Die Kultur des Todes in unseren Hinterzimmern
Die Kultur des Todes in unseren Hinterzimmern
Datum: 11.11.2016, 10:45
Gilbert K. Chesterton. Eugenik und andere Übel. Suhrkamp: Berlin, 2014.
Warum auch aus dem warmen Bett steigen?
Was geht mich die Welt an, solange ich im warmen Bett liegen kann? Solange ich morgens mit dem Handy die Klimaanlage eine Viertelstunde vor Besteigen des Wagens anschalte? Solange ich gepressten Fruchtsaft zum Frühstück trinke? Solange ich meine neue Wohnungseinrichtung ordern und den Urlaub in Florida über Weihnachten nehmen kann? Ungemütlich wird es dann, wenn ich morgens mit den öffentlichen Verkehrsmitteln im Bus stecken bleibe und die Luft dick wird (auch im übertragenen Sinn); wenn die Partnerin mit mir unzufrieden ist; wenn das Konto Mitte Monat geleert ist. Dies ist, etwas karikiert, die Situation von uns Westeuropäern Anfang des 21. Jahrhunderts. Klar, wenn in unserer Stadt ein Amoklauf geschieht (wie in München), wenn ein Anschlag verübt wird (wie in Nizza), wenn unser Haus abgerissen wird (wie in meiner Heimatstadt Zürich, wo manch vergleichsweise günstiger Wohnraum Neubauten weichen muss), dann steht das Unglück plötzlich vor die Haustüre. Sogar dann, wenn im fernen Amerika ein Weiberheld und Donnermann das Präsidentenamt ergreift, ja dann geht man verbal auf die Barrikaden. Doch es gibt etwas, das uns weit mehr schrecken sollte. Etwas, was wir heute schulterzuckend schlucken.
Die Kultur des Todes in unseren Hinterzimmern
Es geht um die Kultur des Todes, um die Worte des letzten Papstes zu gebrauchen. Gilbert K. Chesterton, britischer Literat mit scharfem Mundwerk und noch schärferer Feder, schrieb vor ziemlich genau 100 Jahren (1913) das Buch Eugenik und andere Übel. Da dieses Wort heute nicht mehr im Wortschatz des Durchschnittsbürgers auftaucht, sei es kurz erklärt. Es geht darum, die Weitervererbung von Genen zu steuern. Das heisst, Menschen mit ungünstigen Eigenschaften, sollten „aus dem Verkehr gezogen“ werden. Es ging also darum „Kranke“ von den Gesunden zu trennen und „unschädlich“ zu machen. Wir mögen den Kopf schütteln über solch mechanistisches Denken. Doch wenn wir uns daran erinnern, dass die Rassenideologen des 20. Jahrhunderts nur wenige Jahrzehnte nach der Niederschrift Chestertons diesen Gedanken im Kollektiv verwirklichten und eine der grössten Schlächtereien der Menschheit hervorbrachten, müsste uns dies stutzig machen. Auch hier könnten wir einwenden, dass dies doch schon Jahrzehnte zurückliege. Doch die Kultur des Todes meldet sich in unseren Hinterzimmern zurück: Mit der vorgeburtlichen Selektion und der Abtreibung von Kindern mit genetisch „ungünstigen“ Dispositionen sowie der zunehmenden Offenheit gegenüber dem freiwilligen Ausstieg aus dem Leben. Aber eben, solange wir unseren Fruchtsaft haben… Chesterton rüttelt auf, wenn er mit den Worten beginnt:
Aufschreien, bevor man geschlagen wird
„Aufzuschreien, bevor man geschlagen wird, ist die vernünftigste Sache der Welt. Es hilft nichts, aufzuschreien, nachdem man geschlagen wurde; besonders, wenn es ein tödlicher Schlag ist.“ Dass die Tatsache der Massentötung beschönigend „Eugenik“ genannt wurde, sei auf lauter Bequemlichkeit zurückzuführen. "Dass man sie vernichten sollte“ (man beachte das Wortspiel), „will ich auf den folgenden Seiten beweisen.“ Dabei unterscheidet Chesterton zwischen der dahinter liegenden Moral und der gesellschaftlichen Umsetzung mittels Gesetzgebung und Planung. Das Thema ist keine Verhandlungssache: „Die Eugenik an sich ist, ob sie in keinem oder grossem Massstab, demnächst oder später, aus wohlmeinenden Motiven oder aus böswilligen, an tausend Menschen oder an dreien erprobt wird, die Eugenik an sich ist etwas, über das sich ebensowenig verhandeln lässt wie über einen Giftanschlag.“
