Kleine politische Geometrie_ Von „vorne-rechts-unten“ gegen „hinten-links-oben“_
Kleine politische Geometrie_ Von „vorne-rechts-unten“ gegen „hinten-links-oben“_
Datum: 06.03.2017, 09:20
Von 1968 bis 2015 war ich links, jetzt bin ich aus Sicht der "Linken" vermutlich rechts.
Es fühlt sich nicht so chic an, aber – hier stehe ich - ich kann nicht anders.“
Dieser Leserkommentar stand unlängst unter einem erstaunlich wohlwollenden Artikel zur „Bibliothek des Konservatismus“ in der Welt (Link: https://www.welt.de/kultur/article162401858/Hoert-endlich-auf-die-Konservativen-zu-verdaechtigen.html ) .
Inzwischen liest man öfter ähnliche Statements, was wohl auf eine immer weiter um sich greifende Rechts-Links-Schwäche schließen lässt.
Viele der noch denkenden Linken stellen sich still die Frage, warum die alten linken Kampfthemen, z.B. der Einsatz für die Interessen der Arbeiterschaft, für Subsidiarität bzw. nationale Selbstbestimmung und direkte Demokratie inzwischen im rechten Spektrum Asyl bekamen? (Link: http://www.zeit.de/kultur/2016-07/didier-eribon-linke-angela-merkel-brexit-frankreich-front-national-afd-interview )
Hat der Rechts-Links-Begriff ausgedient, wenn er unsere komplexe politische Welt doch offenbar nicht mehr ausreichend beschreibt?
Emotional gilt für die Mehrheit der Bürger immer noch: „Links“ wird als gefühlt „gut“ wahrgenommen, da hier vermeintlich für eine „Gleichheit“ sozial unterprivilegierter Gruppen gekämpft wird, mit denen die Mehrzahl sympathisiert, gegen unbeliebte Eliten.
Solche Erzählungen wärmen das Herz vieler immer noch, auch wenn sie längst überholt sind.
Selbst wenn wir auf der rechten Seite mal von der ahistorischen „Nazikeule“ absehen (denn Nazi steht für einen undemokratischen nationalen Sozialismus), wird „rechts“ oft schon deshalb gefühlt als „gemein“ angesehen, da hier nun mal von quasi vorgegebenen Unterschieden in Gesellschaften ausgegangen wird, selbst wenn eine Wertung dieser Unterschiede damit nicht mal zwingend verbunden sein muss.
In einem Satz kann man sagen: Der Unterschied zwischen Links und Rechts ist der zwischen Utopie und Realität. Leider wärmt Realität aber kaum das Herz.
Genau deshalb scheint es von linker Seite auch starke PR-Gründe zu geben, so lang wie möglich an diesem unzulänglichen Begriffspaar „rechts-links“ mit hart erkämpfter positiv Links- und negativ Rechts-Konnotation fest zu halten.
Angesichts dessen ist auf der politisch rechten Seite bei vielen auch immer noch nicht entschieden, wie man sich denn nun am besten benennen sollte.
Zur Auswahl stehen da z.B. Alternative, Konservative, Patrioten, oder als Bewegung eben auch „Rechts“ bzw. „Mitte-Rechts“, was aber alles immer auch noch erklärungsbedürftig ist.
Da der Begriff „Nationalist“ im Deutschen überwiegend mit „Chauvinist“ gleichgesetzt wird, ist er als Selbstbezeichnung, bis auf ein paar Rechtsextreme, kaum mehr im Gebrauch.
Letztlich werden die meisten dann wohl ganz opportunistisch danach entscheiden, was ihrer Meinung nach am besten beim Wähler ankommt.
Nun gibt es noch die umschwärmte „Mitte“, da wo sich heute von Linkspartei bis Christdemokratie bereits alles in der lauwarmen Einheitssoße des Sozialdemokratismus drängelt.
Lustigerweise sind das genau diejenigen, die am lautesten für Vielfalt und Buntheit werben.
Andere versuchen dagegen nur noch, pragmatisch von einer nebulösen „Vernunft“ zu reden, die dann weder „rechts“ noch „links“ sein soll.
Alle in der Mitte behaupten aber immer, nur das Allerbeste für alle zu wollen.
Allein das sollte schon stutzig machen, denn Partei kommt ja bekanntlich von „part“.
Übrigens wurden und werden neben den Seitenrichtungsangaben „rechts“ und „links“ ja auch die anderen Richtungen, die es im dreidimensionalen Raum noch so gibt, politisch als Metapher gewertet.
„Oben“ und „unten“, entspringt dem vordemokratischen Modell mit den drei Ständen (Wehrstand, Nährstand und Lehrstand) bis zum Ende der absoluten Monarchie nach der Revolution von 1848/49 und es soll auch heute noch Herrschaftszuschreibungen anzeigen.
