Gegen das Diktat der Mittelmässigkeit

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Gegen das Diktat der Mittelmässigkeit
Datum: 15.11.2014, 20:06

Einmal mehr durfte ich an einem regionalen Musikwettbewerb beiwohnen. Nicht nur geniesse ich die musikalischen Darbietungen. Ich lasse mich gerne in die Atmosphäre vor, während und nach Auftritten mit hineinnehmen. Ich liebe es in einer Umgebung, die von Musik klingt, zu lesen. Die Stunden des Wartens sind für mich darum nicht langweilig, sondern stimulierend.

Gleich nach dem Betreten des Gebäudes tauche ich in eine andere Welt ein. Hier trifft sich eine Subkultur, bestehend aus musikalisch interessierten, leistungswilligen Menschen samt Angehörigen und Lehrern. Es herrscht gespannte Wettkampfatmosphäre.

Ich gewinne dem Anlass durchaus Positives ab. Ein Wettbewerb lässt das Kind sich in Konzentration üben. Es lernt mit Aufregung umzugehen und vor einem Publikum aufzutreten. Es lernt seinen Körper besser kennen, merkt Einflüsse von Nahrung, Trinken, Schlaf und Bewegung. Nach dem Auftritt, in den Wartepausen und auf dem Rückweg eröffnen sich Gelegenheiten zum Gespräch: Was denkst du kurz vor dem Auftritt? Was sind deine ersten Gedanken danach? Was fällt dir bei den anderen auf? Was kannst du von ihnen lernen? Was bewirkt ein solcher Auftritt in dir? Wir sprechen über Ängste, Hoffnung, Beruf und Berufung.

Zuerst setzten wir uns in ein leeres Musikzimmer und lasen jeder still für sich. Wir bevorzugen es, die Zeit vor dem Auftritt ruhig zu verbringen, während andere in Gruppen zusammenstehen und sich die Aufregung von der Seele reden – so scheint es zumindest.

Wie ich schon letztes Jahr festgestellt habe ("Ist dein Kind auch im Förderprogramm?"), gehört die Bühne vor allem Asiaten und Russen. Wir Schweizer hören ihnen erstaunt zu und bewundern ihre Fertigkeiten. Wir können es uns aber kaum vorstellen, was das bedeutet. Das lächelnde, scheinbar mühelose Spielen ist hart erkauft. Da gibt es Unerbittlichkeit, Enttäuschung, Druck, Tränen, Unwille, Verzweiflung, Einsamkeit. Ich glaube, dass dies für beide Seiten, Kinder und Eltern, gilt.

Trotzdem meine ich, dass wir auf einem Auge blind sind. Das Leben ist keine Wohlfühloase. Wir sind nicht nur Glück-Erfüllungsgehilfen unserer Kinder. Hartnäckiges Dranbleiben gehört auch zur elterlichen Liebe. Ich treffe viele faule Schweizer an. Sie geben sich mit dem Minimum zufrieden und haben sich noch nie gefragt, ob sie noch anderes zu leisten imstande wären.

In einem Gespräch, das ich vor einigen Tagen mit einem Forscher einer Spitzenuniversität führte, hörte ich dieses Argument: „Wenn ich den Stapel Bewerbungen durchgehe, müsste ich eigentlich nur Inder und Chinesen auswählen. Alles Bestnoten.“ Dann hielt er einen Augenblick inne und setzte nach: „Doch es ist wichtig, die Unterlagen genau durchzusehen. Es geht nicht nur darum, im Wiedergeben zu brillieren. Es braucht Eigenständigkeit und Ideen.“

Ich stimme zu. Es ist mir sehr wichtig, das Kind zum selbständigen Arbeiten anzuleiten. Dazu gehören Anteile von Drill, sicherlich. Doch es geht noch mehr darum, das Kind anzuregen, zu ermutigen, zu ermahnen und manchmal auch zu bremsen und auf irre leitende Motive aufmerksam zu machen.

Das Ziel unseres Lebens besteht darin, Gott und ehren und sich an ihm zu freuen. Das heisst, ihm mit den Gaben, die er uns schenkt, zu dienen. Zu diesem Paket gehören Elternhaus, Charakter, Lehrkräfte und sogar Niederlagen und Enttäuschungen dazu! Ich möchte dies deutlich vom Diktat der Mittelmässigkeit, die uns Schweizern auf den Leib geschrieben ist, abgrenzen. „Überdurchschnittliche“ Leistungen (Sprache ist Deutung!) sind nicht einfach aus Anpassung und Scham zu unterdrücken. Nein, wenn wir vor Gott leben, dürfen wir gerade aus dem Gefängnis des Anpassungsdrucks und der Menschenfurcht aussteigen.

Der Kontrast, als ich nachher am Bahnhof stand, hätte kaum grösser sein können. Hier erblickte ich Trauben von Menschen, die im Vergnügen ihr Lebensziel sehen. Für diesen Ersatzgottesdienst haben sie die entsprechenden äusseren Formen einzuhalten: Schminke, Schmuck, Kleidung, Körperhaltung, Betäubungsmittel. Es lohnt sich, dem Kind noch eine andere Welt als diese dumpfe Vernügungsmaschinerie zu zeigen.

Sven von Storch

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