Bauhaus und Hausbau

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Bauhaus und Hausbau
Datum: 05.07.2019, 13:45

 

Entsteht nur bei mir der Eindruck, dass im Rahmen des Bauhaus-Jubiläums versucht wird, vor allen Dingen das Avantgardistisch-flippige des Bauhauses hervorzuheben, so z.B. wenn kosmopolitisch-geometrische Menschen zu Oskar Schlemmers Triadischem Ballett tanzen? Mit dem späteren Bauhaus hatte das Ballett in seiner Entstehung ab 1912 nichts zu tun, auch wenn es 1923, zu Bauhaus-Ausstellung mal aufgeführt wurde.
Oft ist die Realität differenzierter als Jubiläen es nahelegen.
Aktuelle Texte, die an dem heiligen Mythus der Schule etwas kratzen findet man aber auch, sofern man etwas sucht: https://www.deutschlandfunk.de/100-jahre-bauhaus-entzauberung-des-mythos-walter-gropius.691.de.html?dram:article_id=437602

Das Bauhaus, wie die gesamte Architektur-Moderne, fielen nicht vom Himmel. Es gab viele Väter, wie z.B. die Versuche des Bauens mit dem relativ neuen Werkstoff Beton, in Deutschland ab 1872 z.B. in Berlin-Rummelsburg (Victoriastadt mit Schlackebeton-Häusern) und international ab ca. 1885 den Hochhausbau der Chicagoer Schule (Louis Sullivan) mit seinem neuartigen Stahlskelettbau, es gab die Bestrebungen des Deutschen Werkbundes zur Verbindung von Kunst und Industrie ab 1907 und dem gegenüber wieder Adolf Loos Kampfschrift „Ornament und Verbrechen“ ca. um 1909.
Der Anfang des industriellen Bauens mit vorgefertigten Betonplatten lag dann etwas später (ab ca. 1926 z.B. die Splanemann-Siedlung in Berlin-Friedrichsfelde).
Das alles war kein Bauhaus-Stil, gehörte aber zum Neuen Bauen im weitesten Sinne dazu.
Die Nationalsozialisten ließen dann, nach etlichen Anfeindungen gegen die betont linke Schule 1933 die Architekturprivatschule von Mies-van-der Rohe in Berlin-Lankwitz, als letztem Bauhaus-Standort (ab 1932), schließen.
Damit war die Bauhaus-Schule Geschichte und der Mythos begann.
In Ost wie in West wird das Bauhaus von vielen heute immer noch als größtmöglicher architektonischer Gegensatz zu der als zurückgeblieben angesehen nationalsozialistischen Kunst- und Architekturauffassung gesehen.
Dabei gibt es aus der Epoche der modernen Reform-Architektur nach dem Historizismus vielen Berührungspunkte der neuen Architekturstile so ab 1900.
Später nach 1933 ergab sich auch durch die Weiterbetätigung von einigen Bauhaus-Schülern während des Dritten Reiches (https://www.deutschlandfunk.de/bauhaus-und-ns-design-es-gibt-kein-an-sich-gutes-design.807.de.html?dram:article_id=437783 ) wesentlich mehr an Differenzierung. Unterscheidet sich z.B. das Knorr-Bremse-Gebäude (ehem. Hasse & Wreede) in Berlin Marzahn (Albert Speer mit Baustab) wesentlich von anderen Bauwerken des Neuen Bauens?
Viele Architekten aus dem Arbeitsstab für den Wiederaufbau bombenzerstörter Städte, der in Wriezen, nordöstlich von Berlin, noch während des Krieges zusammen kam, wirkten ab 1945 real am Wiederaufbau der Bundesrepublik mit.
Der Wiederaufbau erfolgte dann überwiegend im Stil des Neuen Bauens
https://de.wikipedia.org/wiki/Arbeitsstab_f%C3%BCr_den_Wiederaufbau_bombenzerst%C3%B6rter_St%C3%A4dte .
Die DDR-Kommunisten (Ulbricht etc.) waren von der „kosmopolitischen“ Bauhaus-Architektur dagegen nicht sonderlich angetan, weshalb die Stalin-Alle vom DDR-Über-Architekten Hermann Henselmann und seinem Stab noch in Neoklassik gebaut wurde. Das ergab für das Bauhaus aus heutiger Sicht einen weiteren antitotalitären Bonuspunkt.
Es gab zweifelsohne auch das sehr Extravagante am Bauhaus, aber die Schule von 1919-1933 war mehr, als z.B. nur die leicht esoterischen Anfangsjahre mit Lehrern wie Johannes Itten und sie war auch mehr, als die inzwischen heiligen Designprodukte, wie Breuers Stahlrohrstuhl oder Wagenfelds Lampe und Wohnungsklassiker für das moderne Großbürgertum, wie z.B. das Haus Lemke in Berlin-Hohenschönhausen.

Vor allem unter seinem kommunistischen Direktor, Hannes Meyer (Leitung: von 1928-30) ging es dem Bauhaus als linker Schule immer auch darum, preiswert für benachteiligte Menschengruppen Wohnraum bereitstellen zu können. Dafür lässt man sich auch heute noch gerne als „sozial“ loben.
Mit den negativen Folgen des Neuen Bauens, die nicht zu übersehen sind und in tristen Satellitenstädten und Plattenbau-Gebirgen in Ost wie in West weltweit mit ihren sozialen Problemen gipfelten, will man mit dem „heiligen“ Bauhaus ungern in Verbindung gebracht werden.
Die Aura der Avantgarde könnte durch Prolls aus der Platte nur gestört werden.

Das Bauhaus hat aus meiner Sicht heute deshalb zwei Probleme:
Einerseits ist eine Abgrenzung zum Internationalen Stil, zur Neuen Sachlichkeit oder zum Neuen Bauen, nicht so recht klar. Was macht denn nun DAS Bauhaus konkret aus, außer irgendwie halt auch zur nüchterne Moderne zu gehören, nur eben von den grandiosen Lehrern oder Absolventen der Bauhaus-Schule.
Andererseits steckt heute offensichtlich fast überall etwas Bauhaus in einem modernen Bau mit drin, also praktisch in jedem Marzahner Plattenbau.
Aber etwas was überall ist, das ist nicht mehr besonders.
Es ist dann manchmal wie mit des Kaisers neuen Kleidern, wenn z.B. ein Gropius-Bau plötzlich zum Jubiläum wieder neu entdeckt wird: Die Einen fragen sich, warum solch ein klassisches Werk erst jetzt als Denkmal anerkannt wird ( Link: https://www.ndr.de/kultur/Gropius-Bau-in-Kirchbrak-Versteckt-und-vergessen,gropius108.html ), andere fragen sich, was an so einer schmuddeligen Industriehalle, die heute auf vielen Gewerbehöfen stehen könnte, nun ein Denkmal sein soll. Außer profaner Industriearchitektur, die industriell gebaut wurde erkennt der Laie eben nichts, denn mehr ist halt auch nicht da, das war ja gerade das „neue“ an der Idee.
Zu einer Zeit, als Fabrikgebäude anderswo noch Kathedralen waren, wurde profane Industriearchitektur nun für alle möglichen Gebäude, auch Wohnhäuser normal.
Wo also ist das Bauhaus heute? Nirgendwo richtig - und überall ein bischen.

Sven von Storch

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