Halloween, Luther und PEGIDA
Halloween, Luther und PEGIDA
Datum: 01.11.2017, 12:20
Drei Ereignisse, die auf den ersten Blick nun wirklich gar nichts miteinander zu tun haben, außer zufällig in einem gewissen zeitlichen Zusammenhang zu stehen.
Mehr noch, die Ereignisse haben nicht nur nichts miteinander zu tun - es gibt wohl auch kaum einen größeren Gegensatz, als den, zwischen dem amerikanisch trashigen Halloween und dem staatstragend christlichen Luther.
Und mit dem „ossi-prolligen“ PEGIDA-Geburtstag hat das Ganze nun ja nicht einmal mehr das zufällige Datum gemeinsam.
Gerade gutbürgerlichen und christlichen Eltern gilt Halloween, kulturell gesehen, oft als der Untergang des Abendlandes. Im wahrsten Sinne also als blanker „Horror“, da unchristlich und nur ein minderwertiger amerikanischer Kulturimport, eingeführt von der Süßwarenlobby, um zwischen Ostern und Weihnachten ihr Zeug nochmal ordentlich los schlagen zu können. Die Verbindung von Heidentum und Kapitalismus, als zwei Krallen des Satans.
Genauer betrachtet scheint die Geschichte dieses Brauches aber doch etwas umfangreicher zu sein.
Ethnologen und Religionsforscher streiten sich zwar noch, wie viel vom alten keltischen Ahnengedenken des keltischen Samhain-Festes sich in der christlichen Tradition von Allerheiligen und Allerseelen wiederfindet, aber das es da Wurzeln hat, kann man schwer bestreiten. Ursprünglich kommt der Brauch also nicht aus den USA , sondern aus Europa, speziell aus Irland, dem heute noch keltischsten aller Länder und damit gehört es nun mal auch ein Stück zu unserer Geschichte.
Für seine Kommerzialisierung kann ein „Samhain-Fest“ genau so wenig, wie der arme Luther für den Rummel, der heutzutage mit ihm betrieben wird.
Es zwingt uns ja niemand, kitschige Grusel-Halloweenpartys zu feiern oder Luther-Schokolade in uns rein zu futtern, denn wir müssen nicht alles nachmachen, was unsere Umgebung so vormacht.
Warum sollte man dieses Fest nicht wieder mit einem eigenen Sinn füllen, also z.B. so wie schon die alten Heiden und später die Christen dann am darauf folgenden Allerheiligen und Allerseelen (01. und 02. November) zu dieser Zeit schlicht seiner Heiligen und Ahnen gedenken?
Luther selbst ist z.B. ein solcher gesamtdeutscher Ahne und ja, pathetisch gesprochen „Heiliger“ für Deutschland, egal ob man nun deutscher evangelischer Christ, deutscher katholischer Christ, oder deutscher Heide ist. Das schließt Kritik an ihm ja nicht aus.
Nun ist über Luther ja sehr viel geschrieben worden. Dem hab ich wenig hinzuzufügen und möchte deshalb hier auch nur auf einen, wie ich finde, sehr guten Artikel verweisen, der aufzeigt, welche Bedeutung Luther auch außerhalb des Christentums für uns hat: https://cicero.de/kultur/reformationstag-martin_luther-luther-refomation .
Den meisten gutbürgerlichen und christlichen Eltern gilt aber kulturell gesehen nicht nur Halloween als Untergang des Abendlandes, sondern sicher auch PEGIDA, obwohl diese Wutbürger doch in breitem sächsisch gerade vorgeben, für den Erhalt desselben auf die Straße zu gehen.
Nun ist es in Deutschland ja strengstens verboten, sich über irgend eine fremde Kultur lustig zu machen. Aber für deutsche Kulturen und ganz speziell für den sächsischen „Ossi-Proll“ gilt das natürlich nicht. Ein gefundenes Fressen für das gediegene linke Staats-Kabarett, von „heute-show“ bis „Die Anstalt“, hier ooch ma richtig primitiv druff zu hau'n.
Luther kam zur Welt und starb im Mansfeldischen, in Eisleben (Sachsen-Anhalt) und er wirkte überwiegend auch aus dieser Region der heutigen Bundesländer Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt auf ganz Deutschland, auf Europa und via Auswanderung nach Amerika dann sogar in die Welt hinaus.
Wir können natürlich nur spekulieren, ob diese hügelige Region vielleicht immer schon einen besonders wutbürgerlichen Menschenschlag hervorgebracht hat und auf welcher Seite Luther heute z.B. politisch stehen würde, da er ja schließlich beides war: Wutbürger, der dem Volk aus Maul geschaut hat und Berater der Fürsten „gegen die räuberischen Horden“.
Wie in einem Steinbruch kann sich jeder aus Luthers Überlieferungen das raus suchen, was ihm in den Kram passt.
So glaubt z.B. Herr Bischof Dröge, zu wissen, was heute Luthers Wahrheit ist:
„Liebe gerade Deinen fernen Nächsten!“ (http://www.tagesspiegel.de/politik/berlins-bischof-droege-zum-reformationstag-vielleicht-ist-unsere-botschaft-wieder-revolutionaer/20519614.html ). Der arme Luther.
Das mit dem Raus-suchen, das gilt übrigens noch viel mehr für das wesentlich ältere Heidentum, z.B. in seiner keltischen Ausprägung, von dem ja fast keine schriftlichen Original-Zeugnissse überliefert sind.
Es gilt aber letztlich auch für eine Bewegung wie PEGIDA, wo ja auch viele Laien Reden so halten, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist und von denen sicher auch nicht immer alle gelungen sind.
Ein Verdienst kann PEGIDA aber keiner nehmen: Sie haben mit ihren Warnungen vor gesellschaftlichen Fehlentwicklungen leider rechtzeitig sehr viel Recht gehabt, was heute viele zumindest verdruckst zugeben. Sie haben einfach früh Mut bewiesen.
Manchmal haben eben auch sächsische „Ossi-Prolls“ eher Recht als intellektuelle Schöngeister.
Wer sich noch erinnert: Das war auch 1989 schon mal so.
Zu einer selbstbewussten „Steinbruchlese-Kultur“ bräuchte es mündige Bürger und viel Toleranz.
In Religionsfragen hat sich Luther ja schon für mündige Bürger eingesetzt.
Toleranz, das muss man leider zugeben, war aber seine Sache nicht so, da er in seinen Gegnern schnell immer gleich den Satan persönlich sah.
Dafür sollten wir heute nach ca. 500 Jahren aber eigentlich genug Aufklärung abbekommen haben, um Halloween, Luther und PEGIDA gemeinsam auszuhalten.
Und das nicht nur in einer Überschrift.
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