Der Einbruch beginnt im Denken
Der Einbruch beginnt im Denken. Wir müssten zu spüren lernen, „dass die Heirat mit einem Kranken eine Art Kindesmisshandlung ist.“ Übersetzt ins 21. Jahrhundert: Wir müssen lernen, den Willen und die Freiheit einer Mutter zu respektieren. Es sei schliesslich ihr Bauch und ihr Leben. Wir müssen auch lernen, den Plan eines Sterbewilligen zu akzeptieren. Es sei sein Leben und sein Sterben. Sei er mit sich in Übereinstimmung, müssten wir ihn von dieser Welt gehen lassen. Folgerichtig müsste man, so Chesterton, doch auch „Männern Denkmäler errichten, die ihre Geliebten wegen eines körperlichen Makels verlassen; … wenn die Geliebte vom Fahrrad fällt, nobel auf die Heirat mit ihr verzichten“.
Faule Einwände
Zuerst sind einige Einwände näher zu betrachten. Die Gruppierungen, die Chesterton beschreibt, lassen sich noch heute finden. Die Euphemiker beschönigen Dinge, indem sie sich von langen Sätzen einlullen lassen. Die Spitzfindigen sagen über die Eugenik: „Immerhin, wenn es uns gelingt zu verhindern, dass ein Schuljunge eine geisteskranke alte Negerin mit Buckel heiratet, sind wir echte Eugeniker.“ (Dies müsste heute umgeschrieben werden: „Wenn es uns gelingt, dass eine begabte junge Secondo einen übergewichtigen reichen weissen Rentner mit Buckel heiratet…“). Die gedankenlosen Idealisten versichern bei jeder Reform, dass alles problemlos laufen würde. Die abstrakten Tugendethiker bemühen sich das Gegenteil zu behaupten: „Weit entfernt davon, Versklavung zu bezwecken, streben die Eugeniker nach wahrer Freiheit…“ Die labilen Übereifrigen sprechen von einem „aufrichtigen Versuch“, ein grosses Übel anzugehen.
Tür und Tor dem Missbrauch geöffnet
Ein ganz wichtiges Argument entfaltet Chesterton schon zu Beginn: Der Willkür und dem Missbrauch wird durch die Veränderung von Gesetzen Tür und Tor geöffnet. „Es geht bei dieser Verordnung ganz einfach und unverstellt darum, Menschen wie Geisteskranke einzusperren, die kein Arzt für geisteskrank zu erklären bereit wäre. Es genügt, wenn ein Arzt bereit ist, sie für schwachsinnig zu erklären.“ „Jeder düster dreinblickende Vagabund, jeder wortkarge Arbeiter, jeder verschrobene Provinzler lässt sich damit mühelos in Einrichtungen einweisen, die für gemeingefährliche Irre errichtet wurden.“ „Es ist die Idee, dass irgend jemand oder irgend etwas Menschen genau so von einem höheren Standpunkt aus beurteilen kann und soll, wie dies Menschen gegenüber Geisteskranken tun.“ Der Arzt springt in diese Lücke. Doch halt! „Wir räumen ihm nicht das Recht ein, uns den Tod zu verschreiben, weil uns das von allen menschlichen Übeln heilte.“ Die Eugeniker könnten jedoch nicht sagen, „wer hier wen beaufsichtigen soll“. Sie vermögen nicht zu sagen, „wer oder was ihnen die Autorität verleiht, diese Dinge zu tun.“ Es geht also um die Frage der Autorität. Aus christlicher Weltsicht ist die Antwort klar: Jede Autorität ist von Gott verliehen, muss sich also seinen Gesetzen unterordnen. Es ist nach Chesterton „so klar wie Klossbrühe, dass man keinem Wissenschaftler erlauben darf, an der allgemein bekannten Definition des Wahnsinns herumzudoktern.“ Eigentlich läuft es sonst darauf hinaus, dass man jeden, der gesund ist, „so behandelt, als ob er krank wäre“.
