Wenn der Koran zum Gesetzbuch wird (Teil 1)

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Wenn der Koran zum Gesetzbuch wird (Teil 1)
Datum: 26.01.2016, 12:06

Der Iran und die Geburt des islamischen Staatsterrorismus

Es war im Jahre 1982 im Flugzeug von Teheran nach London. Nach einigen Wochen in der aufgewühlten islamischen Republik Iran war ich jedes Mal froh, wenn ich die Grenz- und Zollkontrollen der islamischen Garden wieder einmal überstanden hatte und zurück nach Europa fliegen konnte. Acht Mal reiste ich zwischen 1979 und 1983 zur Berichterstattung für das ZDF in das Reich des Ayatollah Ruhollah Khomeini. Das erste Mal gleich zwei Tage nach seiner Machtübernahme im Februar 1979.

So erlebte ich, wie eine säkulare Diktatur in eine radikal islamische Tyrannei verwandelt wurde. Unter dem Schah landete unweigerlich im Gefängnis, wer seine Herrschaft in Frage stellte, unter den Mullahs wurde zunehmend bis ins letzte Detail geregelt, wie sich Frauen kleiden dürfen, was gegessen werden darf, wie man zu leben hatte. Vor allem die Zwangsverschleierung der Frau wurde zum Symbol der Unterdrückung. Deshalb war ich nicht sehr erfreut als neben mir auf dem Flug nach London eine in schwarzes Tuch und eng sitzendem Kopftuch verhüllte Frau saß, die mich überhaupt nicht zur Kenntnis nahm.

Kaum hatten wir unsere Reisehöhe erreicht und die Stewardessen boten einen ersten Schluck eines alkoholischen Getränkes an, als meine Nachbarin aufstand und in einer Toilette verschwand. Ich nippte noch am ersten Gin Tonic, als eine schick aussehende dezent geschminkte Mitvierzigerin zu mir kam und darum bat, an mir vorbei auf dem Nebensitz Platz nehmen zu können. Offensichtlich sah sie meinen verdutzten Gesichtsausdruck, lächelte charmant und meinte: "Yes it`s me - the lady in black."

Wir begannen ein spannendes Gespräch über die islamische Revolution, die Fehler des Schahs und die wie lange sich der islamische Rigorismus in einem doch ziemlich von einer säkularisierten Elite geprägtem Land wird halten können. Meine Nachbarin, nennen wir sie Azadeh, zeigte sich davon überzeugt, dass bei der brutalen Gewalt, mit der das Regime vorgeht, es Jahrzehnte dauern wird, bis der Rückfall in das Mittelalter überwunden werden kann. Azadeh bestellte sich ein Glas Champagner, stieß mit mir an und sagte: Auf Wiedersehen Iran, Du meine Heimat. Ich werde nie wieder zurückkehren in dieses zivilisationslose Gefängnis. Diesem Land kann ich nicht mehr helfen.

Azadeh stammte aus einer wohlsituierten Familie aus dem Norden Teherans. Dies machte es möglich in London Psychologie zu studieren und in Teheran dann eine eigene Praxis zu eröffnen. Eine Ehe blieb kinderlos und wurde geschieden. Jetzt sei sie froh, weile eine Ausreise mit der Familie sehr schwer geworden wäre, denn ihr Beruf sei, falls sie ihn überhaupt noch als alleinstehende Frau hätte ausüben könnte, jetzt sinnlos.

"Was soll ich denn mit Einzeltherapien erreichen, wenn das ganze Land auf die Couch gehört," begründete sie ihre Resignation. Unerträglich sei der Druck, der vor allem auf die Jugendlichen ausgeübt werde, die gnadenlose Trennung der Geschlechter, die weit über die traditionelle Zurückhaltung zwischen Männern und Frauen hinausgehe. Vor allem der Frust unter den jungen Männern drücke sich in der Gewalttätigkeit der islamischen Garden aus. Diesen Teil des Gesprächs beendete sie mit einer Voraussage, an die ich gerade in den letzten Tagen häufig denken muss: "Bei dieser feindlichen Einstellung zur natürlichen Sexualität wird der Iran und mit ihm die ganze Region eines Tages mit einer brutalen Massenejakulation explodieren."

