Mauer- und Trauerfall
Mauer- und Trauerfall
Datum: 08.11.2019, 09:46
Man spürt, die Macher der Kampagne tun sich mit Deutschland schwer. Aber vermutlich sind auch sie Deutsche, denn gerade das „sich mit Deutschland schwer tun“ – das ist sooo deutsch.Richtigerweise müsste ihre Kampagne aktuell heißen: „Deutschland ist eins: gespalten.“Aber diese Diskussion dazu will man wohl jetzt zur Wiedervereinigungsfeier gerade nicht führen.Dabei war ja auch schon die DDR-Bevölkerung 1989 gespalten, selbst unter Teilnehmern der gleichen Demonstrationen.
Ich war damals 27 Jahre alt und in Berlin aktiv dabei. Es gab in meiner Erinnerung in der DDR eigentlich drei unterschiedliche Gruppen:
1. Die alte SED-Nomenklatura, Alt-Sozialisten und ihre Profiteure, deren Macht schnell zerfiel, da sie keinen großen Bruder mehr im Rücken hatten, aber die man immer noch auf dem Schirm hatte
2. Reformsozialisten (Sozialdemokraten), die von SED-Genossen bis zu den Bürgerrechtlern reichten
3. Bürger, die eigentlich nur in Ruhe und passabel leben wollten und dazu die BRD der DDR nun vorzogen, da ihr Vertrauen gegen Gruppe 1 und 2 inzwischen auch äußerst gering war.
Es war die zahlenmäßig stärkste Gruppe und selbst wenn sie dann von der damaligen BRD-Regierung wohl mutmaßlich aus dem Westen mit Aufklebern (Wir sind EIN Volk!) und schwarz-rot-goldenen Fahnen unterstützt wurden, schmälert das nicht die eigenständige Bedeutung dieser Gruppe. Nur mit Fahnen und Aufklebern kann man keine Bewegung erzeugen.
Anders als die prominenten Vertreter der Gruppe 1 oder 2 sitzen Vertreter der Gruppe 3 heutzutage aber in keiner Talkshow, da sie schlicht nicht prominent waren, sondern „nur“ Masse ohne Führung. Gruppe 1 und 2 finden Gruppe 3 nur peinlich. Ich dagegen finde heute die Gruppen 1 und 2 bei ihren Talkshow-Auftritten peinlich, wenn sie einer besseren linken DDR hinterher weinen.
1989 gehörte ich übrigens auch zur Gruppe 2, soviel Aufrichtigkeit muss sein.
Heute möchte ich aber der Gruppe 3 nochmal nachträglich danken, dass das mit der guten, wahrhaftig sozialistischen DDR spätestens ab der letzten DDR-Wahl am 18. März 1990, doch nicht mehr geklappt hat. Die Bürgerrechtler-Parteien (Bündnis 90 und Grüne Partei) lagen dann zusammen nur bei 4,9% (Link: www.wahlrecht.de/ergebnisse/volkskammerwahl-1990-a.htm). Bei ihnen war der Mauerfall von Anfang an ein Trauerfall, - einer der als Phantomschmerz bis heute anhält. Das viele dieser Bürgerechtler z.B. die AfD bekämpfen, ist vor diesem Hintergrund eigentlich logisch.
Wenn man nun statt der drei nur zwei Gruppen bilden wollte, dann könnte man sagen: Es gab die Bürger, welche die DDR, ob nun mit oder ohne Reform, behalten wollten und es gab die Bürger welche, egal ob nun mit oder ohne Reform, schnell Bundesbürger werden wollten, aber nicht wie früher, indem sie ihr Land verlassen mussten, sondern indem ihr Land sich einfach der Bundesrepublik anschloss.
Am 9. November 1989 hatten die SED-Machthaber dem Druck der Demonstrationen der ostdeutschen Bevölkerung nachgegeben und ein neues Reisegesetz verabschiedet, das den Untertanen nun auch ohne vorliegende Gründe gnädig die Ausreise erlaubte. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit.
Offensichtlich war von Schabowski und seinen Genossen in dieser chaotischen Form keine Maueröffnung geplant, aber sie war der eigentliche Beginn der deutschen Wiedervereinigung, die dann am 03. Oktober 1990, also ca. ein Jahr später, offiziell abgeschlossen wurde.