Die Anarchie von oben
Diese Willkür wird durch die staatliche Sanktionierung zur Doktrin eines angeblich „neutralen“ Staates. Keine staatliche Verordnung ist jedoch frei von einer dahinter liegenden Weltsicht. Im Gegenteil: Sie wird zum aktiven Transporteur. Chesterton bezeichnete die Bemühungen zur staatlichen Eugenik-Gesetzgebungen als „Anarchie von oben“. Denn: „Eine Regierung kann ebenso gut in Anarchie verfallen wie ein Volk.“ Und: „Es ist keine Anarchie, wenn die Leute anfangen, aufrührerische, ausschweifende, experimentelle oder riskante Dinge zu tun. Es ist Anarchie, wenn sie mit diesen Dingen nicht mehr aufhören können.“ „Die moderne Welt ist nicht deshalb verrückt, weil sie das Abnormale zulässt, sondern weil sie die Normalität nicht wiederherstellt.“ Das wirkt sich konkret auf die Straftatbestände aus, die in der Definition immer unbestimmter werden. Armut, so exemplarisch von Chesterton vorgeführt, wird zur Kindsmisshandlung. Und wer nimmt in der Realität die Definition vor? „Es sind Staatsbeamte – Vertreter der herrschenden Klasse -, die Nachlässigkeit nicht von Misshandlung unterscheiden können.“ Weil darum die Anzahl der Einzusperrenden anstieg, mussten die Mauern der Irrenhäuser erweitert werden. Das Element der „Inhaftierung auf unbestimmte Zeit, das uns neuerdings als hochgradig wissenschaftlich und human gepriesen wird“, sei von „Wilden, Grosswesiren, Räuberbaronen und Brigantenführern“ schon immer angewandt worden.
Eine zweifelhafte Definition von Glück
Dazu kommt das Argument der Vorhersehbarkeit: „Die Gesundheit oder Krankheit eines Schwindsüchtigen mag eine klare und kalkulierbare Sache sein. Das Glück oder Unglück eines Schwindsüchtigen ist eine ganz andere Sache und überhaupt nicht kalkulierbar.“ Wer bestimmt, was gutes Leben ist? Wer definiert, worin Glück besteht? So meint Chesterton, dass er keine Familie kenne, die durch einen „Schwachsinnigen“ in grosses Elend geführt worden sei, aber gleich mehrere, die durch den Jähzorn und die Trunksucht des Mannes in Elend gesunken sei. Es wäre aber keinem eingefallen, den betreffenden Mann vorsorglich einzusperren. Emotionale Tyrannei über wenige Familien sei immer noch besser, „als wenn medizinische Tyrannei den ganzen Staat in ein Irrenhaus verwandelt.“ Überhaupt habe die Definition von Glück eine sehr pragmatistische Klangfarbe angenommen. Das rühre vom materialistischen Weltbild her, die den Menschen mit unbelebten Dingen auf eine Stufe stellt. „Als ob ein Mann und eine Frau Gebilde aus Holz wären, die in einer bestimmten Position und in einem bestimmten Winkel zueinander stehen wie ein Tisch und ein Stuhl.“
Der Vorwand der Wissenschaftlichkeit
Immer wieder wird in ethischen Diskussionen versucht, auf ein Neutrum von „Wissenschaftlichkeit“ zu verweisen. Aber: „Es ist sinnlos, mit exakten Zahlen zu hantieren, wenn sich die exakten Zahlen auf einen vagen Begriff beziehen.“ Auf was beziehen sich Zahlen, Statistiken? Was wird beobachtet? Was geschieht mit abweichenden Ergebnissen? „Sie haben alles erforscht bis auf die Frage, was sie da eigentlich erforschen.“ Das materialistische Denken von der Sache auf den dahinter liegenden Zweck zu übertragen, birgt gefährliche Konsequenzen. Im Falle der Eugenik kann kein Mensch aufgrund der ungeheuren Komplexität der Genetik zuverlässige Vorhersagen tätigen. Doch stattdessen argumentiere man: Knapp daneben ist auch im Ziel. Wer ehrlich sei, müsse die Vorläufigkeit der Ergebnisse eingestehen. „Aufgrund des beschriebenen Kenntnisstands werden wir aufgefordert, die universelle Moral der Menschheit abzuschaffen.“ Auf dieselbe Weise lässt sich über das potenzielle Leben eines ungeborenen Menschen oder eines verzweifelten Kranken argumentieren!