Schade, ich habe keinen Kontakt mit meiner Sitznachbarin unterhalten. Wir haben uns in London noch viel Glück gewünscht, uns voneinander  verabschiedet und aus dem Blick verloren. Wie gerne würde ich sie heute fragen, was sie von einer islamischen Masseneinwanderung junger Männer nach Deutschland hält, wie sie die zunehmende Islamisierung von Marokko bis in die Philippinen sieht und ob das, was in Köln passiert ist, nicht schon so ein Vorspiel der Massenejakulation war - nur nicht in Teheran, sondern in der Domstadt am Rhein?

Bei meinen ersten Reisen nach Saudi-Arabien, zwischen 1974 bis 1984 besuchte ich das Königsreich 11 mal, wunderte ich mich über die vielen schwulen Männer, die offen Händchen haltend und schwer nach Parfüm riechend, die Boulevards bevölkerten. Spätestens bei meinem zweiten Besuch im Reich der Wahhabiten, jener Islamlehre, die sich streng an der Koranauslegung orientiert, hatte ich begriffen, dass dies die saudische Variante von erotisch freien Männerfreundschaften ist, weil sowohl auf Homosexualität, wie auf außerehelichem Geschlechtsverkehr die Todesstrafe folgt. In den Tagen in Saudi-Arabien gewöhnte wir uns, an die vollverschleierten Frauen und mein englischer Kameramann nannte sie die "Dankelsacks" nach unserem Dunkelsack, in dem damals noch die Filmrollen gewechselt werden mussten. Enge Kopftücher und Burka waren für mich unübersehbar, die Symbole für die Unterwerfung der Frauen, die auf der Straße von Religionswächtern streng kontrolliert wurden.

Seit 1970 war ich auch regelmäßig in der Türkei, wo es so gut wie keine Frau mit Kopftuch gab, höchstens im anatolischen Hinterland bei älteren Bäuerinnen. Versuche rechter Parteien unter der Führung von Alparslan Türkesch und Necmettin Erbakan, den Islam in der Türkei zu stärken, scheiterten am Militär, das die säkulare Verfassung oft mit nicht gerade zimperlichen Methoden verteidigte. Im Dezember 1978 war ich als einziger deutscher Journalist bei dem Massaker von Karaman Marasch, wo sunnitische Islamisten über 100 Aleviten, eine schiitische Sekte, aus den markierten Häusern jagten und sie auf offener Straße abschlachteten. Beschützt wurden wir vom türkischen Militär. Der Bericht im heute-journal war knapp 3 Minuten lang. Der Rest der deutschen Presse schrieb von einer Auseinandersetzung zwischen Rechten und Linken. Doch es waren dies die Vorboten der Islamisierung der Türkei, die wir trotz der Millionen Türken im Land nur am Rande registrierten.

Zwei Jahre später putschte das türkische Militär, verjagte den in Deutschland promovierten Diplom Ingenieur Erbaken, steckte ihn 5 Jahre ins Gefängnis und verbot ihm jegliche politische Betätigung.

Die Militärintervention wurde von allen "Demokraten" in Europa, vor allem aber von den Linken heftig kritisiert. Damals ging es um die Alternative: Übernahme der Türkei durch einen zunehmend fundamentalen und intoleranten Islam oder Übernahme durch eine säkulares undemokratisches Militär. Eine Frage, die sich immer wieder in der islamischen Welt stellt. Zuletzt in aller Schärfe in Ägypten.

Einer der Jünger Erbakans war Recep Tayyib Erdogan, der ursprünglich auch aus der Politik verbannt wurde. 2001 mit einer "gemäßigten" Islampartei, der AKP sich als Reformer empfahl. Die militante islamistische Bewegung "Milli Görüs, Erbakans religiöse Wiedererweckungs- Organisation, aber überlebte seinen Sturz in Deutschland. Teilweise vom Verfassungsschutz beobachtet, kontrolliert sie heute mehr denn je Moscheen und türkische Vereine. Bei Recherchen in Duisburg-Marxloh, wo auffällt, dass auch schon junge Mädchen Kopftücher tragen, wurde mir das mit dem Einfluss und der Kontrolle von Milli Görüs von Türken begründet.

