistischen Konsum-klim-bim.
Das Weihnachtsfest ist ja bereits zu einem letzten allgemein verbindenden Markenzeichen unseres Abendlandes geworden, so dass Gegner unserer Kultur es am 19. Dezember nicht ohne Grund für den Anschlag auf den zentralen Weihnachtsmarkt vor unserer Berliner Gedächtniskirche auswählten.
Wir sollten uns natürlich nicht durch unsere Gegner die Bedeutung unserer Feste diktieren lassen, nach dem trotzigen Motto „Nun erst recht!“, aber auch nicht durch unsere Regierenden, nach dem gleichen Motto und voller Gelassenheit.
Ich jedenfalls bin garantiert nicht gelassen.

Könnte es einen Zusammenhang geben, zwischen einem christlich geprägtem Kulturland und der hohen Zahl der Feinde dieser Kultur, die in diesem Land leben und die von großen Teilen der Gesellschaft in diesem christlichen Lande auch noch stolz und treuherzig geduldet werden?
Könnte das mit einer gesellschaftlich tief verinnerlichten erweiterten Interpretation der Feindesliebe aus der Bergpredigt des Neuen Testaments zu tun haben, dass ein großer Teil der Gesellschaft anscheinend nicht mehr willens und fähig ist, sich selbst zu schützen?
Wird nicht auch die Forderung des Alten Testaments „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ heute nicht längst in ein: „Du sollst auch die Fremdesten lieben wie dich selbst“ umgedeutet? Je fremder desto ehrenvoller?
Das wäre sich selbst gegenüber nicht mehr menschlich, so entsteht eine bigotte Olympiade der Selbstverleugnung.
Es wäre schön, wenn die „Lutherbotschafterin“ der EKD, Frau Käßmann auch in diesem Zusammenhang mal auf den zentralen Luther-Satz hinweisen könnte: "Ist's aber aus Gnade, so ist's nicht aus Verdienst der Werke; sonst wäre Gnade nicht Gnade."
Das sich also keiner sein Seelenheil durch gute Taten, auch z.B. bei der Fremdestenliebe verdienen kann.
Es gibt inzwischen von Christen wie von Nichtchristen die gleiche Kritik an dem ganzen weihnachtlichen Einkaufsstress und Konsumterror zu hören. An der stetigen Säkularisierung mit fetten roten Coca-Cola-Weihnachtsmännern und von der kitschigen Verlogenheit bis hin zur erhöhten Selbstmordrate.
Alles richtig. Aber in unserer freien Welt ist es, „Gott lob“, niemandem mehr vorgeschrieben, ob und wie er das Fest zu begehen hat.
Nun steht z.B. ein Luther auch gerade für Kirchen- und Religionskritik.
Die modernen christlichen Kirchen pflegen heutzutage ja ganz inbrünstig und voller Selbstzweifel einen interreligiösen Dialog mit anderen selbstbewussten Religionen wie z.B. dem Islam.
Das wäre heutzutage wohl eher nicht Luthers Baustelle.
Die Kirchen haben aber augenscheinlich immer noch ein großes Problem, sich zu den heidnischen Wurzeln z.B. des christlichen Weihnachtsfestes oder des Johannistages am 24. Juni zu bekennen.
Sind die Kirchen hier einfach nur überheblich gegenüber primitiven „Götzenkulten“, die man längst überwunden glaubt, oder fühlen sie sich von dem kleinen Rest an verstreutem Heidentum das heute noch existiert, gar bedroht? Glauben sie an das Geraune von den latent rechten Heiden? Das alles wäre doch eigentlich nur lächerlich.
Wagen wir mal ein nichtchristliches Weihnachts-Reset:
Am Anfang stand unzweifelhaft die Sonnenwende im Winter, die längste Nacht, die meist am 21. Dezember, dem Winteranfang stattfindet. Das ist ein astronomischer Fakt und glaubensunabhängig. Zusammen mit der Sonnenwende im Sommer, die meist am 21. Juni stattfindet und der Frühlings-und Herbst-Tag-und-Nachtgleiche bilden sie das Jahreskreuz. Warum die Heilige Nacht und der Johannistag jeweils am 24. statt am 21. des Dezember und Juni begangen werden, weiß ich auch nicht genau. Aber Kalender sind nun mal Menschenwerk und wurden im Laufe der langen Zeit mehrfach geändert (z.B. julianische und gregorianische Reform), die Astronomie dagegen nicht.
Der Weihnachtsbaum ist das zweite archaische Element des Weihnachtsbrauches, das bis heute überlebt hat, auch wenn es erst im 19. Jahrhundert wieder so richtig in Mode kam.
Diese beiden Elemente, die kürzeste Nacht im ewigen Jahreskreis und der ewiggrüne Nadelbaum im Winter könnten für Christen wie für Nichtchristen gleichermaßen eine tiefe Botschaft haben:
Wir Menschen sind unlösbar Bestandteil einer größeren Weltennatur. Diese Natur können wir nicht ablegen, so fortschrittlich und zivilisiert wir auch sein mögen.
Wenn wir gegen ihre Grundregeln verstoßen, werden wir leiden, denn diese Natur, egal wer sie nun schuf, ist für uns unendlich schön aber auch unendlich grausam.
Eine Sonnenwende oder Tag-und-Nacht-Gleiche im Jahreskreis sagt uns nur: Was auch passiert, es gibt ein neues Jahr im Jahreskreis.
Irgendwie groß und beruhigend.
Für alle weiteren Versprechen sind dann aber andere zuständig.

Frohe Weihnacht allen!


Sven von Storch

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