Aber auch „hinten“ und „vorn“, war zu mindestens seit dem 19. Jahrhundert mit den Adjektiven „reaktionär“ und „progressiv“ wertend belegt. Rechts war hier meist synonym mit „konservativ“ und damit fast automatisch „hinten“, also „reaktionär“, da es immer als Verteidiger der alten Mächte angesehen wurde.
Wollte man allerdings die heutige politische Situation in Deutschland mit diesen geometrischen Richtungsbegriffen beschreiben, könnte man dann sagen: Wir haben eine progressive Rechte, die von unten gegen eine reaktionäre linke Obrigkeit kämpft.
Das dürfte so allerdings in keinem Politik-Lehrbuch stehen.
Das ein duales politisches Spektrum als Modell für viele aktuelle Probleme nicht mehr aussagefähig ist, wurde und wird zwar öfter mal thematisiert, aber neu vorgeschlagene Modelle (Link: https://de.wikipedia.org/wiki/Politisches_Spektrum ) haben es in den Gesellschaftswissenschaften -und/oder- in der Öffentlichkeit schwer, Anerkennung zu finden.
Dabei wird oft vergessen, dass ein Modell nicht behauptet, die völlige Wahrheit abzubilden. Gerade durch Vereinfachungen soll ein Modell uns einen Zugang zu einer komplexen Wahrheit erleichtern.
Wenn also irgend ein Modell, wie z.B. das Bohrsche Atommodell in der Physik, zu Erklärungen von Phänomenen nicht mehr ausreicht, dann setzen sich neue Modelle, wie z.B. das Orbitalmodell durch.
Jeder kennt die Situation, sich zwischen zwei Optionen entscheiden zu müssen, die beide i.d.R. dann auch noch mit verschiedenen Problemen behaftetet sind.
Bekanntermaßen nennt man so etwas ein „Dilemma“.
Geometrisch kann das durch eine Gerade mit den beiden entgegengesetzten Richtungen (links-rechts) dargestellt werden.
Solche verschiedenen Dilemma-Optionen könnten auch zwei private Vornamen haben, sie können aber auch, wie in unserem Fall, sich gegenseitig ausschließende politische Lösungen versprechen.
Als Favorit für ein verbessertes Modell des politischen Spektrums erscheint mir immer noch das Dreieck und nicht das Viereck am vielversprechendsten zu sein.
Ein Dreieck weitet das „links-rechts“-Dilemma der Gerade zu einem „sozial-liberal-konservativen-Trilemma“ auf.
Wer von Geometrie etwas Ahnung hat weiß, dass ein Viereck letztlich auch nur zwei unabhängige Richtungsachsen hat, während ein Dreieck bereits drei unabhängige Achsen hat (Ein etwas hinkender Vergleich dazu: Der vierbeinige Stuhl kippelt, der dreibeinige Hocker nicht). Je mehr Richtungsachsen, desto mehr Differenzierungen sind möglich.
Dieses Dreiecksmodell mit den drei Punkten „sozial“, was für das Streben nach Gleichheit steht; mit „liberal“, was für das Streben nach Freiheit steht und mit „konservativ“, was für das Streben nach Sicherheit steht, lehnt sich zeitlos an die drei politischen Hauptrichtungen seit der 1848er Revolution an: Sozialismus, Liberalismus und Konservativismus.
Es lässt die Achsen sozial-liberal, liberal-konservativ und sozial-konservativ zu.
Undemokratische bzw. diktatorische Entartungen, die es bei allen drei Punkten geben kann (sozialistische Diktatur, liberale Anarchie, konservative Diktatur wie z.B. ein Gottesstaat) liegen außerhalb des Dreiecks.
Um den wirkliche Grundkonflikt unserer Zeit noch darstellen zu können, wäre heute aber noch eine weitere zusätzliche Hauptunterscheidung der drei Kategorien Sozialismus, Liberalismus und Konservativismus erforderlich - eine Unterscheidung hinsichtlich der politischen Ordnungsdimension „national“ versus „international bzw. global“.
Dann hätten wir zwei Dreiecke, eines mit den drei Punkten: national-sozial; national-liberal; national-konservativ und eines mit den drei Punkten: international-sozial; international-liberal; international-konservativ.
Das Modell deckt wie gesagt sicher nicht alles ab, erscheint mir aber oft aussagekräftiger als nur die „rechts-links“-Gerade.
In leichter Abänderung eines alten „Kraftwerk“-Hits, könnte man deshalb also singen: „Es ist ein „Modell“ und es sieht gut aus…“.
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