„Wie kurieren wir die Kirche – Wirklich_
„Wie kurieren wir die Kirche – Wirklich_
Datum: 11.08.2014, 10:02
Und trotzdem bin ich der Ansicht, dass man sich auch mit den Dingen beschäftigen muss, die einem eher fern liegen, solange man den Eindruck hat, die dahinterstehende Zielsetzung wäre schon gut. So ist der Titel des hier besprochenen Buches „Wie kurieren wir die Kirche? – Katholisch sein im 21. Jahrhundert“ des Journalisten Joachim Frank schon ein Hinweis darauf, dass ich hier jemand Mühe gemacht hat, Lösungen für die Probleme zu finden, die er in der Kirche – es geht im Buch nur um die katholische – zu sehen scheint. Daher möchte ich auch mit einem Zitat vom Ende des Buches beginnen, in dem es heißt:
Der Theologe Gotthard Fuchs sagt: An Gott glauben wir „mittels, dank und trotz der Kirche“. In dieser Reihenfolge. Wenn dieses Buch die Gewichte ein wenig vom „trotz“ zum „dank“ der Kirche zu verlagern hilft, hat es seinen Zweck mehr als erfüllt.
Als Katholik, der dank und mittels der Kirche, des Papstes (damals Papst Benedikt XVI.), des Lehramtes und allem, was die Kirche ausmacht wieder zum Glauben gefunden hat, schmerzt mich diese Diagnose sehr. Dennoch verstehe ich, dass viele in dem, was die Kirche heute ausmacht, wie die Kirche in der Gesellschaft wahrgenommen wird, eher ein Hindernis für ihr Glaubensleben sehen. Das Problem nur: Das wird dieses Buch ganz sicher nicht geändert haben!
Erschienen ist das Buch im DuMont-Verlag – Kritiker der undifferenzierten Kirchenkritik werden durchatmen, das ist der Verlag, in dem auch der Kölner Stadt-Anzeiger erscheint. Alfred Neven DuMont fungiert auch als Herausgeber und lässt es sich nicht nehmen, im Vorwort direkt Papst Franziskus gegen Papst Benedikt auszuspielen, den einen als Papst des „Aufbruchs“ den anderen als Papst der „Beharrung“ zu titulieren. Und wo die Probleme liegen, auch darin sieht DuMont sich ganz auf der Linie des Mainstreams, den er in seinen fünf Seiten in aller Kürze wiedergibt: Zölibat, Sexuallehre, Rolle der Frau, Frauenpriestertum. Alle ollen Kamellen liegen wieder auf dem Tisch, und die Interviews, die der Autor des Buches mit vielen offiziellen wie eher inoffiziellen Vertretern der katholischen Kirchen geführt hat, scheinen deren Brisanz zu belegen.
Bischof Overbeck aus Essen steht dort in einer Linie mit dem Reformtheologen Eberhard Schockenhoff, dem Süddeutsche-Zeitung Chefredakteur Heribert Prantl, der ehemaligen EKD-Ratsvorsitzenden und Botschafterin der EKD für das Reformationsjubiläum 2017, Margot Käßmann, und last but not least Annette Schavan, ehemalige Bildungsministerin und langjährige Vizepräsidentin des Zentralrats der Deutschen Katholiken und des Katholischen Deutschen Frauenbundes. Wer jetzt wieder schmerzhaft aufatmet, den kann ich aber beruhigen – oder muss ihn in seiner Erwartungshaltung enttäuschen. Viele der Beiträge strotzen nur von gängiger Kirchenkritik, bei manchen der Gesprächsparter musste Joachim Frank aber schon ein bisschen bohren, um Kritik aus ihnen heraus zu kitzeln.
Und so verbergen sich in dem Buch aus wunderbare Beweise dessen, um was es der Kirche, auch der Kirche der Armen, wirklich geht, und wie wenig die immer wieder aufs Podest gehobenen angeblichen Hauptprobleme eigentlich eine Rolle spielen. So führt der Titel des Abschnitts eines Gesprächs mit Schwester Raphaele Händler „Mir ist das Gewese um das Kondom nicht geheuer“ in die Irre. Die Missionsbenediktinerin und Ärztin, die in der AIDS-Bekämpfung in Afrika tätig war, stellt hier mitnichten die Einstellung der Kirche zum Thema Kondom in Frage, rückt diese Problematik nur in das rechte Licht einer Gesellschaft in Afrika, die dem Papst eigentlich kaum Gehör schenkt und für die der Katechismus keine Glaubensgrundsätze liefert. Eine Goldgrube ist auch das direkt darauf folgende Interview mit Schwester Mary Laurence Kappen, Direktorin eines Krankenhauses im Norden Indiens und Mitglied der Sacres Heart Sisters, die Franken ebenfalls lange bitten muss, bis sie mit einer überschaubaren Kritik an der Kirchenpolitik raus rückt, die aber ansonsten ein schönes Zeugnis ihres Glaubens gibt.
Um aber auch allen anderen Interviewpartnern nicht unrecht zu tun: Erstens sind auch hier oft einfühlsame Glaubensbekenntnisse enthalten! Darüber hinaus argumentieren viele aus ihrem persönlichen Kirchen- und Gottesverständnis heraus, sehen sinkende Kirchenmitgliedszahlen, scheinbaren oder wirklichen Priestermangel, sehen Skandale, die die Kirche in ein schlechtes Licht rücken – und begeben sich auf die Suche nach Lösungen. Ich habe oben schon Heribert Prantl genannt, von dem ich nicht gedacht hätte, dass das Interview mit ihm mir seine Sicht der Dinge zumindest nachvollziehbar macht, wenn ich sie auch immer noch nicht teile.
Für einen „papsttreuen“ Katholiken ist das Buch daher trotz aller „Nickeligkeiten“ gegen Papst Benedikt oder gegen die Lehre der Kirche durchaus ein kleiner Schlüssel zum Verständnis, warum so viele Menschen heute tatsächlich eher „trotz“ der Kirche an Gott glauben und wie sie auf die Problemanalysen und Therapievorschläge kommen, die mir selbst einigermaßen fremd sind. Und das betrifft nicht nur die Interviewpartner, es betrifft auch Autor und Herausgeber des Buches, denen man sicher ihre Sorge um die Kirchen nicht absprechen kann. Diejenigen Leser, die der kirchlichen Lehre gegenüber aber ohnehin kritisch eingestellt sind, sie werden in ihrem „Glauben trotz Kirche“ bei all der geballten Kritik wohl eher bestärkt und bauen womöglich auf das Bild eines neuen Papstes Franziskus, das ich in dieser Form in der Realität nicht erkennen kann.
Eine Buchempfehlung also für diejenigen, die sich mit Kirchenkritik auseinandersetzen wollen, die verstehen wollen, wie Reformtheologen, mediale Kirchenkritiker und progressive Bischöfe ticken - und dich auch offen sind für berechtigte Kritiken an der weltlichen Institution Kirche. Ausgewiesenen Kirchenkritikern würde ich statt dieses Buches dagegen lieber Papst Benedikts bzw. Peter Seewalds Interviewbuch „Licht der Welt“ auf dem Nachttisch wünschen. Vielleicht kommt man sich dann doch noch mal irgendwann näher?
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