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Kein Abschied von den Ballerspielen. Aber der Antwortbrief eines Totgeglaubten

Veröffentlicht:

Kein Abschied von den Ballerspielen. Aber der Antwortbrief eines Totgeglaubten
Datum: 29.12.2014, 13:50

Da sagte doch gestern die Freundin: Man könnte meinen, Du wärst tot. Von Dir kommt gar nichts mehr - auf FreieWelt nicht und auch woanders: NICHTS. Sie wollte natürlich eigentlich wissen, warum das so ist. Versuchen wir eine Antwort und beginnen mit der Vergangenheit.

Meine Liebe!

Das waren noch Nächte damals! Nächte des Kampfes und der Siege. Die Hoch-Zeit der Egoshooter, vor so zehn Jahren. Far Cry (immer wider neu) verbrannte nicht nur die Schlafenszeit von tausend Nächten. Auch Schulkarrieren waren gefährdet.

Und heute? Ja, wir sind vernünftiger geworden, wenigstens was die so genannten Ballerspiele anbelangt. Aber wir haben sie immer noch drauf, diese Sucht nach dem Erreichen des nächsten Levels. Wären wir jung, würden wir wahrscheinlich bei den MMOG dabei sein, aber so jung sind wir wieder nicht. Dafür haben wir unser Battlefield selbst bestimmt! Wir haben es in unsere reale politische Welt verlegt. Und schon kann es losgehen. Man muss nur die passenden Mitspieler finden. Zum Beispiel auf FreieWelt, bei ACHGUT, PI, EIKE oder…

Wir kennen unsere Mitspieler. Meine Favoriten sind oft: Broder, Lengsfeld, Limburg, Bettina Röhl und der immer messerscharfe und besonnene Wolfgang Thüne. Sie sind täglich bei diesem PC-Spiel online, und natürlich meistens siegreich. Die Autoren und ebenso das Heer der Kommentatoren. Einmal Enter gedrückt und Artikel oder Kommentar sind online. Wenn es dann knallt und die Kommentatoren ballern steigt wie bei Far Cry (damals) der Dopaminspiegel. Und der will immer mehr vom Gleichen.

Und dann gibt es ja noch Face Book, FB! Wer die richtigen FB-Freunde hat, braucht keine Spielkonsole. Da wird von morgens bis abends scharf geschossen! Mit Artikeln, likes, Videos und Theorien, die nur eines beweisen: Wie recht wir haben, wie gut es ist, auf der richtigen Seite zu stehen. Und wieder schreit der Hormonspiegel: Feed Me! Geh’ online, hol mir noch mehr Dopamin!

Das Beste: Bei FB sieht man, wer der Mitspieler online ist. Diese Gemeinschaft der noch zu später Stunde Wachgebliebenen macht stark. Tatsächlich kann man sich schnell totgeglaubt fühlen oder es sein, wenn man nicht sein Mindestmaß an Dabeisein einbringt.

Aber wenn eines Abends die letzte P und S aufgeraucht, die letzte Flasche Famous Grouse geleert ist, kann es sein, dass du einen Kater der Selbsterkenntnis bekommst. Hast du eigentlich wirklich immer und zu allem etwas zu sagen und zu meinen? Wann hast du zuletzt einen Glühwein getrunken, einem wirklich bedürftigen Bettler etwas gegeben? Wann hast du zuletzt die HP von Brioni besucht?

Geht das bei dir überhaupt noch: Sich langweilen und trotzdem nichts Neues anfangen? Wie war das noch mal mit dem Leben? Leben, was ist das?

Gab es für dich nicht mal eine Welt vor Eurorettung, AfD, pi-news, Atomausstieg, Ukraine, EEG, Pegida und Angie?

Wird nicht täglich genug von allen gesagt, von dir sowieso?

Ja, liebe Freundin, danke der Nachfrage, ich bin nicht tot. Ich nehme mir nur die Zeit, manchmal zu bedenken, wer ich bin.

Denn auch darauf kommt es an: Wer etwas schreibt. Und das sollte zumindest der Autor selber von sich wissen. Und um dieses Wissen bemühe ich mich dann schon...

Von Zeit zu Zeit.

Ergebenst,

Dein gar nicht Toter.

Stillleben "Schreibtisch". Aufnahme NEXUS 5.

Zuerst erschienen auf lyrikheute.com

Sven von Storch

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