Die Tyrannei der Wissenschaft
Nicht die Kirche sei zu fürchten, sondern die Wissenschaft. Sie versuche permanent den Staat zu instrumentalisieren. „Die Institution, die tatsächlich versucht, andere mit Hilfe des Staates zu tyrannisieren, ist die Wissenschaft. Die Institution, die den säkularen Arm tatsächlich bemüht, ist die Wissenschaft. Und das Bekenntnis, das tatsächlich Abgaben einfordert und in die Schulen vordringt, das Bekenntnis, das tatsächlich mit Zwangsgeldern und Gefängnis durchgesetzt wird, das nicht per Predigt, sondern per Vorschrift verkündet und nicht von Pilgern, sondern von Polizisten verbreitet wird – dieses Bekenntnis ist das große, aber umstrittene Denksystem, an dessen Anfang die Evolution und an dessen Ende die Eugenik steht. Tatsächlich ist der Materialismus unsere Staatsreligion; denn dessen Häretiker werden tatsächlich von Staats wegen verfolgt. … Wenn der Begriff der Durchsetzung einer weithin umstrittenen, einem endgültigen Beweis nicht zugänglichen Theorie mit Hilfe der Staatsgewalt bezeichnet – dann sind heute nicht unsere Priester, sondern unsere Ärzte Inquisitoren. Dass sie Dogmen solcher Art durchzusetzen vermag, macht eine Staatskirche aus – in einem älteren und umfassenderen Sinn, als man ihn heute irgendeiner religiösen Glaubensgemeinschaft anheften könnte.“ Hinter vielen Postulaten, die im Gewand der „letzten Forschung“ daherkommen, stecken deshalb handfeste Interessen. Chesterton: „Es steckt keine Vernunft in der Eugenik, aber es stecken handfeste Interessen dahinter.“
Die Über-Macht der Spezialisten
Letztlich verleiht man einigen wenigen Menschen die Macht, einen „konsistenten visionären Plan zur Errichtung einer gesunden Nation“ zu entwickeln. Wer aber sind diese Spezialisten? „Wie das Wissen eines Anwalts in bezug auf Spazierwege Grenzen hat, hat auch das Wissen eines Arztes Grenzen.“ „Gesundheit ist schlicht Natur, und kein Naturwissenschaftler sollte so verwegen sein, sich darauf zu verstehen zu wollen.“ Was ist denn der Boden der gesamten Debatte? Hier kommen wir zur kritischen Quintessenz: „Im Hinblick auf die fundamentalen Menschenrechte kann nichts über dem Menschen stehen, abgesehen von Gott.“ Und was dieser Schöpfer gebietet, hat er allen Menschen eingepflanzt. Er kann sein Empfinden zwar betäuben, Gottes Gesetz jedoch letztlich nie ausweichen.
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