Beim Barte des falschen Propheten_ 200 Jahre Karl Marx

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Beim Barte des falschen Propheten_ 200 Jahre Karl Marx
Datum: 04.05.2018, 09:30

Darf man sich nun mit Teilwissen überhaupt zu dem großen Thema „Marx“ zu Wort melden, braucht es denn da nicht Experten?
Leider sind Experten immer schlecht dafür geeignet, z.B. die Nacktheit eines Kaisers zu benennen, da ihr Forschungsgegenstand (und ihre Einkommensquelle) ja häufig gerade die Kleider des Kaisers sind.
Auf den „Ihr-seid-alle-zu-klein-um-den-genialen-Jahrhundert-Denker-zu-begreifen“-Effekt konnten bisher wohl noch alle Marx-Mythologen erfolgreich setzen.
Angefangen von seinem großen Mäzen, Mitarbeiter und Nachlassverwalter Friedrich Engels, über seinen deutschen SPD-Vasallen Wilhelm Liebknecht und dem echten Berufsrevolutionär und Marx-Fan Lenin, bis hin zu dem aktuellen 200. Geburtstags-Kitsch-Filmchen, der auf „arte“ und im ZDF gerade mit Mario Adorf in der Rolle des liebenswerten Opa Marx lief. Marx, so die „Experten“ in dieser Doku-Soap, soll ja auch ein paar kleine, ihn aber umso menschlicher machende Ecken und Kanten gehabt haben. Wie putzig!
Marx selber schrieb dazu am 15. August 1857 in einem Brief an Engels: „Es ist möglich, dass ich mich blamiere. Indes ist dann immer mit einiger Dialektik zu helfen. Ich habe selbstverständlich meine Aufstellungen so gehalten, dass ich im umgekehrten Fall auch Recht habe.“  ( Aus: Marx & Engels intim)

Ich denke, als Nicht-Experte kann man ebenfalls über Marx seine Meinung abgeben, da Marx in erster Linie ein großer Steinbruch ist und er eine geschlossene Gesellschaftsanleitung für die Zukunft nie verfasst hat.
Die Hauptanliegen der Kommunisten haben Marx und Engels aber immerhin bereits 1848 im Manifest der Kommunistischen Partei offen festgelegt:

  1. Expropriation (Enteignung) des Grundeigentums und Verwendung der Grundrente zu Staatsausgaben.
  2. Starke Progressivsteuer.
  3. Abschaffung des Erbrechts.
  4. Konfiskation des Eigentums aller Emigranten und Rebellen.
  5. Zentralisation des Kredits in den Händen des Staats durch eine Nationalbank mit Staatskapital und ausschließlichem Monopol.
  6. Zentralisation des Transportwesens in den Händen des Staats.
  7. Vermehrung der Nationalfabriken, Produktionsinstrumente, Urbarmachung und Verbesserung aller Ländereien nach einem gemeinschaftlichen Plan.
  8. Gleicher Arbeitszwang für alle, Errichtung industrieller Armeen, besonders für den Ackerbau.
  9. Vereinigung des Betriebs von Ackerbau und Industrie, Hinwirken auf die allmähliche Beseitigung des Unterschieds von Stadt und Land.
  10. Öffentliche und unentgeltliche Erziehung aller Kinder. Beseitigung der Fabrikarbeit der Kinder in ihrer heutigen Form. Vereinigung der Erziehung mit der materiellen Produktion usw.


Das kommt einem Ossi wie mir alles recht bekannt vor.
Hatten Honecker und Ulbricht, oder gar Stalin,  also am Ende weniger Schuld, als die geistigen Ur-Brandstifter Marx und Engels? Nun, niemand wurde ja gezwungen, Marx und Engels Ideen umzusetzen. Also bleibt die individuelle Schuld der Diktatoren bestehen. Schuldlos sind aber Marx und Engels auch nicht.
Die gewaltsame Abschaffung des bürgerlichen Eigentums war ein Kernanliegen von Marx, wobei den „Kapitalisten“ unterstellt wurde, die Arbeiter (Proletarier) beim Arbeitsprozess generell zu betrügen, ob der Kapitalist das nun will oder nicht. Die Enteignung wurde deshalb als „Expropiration der Expropirateure“, also sinngemäß als gerechte „Enteignung der Enteigner“ nett verklausuliert.
Die Nationalsozialisten haben sich dann später auch daran orientiert und für „Kapitalist“ nur „Jude“ und statt „Klasse“ „Rasse“ eingesetzt, um dann ebenfalls ihre „Expropiration der Expropirateure“ durchzuführen.
Die Errichtung einer „Diktatur des Proletariats“ wird nicht erst bei Lenin, sondern ebenfalls bereits in der Marx‘schen Schrift „Kritik des Gothaer Programms“ 1975 gefordert, die allerdings erst posthum 1891von Engels  veröffentlicht wird.
Alles war wie dafür geschaffen um Revolutionären einzureden, dass all die geplanten gewalttätigen Bereicherungen a) gerecht, b) wissenschaftlich und c) naturgesetzlich eh nicht ab zu ändern wären.

