Giselher -Journalist und Blogger Suhr

zu Person und Archiv

Von Israel lernen heißt… Was hat Israel, das wir nicht haben_

Veröffentlicht:

Von Israel lernen heißt… Was hat Israel, das wir nicht haben_
Datum: 30.05.2017, 11:24

Wacht an der Gaza-Grenze (Foto: G. Suhr)

 

Nichts scheinen wir Nachkriegsdeutschen mehr zu hassen, als wenn einer sein eigenes Schicksal freimütig selbst entscheiden will. Das gilt im Alltag für diejenigen, die mehr Eigenverantwortung einfordern und weniger staatliche Bevormundung durch Sozialpampering. Das gilt noch mehr für die Politik: Der (von Merkel und Medien) nicht erlaubte Brexit und die insgesamt verweigerte Anerkennung der Wahl von Donald Trump sind für diesen ungehemmten Hass auf Selbstbestimmung der eigenen Interessen die jüngsten Beispiele. Am nachdrücklichsten wird der totale moralische Kampf gegen die Wahrnehmung eigener Interessen gegen den Staat Israel geführt: Gegen die einzige Demokratie in Nahost, die, in einem Meer von Feinden, ihr Existenzrecht behaupten muss.

Wer in diesen Tagen als Deutscher Israel besucht, nicht um sich zu empören, sondern um zu lernen, entdeckt viele Defizite. Nicht bei der israelischen Politik, sondern bei der Deutschen.

Im Außenministerium in Jerusalem ist die oberste Maxime: Nüchternheit. Nicht moralische Kriterien bestimmen die Handlungsoptionen. Seit Trumps neuer Ehrlichkeit verfolgt der knapp Neun- Millionen-Staat eine andere Option zur Lösung des ewigen Konflikts mit den Palästinensern. Bisherige Versuche (Oslo I und Oslo II) scheiterten. Immer ging es darum, in direkten Abkommen mit den Palästinensern eine friedlichere Koexistenz zu erreichen. Natürlich will niemand in der Sderot Itzchak Rabin zitiert werden, wenn es um die neue Strategie geht. Aber so viel ist klar: Die Analyse der Situation ergibt, dass nur ein Teil des Konflikts von der unmittelbaren Betroffenheit der Palästinenser in Israel, im Gaza und auf den West Banks bestimmt wird. Es sind die großen Player Iran und Saudi-Arabien, die den “Palästinenserkonflikt” benutzen, um ihre Vormachtstellung in der Region auszubauen. Deshalb gilt es hier, die Fronten zu begradigen. “Europa”, also die EU spielt bei dieser Politik keine Rolle. Wörtlich: “Zero”.

Stattdessen werden gemeinsame Interessen mit Saudi-Arabien und der Türkei ausgelotet. Beide Staaten sehen ihre Interessen durch Iran und die Hisbollah in Assads Syrien bedroht - genau wie Israel. Ein Interessenabgleich könnte auf Kosten der Terror-Hisbollah gehen.

Die radikal-sunnitische Hamas scheint als erste den Wind of Change in Israels Politik gespürt zu haben. Wie anders ist ihre kosmetisch aufgehübschte neue Charta zu verstehen. Die Diktatoren in Gaza erwägen darin, einen Palästinenserstaat in den Grenzen von 1967 zumindest zeitweise zu akzeptieren – halten aber gleichzeitig am bewaffneten Widerstand gegen Israel fest.

Mit den Wahabiten in Riad gemeinsame Interessen auszuloten wäre in Deutschland undenkbar, außenpolitisch sozusagen “über die Bande” zu spielen.
Außenpolitik hierzulande führt ihr Theater in der Kulisse fest installierter moralischer Feindbilder auf.

Noch etwas kann man im Gespräch mit israelischen Außenpolitikern lernen: Eine realistische Selbsteinschätzung. Während es in maßloser Selbstüberschätzung in Berlin die Vorstellung gibt, durch einen „Marschallplan 2.0“ die (globalen) Fluchtursachen  beseitigen zu können, oder Klimagott zu spielen, setzt die israelische Politik ihre Mittel sparsam ein. Statt Weltpolitik, wie sie Merkel im Namen Europas und auf deutsche Rechnung betreibt, kennt Israel seine Grenzen. Und definiert den sparsamen Einsatz seiner begrenzten Mittel auf der internationalen Bühne als Regel.

Ja, Israel weiß auch, wie man Grenzen dichtmacht. Dass trotzdem ein Heer von Palästinensern täglich einreist, um bei Bauarbeiten, in der Landwirtschaft oder wo auch immer Geld zu verdienen - darüber spricht man selten.