Mittlerweile soll es in den Türkenviertel schon soweit sein, wie in den französischen Banlieues, dass sich selbst junge Männer nicht mehr trauen, während des Ramadans tagsüber etwas zu essen.

Meine Begegnungen mit dem militanten Islam könnte ich hier seitenlang weiterführen, die alle geprägt waren von hochmütiger Intoleranz, von staatlicher und krimineller Gewalt und von politischem Machtanspruch.

In den Philippinen traf ich die Abu Sayyef-Piraten, die angeblich für einen unabhängigen Moslemstaat kämpfen, aber die durch Erpressung, Raub und Schiffsüberfälle die Sulusee unsicher machen. In Südthailand geht es um fünf Provinzen, die für ihre Region die Scharia zum alleinigen Gesetz erheben wollen. Der indonesischen Region Aceh hat die Zentralregierung kapituliert und den Koran zum Gesetzbuch erklärt. Der Bürgerkrieg ist nur abgeebbt, weil der Tsunami 2004 über 120 000 Tote kostete und die islamischen Rebellen nicht verschonte.

Es gibt keinen Staat, in dem gläubige Mohammedaner wohnen und denen es nicht entweder Unruhen, Aufstände, Bürgerkriege mit Millionen Flüchtlingen oder sogar Terror gibt - egal, ob der Koran schon Gesetzbuch ist, oder aber die Aufständischen dafür kämpfen, dass die Scharia zumindest für die Moslems des States oberstes Gesetz wird. Und selbst das genügt den meisten Imamen von der Südsee über  Südasien, Arabien, Nordafrika bis in die Sahelzone nicht. Als Beispiel mag dafür Malaysia dienen, wo die Religiösen fordern, dass ganze Teilstaaten komplett, also auch die Nichtmuslime dem islamischen Recht unterworfen werden.

Bin ich jetzt islamophob, weil ich diesen Sachverhalt nüchtern beschreibe? Müssen jetzt nicht die obligatorischen Sätze folgen: "Man darf nicht verallgemeinern", "nicht alle Moslems sind gewalttätig", "solche Beschreibungen sind Wasser auf die Mühlen der Rechtsradikalen und Rassisten" und "Religionsfreiheit ist Bestandteil unserer Rechtsordnung."

Binsenweisheiten, Selbstverständlichkeiten aber auch Ablenkungsmanöver.

Denn meine Ablehnung des in den meisten Staaten praktizierten und von der Mehrheit der aufrührerischen Imamen geforderten Islam hat ganz bestimmt mit Rassismus nichts zu tun: Denn von dem Vormarsch der strengen Koranauslegung des Islam sind Malayen, Indonesier, Pakistani, Kaukasier, Turkvölker, Araber, Europäer (Kosovo, Bosnien) Somalis und Schwarzafrikaner der verschiedensten Stämme betroffen. Die Auseinandersetzung geht um eine Religion, nicht um Rassen.

Nein ich bin nicht islamophob. Ich habe nur eine tiefe Abneigung gegen alle autoritären und freiheitsfeindlichen Regime und Parteien, egal, ob sie sich auf Weltanschauungen oder Religionen berufen. Und ich habe keine Angst vor einer Islamisierung Europas, wenn wir die "westlichen Werte" auf denen unsere Verfassungen beruhen, nicht aus falsch verstandener Toleranz in Frage stellen. Das bedeutet auch, dass ich keine Angst vor einer Million Zuwanderern habe, wohl aber vor Träumern, die das Konfliktpotential klein reden, dass unweigerlich vorhanden ist, wenn sich soviel Menschen in einer fremden Kultur zurecht finden müssen.

Zuerst erschienen auf achgut.com

Sven von Storch

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