Leben auf einer Insel materiellen Wohlstands und geistlicher Armut
Leben auf einer Insel materiellen Wohlstands und geistlicher Armut
Datum: 23.10.2014, 11:25
Ich gehe davon aus, dass wir Westeuropäer auf einer Insel des (zurückgehenden) materiellen Wohlstands begleitet von geistlicher Armut leben. Die nächste Generation ist schlecht vorbereitet auf die gesellschaftlichen Umbrüche. Sie wächst in einer Umgebung auf, die nicht nur jeder Ahnung von der Bibel entbehrt, sondern sich von wesentlichen Errungenschaften einer christlich geprägten Kultur verabschiedet hat. Manche von ihnen wurden schon als Kleinkind in einer „professionellen“ Betreuungseinrichtung abgegeben. Ihnen wurde ohne Worte deutlich gemacht, dass sie nur ein Projekt im Rahmen der Selbstverwirklichung der Eltern darstellten. Sie mussten sich schon früh an einer Gruppe von Gleichaltrigen ausrichten und sich deren Regeln unterordnen. (Es gibt keinen Menschen ohne Gesetz, wie der Theologe Eduard Böhl einmal gesagt hat.)
Bis sie ins Erwachsenenalter gekommen sind, sahen die meisten von ihnen über den Bildschirm Tausende von Gewaltakten. Sie sind zudem mit sexuell freizügigen Bildern bombardiert worden. In ihren Kleinfamilien war ihnen parallel eingeredet und gezeigt worden, dass es sich im Leben hauptsächlich um sie drehen würde. Sie wurden zu Veranstaltungen gefahren. Sie konnten essen, wann und was sie immer wollten. Freizeitvergnügen und Ausgang stand Woche für Woche an. Lernen wurde als lästiges Übel angesehen. So stehen sie plötzlich am Anfang des Erwachsenenlebens: Mit perfektionistischen Ansprüchen an die eigene Selbstverwirklichung, viel Verwirrung und Unsicherheit zum Thema Beziehung und Sexualität, einer hohen Abhängigkeit von sozialen Medien. Erstmals plagen sie Sorgen vor einer unsicheren beruflichen Zukunft.
Du magst an dieser Stelle einwenden, dass die Beschreibung zu einseitig ausfalle. Ich habe bewusst die Schattenseiten unserer westlichen Wohlstandsgesellschaft hervorgehoben. Damit will ich nicht sagen, dass früher alles besser gewesen wäre. Hätten wir vor einigen hundert Jahren gelebt, hätte unser Leben nicht nur halb so lange gedauert. Die meisten von uns hätten als unfreie Bauern unter der Knechtschaft der Herren ebenso wie unter Mangelernährung gelitten. Zudem hätte es gut sein können, dass wir von Wegelagerern getötet worden wären.
Machen wir uns nichts vor. Wer als Kind eine christliche Gemeinde besuchen konnte, mochte zwar behüteter aufgewachsen sein. Doch er wurde mehr oder minder mit denselben Themen konfrontiert. Denn das gesellschaftliche Leben spiegelte sich auch in seiner Gemeinde wider: Viel Unterhaltung resultierte aus dem ständigen Anspruch, dass alle Aktivitäten „Spaß“ machen müssen. Genuss und „Abhängen“ standen im Vordergrund. Manche erlebten das Christsein während Jahren als eine Reihe von Veranstaltungen.
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(Der Universalgelehrte aus dem 17. Jahrhundert, Blaise) Pascal beschreibt den unablässigen Drang des Menschen nach Sinn und Erfüllung. Über seinem gefühlten und gleichzeitig unterdrückten Elend sucht er Ablenkung. Er steuert ein Etappenziel an (zum Beispiel ein spaßiges Wochenende, ein aufregender Urlaub, eine abgeschlossene Ausbildung, die Anschaffung eines neuen Computerspiels), um sogleich ein neues auszuwählen. Eigentlich befindet er sich ständig auf der Suche nach der nächsten Zerstreuung.
Worüber ich am meisten erschrecke, ist die Tatsache, dass diese Unruhe auch Christen und christliche Aktivitäten erfasst hat. Ganz ähnlich formulierte es Jim Wilhoit, Professor an der christlichen Universität in Wheaton. Er schreibt von der Sonntagschule, dass sie einfach ihr Programm durchziehe, es ihr aber an echtem Sinn ermangle. Die Lehrer wüssten nur, dass sie ihre Schüler nicht langweilen dürfen. Darum verausgaben sie sich dafür, Programme auf die Beine zu stellen, welche die Kinder – zerstreuen. Ich stelle bekümmert fest: Wir haben die Angewohnheit uns zu zerstreuen übernommen.
Francis Schaeffer (1912-1984), Evangelist aus dem 20. Jahrhundert, erreichte durch Gottes Gnade vor allem jüngere suchende Menschen. Er formulierte vor 40 Jahren, was für die junge Generation im 21. Jahrhundert noch gilt. Wir Menschen aus der westlichen Welt haben zwei unausgesprochene kulturelle Leitwerte etabliert. „Friede“ und „Wohlstand“ lauten sie. Ich will ungestört meinen Aktivitäten nachgehen können. Zudem habe ich Anspruch auf allen materiellen Zufluss, den ich zur Umsetzung meiner Wünsche und Träume benötige.
Im Hinblick auf meine eigene Familie treibt mich die Sehnsucht, mit Gottes Hilfe eine andere Richtung einzuschlagen. Es geht mir wie John Piper, der in seinem viel beachteten Buch „Dein Leben ist einmalig“ schrieb: „In den vergangenen Monaten und Jahren erfüllten mich nur wenige Dinge mehr – wenn überhaupt welche – als die Sehnsucht, dass meine Kinder ihr Leben nicht mit Erfolgsstreben verschwenden.“
Aus meiner Einleitung zum neu erschienenen Buch "Ein Leben zur Ehre Gottes"
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