Tatsächlich gab es bis 2012 auch ein Heer illegaler Einwanderer - vor allem aus Sudan und Eritrea. Geschätzt bis zu 60 000. Erst seitdem Israel sich mit einem Zaun an der Sinai-Grenze schützte, versiegte der Strom. Den illegalen Migranten droht Haft oder Abschiebung nach Uganda. Wenigstens offiziell. Eine andere Geschichte ist, was der Bürgermeister von Tel Aviv, Ron Hudai erzählt. In seiner Stadt gäbe es 12 000 schwarzhäutige Kinder. Und auf die Frage: “Was nun?” ist seine Antwort: “Schulen bauen”. Immerhin: Die illegale Zuwanderung ist jetzt nahe Null. Tatsache ist: Man KANN Grenzen dichtmachen. Man KANN abschieben. Aber selbst Israel schafft das nur im Maßstab von wenigen tausend pro Jahr.

Eine Frage, die jeden Israelbesucher umtreibt ist: Wie kommt es, dass dieser kleine Wüstenstaat wirtschaftlich so erfolgreich ist? Dafür gibt es eine einfache Formel: Not macht erfinderisch. In der Wüste Negev: Blühende Plantagen. Dem Wassermangel wurde durch Tröpfchenbewässerung ein Schnippchen geschlagen. Eine Technik, die wie so viele aus der Not geborenen Erfindungen zum Exportschlager wurde.

Die spektakulärste wirtschaftliche Erfolgsgeschichte schreibt Israel im Bereich IT. Immer wieder von internationalen Boykottversuchen bedroht, setzte das Land ganz auf eigene Entwicklungen. Dabei ging es zunächst um Spionage- und Spionageabwehr. Ein vielleicht schmutziges Geschäft, aber auch ein weltweiter Verkaufsschlager. Inzwischen gibt es kaum ein namhaftes Unternehmen weltweit, das nicht in Israel ein IT-Standbein hat. VW, Bosch, Daimler und die Telecom sind nur einige der deutschen Namen, die Grisha Alroi-Arloser von der Deutsch-Israelischen IHK nennt. Sie alle setzen auf disruptive Technologien, also völlig neue Lösungsansätze. Zwei Faktoren spielen bei dieser Entwicklung eine Rolle: Die Nähe zum Militär, die in Israel kein Makel sondern eine Auszeichnung ist. Und: Anders als in Deutschland steht IT nicht ständig unter moralischem Generalverdacht. Dazu kommt eine Kultur des Scheiterns als Voraussetzung für die Suche nach Neuem. Niemand muss auf Nummer Sicher gehen. Auch Scheitern, weiß man, gehört zum schlussendlichen Erfolg.

Aber vor allem eins unterscheidet Israels Befindlichkeit von den Deutschen: Das Bewusstsein der eigenen Identität - geprägt durch gemeinsame Geschichte, die wohl mit Abraham ihren frühen Fixpunkt hat. Nur durch diese Gewissheit, sich ihre EIGENE Welt zu errichten, schaffen sie Wachstum, Optimismus und auch einen Geburtenüberschuss: Hier werden mehr Kinder geboren als in jedem anderen Staat der westlichen Welt. Eine israelische Frau bekommt im Durchschnitt 3,1 Kinder.

Während in Deutschland die Rückbesinnung auf alte Werte („1000 Jahre“ Heiliges Römisches Reich) absolut tabu ist, begründen offizielle Gesprächspartner in Israel - genauso wie der Bürger auf der Straße -  das Existenzrecht des Staates mit historisch belegten Ansprüchen. An erster Stelle natürlich steht dabei der Anspruch auf die Hauptstadt Jerusalem. “Wir sind seit 3000 Jahren hier verwurzelt. Hier zu sein ist unser Recht.” Und eines ist immer klar: Israel ist der Staat der Juden. Dürfte man so etwas auch in Deutschland sagen? Deutschland ist der Staat der Deutschen? Nein. Die Deutschen sind in Deutschland, nach dem Diktum der Kanzlerin eben nur jene, “die schon länger bei uns wohnen”. Selbsthass, Verleugnung eigener Interessen, ist hierzulande Staatsräson.

 

http://www.lyrikheute.com/2017/05/was-kann-deutschland-lernenvon.html

 

 

Sven von Storch

Ihnen hat der Artikel gefallen?
Bitte unterstützen Sie mit einer Spende unsere unabhängige Berichterstattung.

PayPal

Für die Inhalte der Blogs und Kolumnen sind die jeweiligen Blogger verantwortlich. Die Beiträge der Blogger und Gastautoren geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion oder des Herausgebers wieder.

Add new comment

CAPTCHA
Enter the characters shown in the image.
This question is for testing whether or not you are a human visitor and to prevent automated spam submissions.