An dieser Stelle muss man noch mal einer Gruppe danken, die sonst auch gerne vergessen wird: Den unteren Chargen der Grenzorgane der DDR. Die hatten kaum Anweisungen von oben, wie sie sich am 9. November 1989 verhalten sollten. Sie haben dann lokal auf unterer Ebene entschieden, nicht auf das eigene Volk zu schießen. Das war angesichts der Befehlslage alles andere als selbstverständlich. Es lehrt uns, das für das Volk, wenn es hart auf hart kommt, eine Volksarmee immer besser ist, als eine multinationale bzw. Söldner-Armee und das Deutsche, entgegen dem Klischee, sehr oft mehr als nur dumpfe Befehlsempfänger sind.
Die Spaltung unseres Landes verläuft heute viel weniger an der alten deutsch-deutschen Grenze, alsvielmehr an der Frage: Wollen wir uns national (als souveräner Nationalstaat mit Grenzen) oder international (nur als weltoffener EU-Bestandteil) organisieren.
Spätestens seit den Wahlerfolgen der AfD in Sachsen, Brandenburg und Thüringen wird der Ossi, das unbekannte Wesen, wieder gern als große Gruppe schlecht gemacht.
Es dominiert in den Mainstream-Medien eine Mischung aus bestenfalls väterlichem Verständnis für Abgehängte und der Anklage, dass man ja so viel Förderung bekam und nun zum Dank „falsch“ gewählt hätte.
Klar, es gab und gibt Abgehängte im Osten und klar, gab es in den vergangenen 30 Jahren oft auch wirtschaftlichen Betrug und Herabsetzung von Ostdeutschen. Doch im Vergleich zu all den anderen ex-sozialistischen Ländern in Osteuropa können wir doch von Glück sagen, dass man mit "Onkel Helmut" im Durchschnitt noch relativ weich gefallen ist.
Mit den deutschenfeindlichen Grünen oder SPD-Bedenkenträger-Lafontaine als Kanzler hätte das so vermutlich nicht geklappt. Es ist nun mal so, wie es gekommen ist, - was soll es bringen, den Blick ständig nur zurück auf die DDR zu richten? Sie hatte sich historisch überlebt und die meisten Ossis wollten 1989 eine Wende.
Heute geht es um was anderes: Der Ossi ist zwar gastfreundlich, aber im Unterschied zur Mehrheit im Westen ist er größtenteils nicht so doof, den Alt- Parteien in der Frage der Zuwanderung und nationalen Souveränität noch länger zu vertrauen. Nur deshalb sind die Wahlergebnisse so wie sie sind. Das will nur kaum einer wissen.
Wir sollten das Gemeinsame betonen und uns durch die Medien nicht spalten lassen. Wir Deutschen haben unsere gemeinsame Geschichte und da spielt der 9. November als Schicksalstag der Deutschen eine ganz besondere Rolle, um daran zu erinnern, dass Demokratie nicht selbstverständlich ist.
Zwar wiederholt sich Geschichte nicht direkt, aber es gibt heute neue, andere Gefahren für die Demokratie. Während die Linken nur auf Grund der demokratischen AfD-Erfolge ein neu aufbrechendes 3. Reich beschwören, können wir ganz andere Gefahren sehen: Angefangen von einer satten Bevölkerung, die Politik nicht mehr wirklich interessiert, über sich weitgehend selbst gleichschaltende Medien, bis hin zu den Politikern und heute Mächtigen, die mit ihrem Parteienkartell ( de.wikipedia.org/wiki/Kartellparteien ) den Staat für ihre speziellen Zwecke zu einer Postdemokratie umbauen wollen und so z.B. immer mehr Macht weg von parlamentarischer Kontrolle hin zu supranationalen Organisationen, wie der EU verlagern wollen.
Ein Gegengift dazu wäre der Erhalt kleiner Strukturen, wie es Nationen nun mal sind. Nur in solchen Strukturen ist auch direkte Demokratie möglich, die in unserem Grundgesetz Art. 20(2) sogar auf Bundesebene schon vorgesehen ist, deren Einführung aber von all den etablierten Parteien mit fadenscheinigen Begründungen (z.B. die einfache Bevölkerung sei noch nicht reif dafür) immer noch abgelehnt wird. Der 9. November mahnt uns: Demokratie ist kein Naturzustand. Sie muss stets aufs Neue erkämpft werden. Darum: Bleiben wir wachsam!
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