Ein großer Teil der Schriften von Marx kritisiert die bedauernswerten Zustände der Marktwirtschaft seiner Zeit, von Kinderarbeit über Betrug bis hin zur Existenzvernichtung. Und das wird vermutlich auch genauso, wie diese Fälle bei Marx und Engels beschrieben sind, gewesen sein.
Und bedauernswerte Zustände und Schicksale in der Welt der Marktwirtschaft gibt es natürlich auch heute immer noch mehr als genug.
Aber wer, außer ein paar Erz-Libertären, behauptet denn ernsthaft, dass die Marktwirtschaft für Jeden immer nur Gutes mit sich bringt?
Im Gegenteil, diese Marktwirtschaft, die fraglos auch Existenzen vernichten und individuell ganz ungerecht sein kann, ist wie eine Naturgewalt. Leider aber eine notwendige Naturgewalt, denn ein freier Markt ist so wie das freie Leben: riskant aber nützlich.
Natürlich können und sollten Menschen versuchen, Krisen abzumildern bzw. versuchen, brutale Markt-Auswüchse, wie z.B. die Kinderarbeit in armen Ländern am besten ganz zu verhindern.
Menschen haben sich zum Schutz dagegen gesellschaftliche Organisationsformen geschaffen, angefangen von Versicherungen bis hin zur „Nation“, mit all ihren Markt- oder Anti-Trust-Regeln.
Aber die eher spärlichen und durch die Realität längst widerlegten Zukunftsvisionen von Marx über eine tolle Gesellschaft ganz ohne Marktwirtschaft kann man dazu nicht gebrauchen.
Für den Begriff „Marktwirtschaft“ prägte Marx nicht ungeschickt ein neues Kampfwort: „Kapitalismus“.
Wobei man im Unterschied zum natürlichen Begriff „Marktwirtschaft“ denken könnte, dieser „Kapitalismus“ sei ja auch nur so eine theoretische Idee von Menschen, genauso wie die Kopfgeburt „Sozialismus“, nur eben noch fieser, also mit Ausbeutung und so. Wenn man diesen „Kapitalismus“ nun einfach mal abschaffen könnte und den netten Sozialismus ohne Ausbeutung an die Stelle des Alten setzen würde - schon würde alles prima laufen.
Man braucht aber nur mal die Prophezeihungen von Marx zu lesen, um folgendes zu erkennen:

1.) die reale Geschichte hat Marx längst als falschen Propheten enttarnt, denn von seinen wesentlichen Weissagungen traf bisher schlicht nichts ein.
Natürlich, wer will, darf immer noch weiter auf die Niederkunft des Paradieses hoffen, schließlich sind wir ein freies Land. Aber nur aus falscher Ehrfurcht vor einem „genialen“ Doktor Marx, wie noch zu DDR-Zeiten, braucht das heute Gott sei Dank keiner mehr zu tun.
Weder ist die planmäßige Ablösung der am höchsten entwickelten kapitalistischen Gesellschaft durch eine proletarisch-sozialistische Revolution eingetreten wie prophezeit, noch wurde dadurch ein revolutionärer Weltenbrand (Weltrevolution) zeitnah entzündet.
Auch die berühmte Arbeitswert-Theorie seines „Kapitals“, in die Marx z.B. gar keine geistige, sondern allein die manuelle Arbeit einfließen ließ,  wurde bereits 1872 von Heinrich von Sybel in „Vorträge und Aufsätze - Die Lehren des heutigen Socialismus und Communismus“ (Link: https://archive.org/details/vortrageundaufs00sybe )  als einem der Ersten als offensichtlich unrealistisch kritisiert.
Ansonsten hat Marx zu Lebzeiten, sehr zu seinem Leidwesen, nicht besonders viel Reaktionen des öffentlichen Mainstreams bewirkt. Das schlimmste war: Weder die realen Proletarier, noch die neuen Gewerkschafter interessierten sich für die genialen Lehren.
So kamen 1883 zu Marx Beerdigung auch nur ein Dutzend Personen, was im Unterschied zur Beerdigung von Wilhelm Liebknecht um 1900 auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde (Berlin-Lichtenberg)  mit 150.000 Personen auch die geringe Wirkung von Marx zu seiner Zeit verdeutlicht.

Was es zweifelsohne gab, waren sozialistische Experimente, die in Folge von Kriegen in wirtschaftlich und gesellschaftlich bereits taumelnden Staaten mit Waffengewalt erzwungen wurden.
Das erste und wohl bedeutendste Experiment fand dabei durch den Marx-Jünger Lenin in der Sowjetunion statt. Wie es endete wissen wir.
Es gibt heute zwar immer noch eine Hand voll offiziell „sozialistischer“ Länder, aber ein wirtschaftlich erfolgreiches Land wie z.B. China hat sich unter Deng Xiaoping nach Maos Tod zu einer Diktatur mit einer Art „nationalem Sozialismus“ entwickelt, das Staatsmarktwirtschaft extrem fördert und so alles Mögliche sein kann, aber garantiert nichts mehr mit Marx Ideen zu tun hat.
In keinem sozialistischen Land war also ein marxistisches Experiment wirtschaftlich so erfolgreich gewesen, das sich, wie von ihm vorhergesagt, schließlich Klassengegensätze bzw. antagonistischen Widersprüche aufgehoben hätten.
Letztlich gab es in den sozialistischen und kommunistischen Experimentierländern dann die im Schwarzbuch des Kommunismus aufgezählten ca. 100 Millionen Tote, als weltweite Opfer des Kommunismus.
In Deutschland, dem Land der Klassiker, gibt es dafür immer noch kein zentrales Denkmal.

2. An dieser Stelle kommt von Marx-Fans dann regelmäßig der „Gute Idee - schlecht ausgeführt“-Einwand, also eine Entschuldigung, dass die bisherigen Experimente ja kein wahrer und guter Marxismus gewesen seien, sondern verfälscht.
Dazu muss man leider noch mal feststellen, das schon Marx keine demokratische Idee einer neuen Gesellschaft hatte und diese nicht erst später  durch Bösewichte wie Stalin und Mao verfälscht und extrem schlecht umgesetzt worden wäre, sondern die traurige Wahrheit ist: Marx hat in seinem Schriften von Anfang an hauptsächlich auf Gewalt, Enteignung, sowie dem Schüren von Klassenhass im Rahmen einer Diktatur (des Proletariats) gesetzt.
Er war also ein lupenreiner Antidemokrat, wie wenige Ausschnitte aus seinen Hauptwerken zeigen. Antisemit und Rassist war er nebenbei übrigens auch, allerdings eher in seinem Briefwechsel der in Deutschland nicht so einfach zugänglich war.
 Zusammen mit Engels hatte Marx z.B.für alle Versuche der späteren reformorientierten Sozialdemokratie, die den Sozialismus parlamentarisch und demokratisch umzusetzen wollte, nur höhnische Verachtung übrig.


Ein Funken Wahrheit ist allerdings in der Aussage drin, dass es bisher noch keinen richtigen Sozialismus gab, so wie Marx ihn beschrieb.
Allerdings war das eben weniger der Fall, weil die Jünger den Marx‘schen Sozialismus alle aus Bosheit oder Unfähigkeit verfälschten, sondern wohl vielmehr, weil Marx Lehre und Vorhersagen meist von Anbeginn an im Widerspruch zur Realität standen.

Es fanden ja z.B. unter Lenin durchaus Versuche statt, den Sozialismus nach Marx Lehre internationalistisch aufzubauen, nur hat das immer schon relativ früh zu Verwerfungen geführt, weshalb dann pragmatisch von der reinen Lehre abgewichen werden musste, um nicht gleich zu Beginn an Unstimmigkeiten des reinen Marxismus zu scheitern.
Es entstand eben keine revolutionäre Situation aus der Weiterentwicklung der Produktivkräfte und es wollte und wollte auch zu keiner Weltrevolution des internationalen Proletariats nach 1918 kommen.
So entwickelte dann schließlich Stalin im Gegensatz zu seinem noch international orientierten Vorgänger Lenin die Idee vom Sozialismus in einem Land ( Link: https://de.wikipedia.org/wiki/Sozialismus_in_einem_Land )
Nationalen Sozialismus mochte den „Sozialismus in einem Land“ bisher noch keiner nennen, sonst wäre ja Stalin - und nicht die üblichen Verdächtigen - der erste Vertreter dieser Politik-Gattung.
Stalin wich aber nur von Marx Weltrevolutionskonzept ab, weil Marx Konzept nicht funktionierte und entwickelte Länder wie Deutschland  eben 1918unter Liebknecht keine marxistische Räte-(Sowjet)-Rebublik zustande brachten.
Stalins Massenmorde an den bürgerlichen „Feinden“ der Revolution, widersprachen dagegen zumindest der Marx‘schen Lehre nicht.

 

Was bleibt heute von Marx, wenn sich der Gedenk-Trubel verzogen hat?
Wenig konkretes, die reine Lehre scheint zwar mausetot zu sein, aber die Zerstörung der bürgerlichen Familie ist z.B. immer noch auf der linken Agenda.
Darüber hinaus erstaunlich viel zeitlose Romantik und Träume vom anstrengungslosen Wohlstand a la bedingungsloses Grundeinkommen. Sie sind nachwachsenden Generationen wohl nur schwerlich auszureden.
Es bräuchte dazu einer anderen Bildung, denn der Schoß ist fruchtbar noch…

Sven von Storch

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