Meine Frau meint_ Andreas Püttmann hat Recht!
Meine Frau meint_ Andreas Püttmann hat Recht!
Datum: 25.09.2013, 19:41
In einem Beitrag vom vergangenen Sonntag hatte ich Stellung genommen zu einer Kolumne von Andreas Püttmann, die in der ZEIT-Beilage „Christ & Welt“ unter dem Titel „Die Moralpächter“ veröffentlicht wurde. Meine These war, dass Püttmann in seinem Beitrag mit unzulässigen, und vor allem nicht nachgewiesenen Pauschalierungen arbeitet und so die nicht kleine Gruppe von „konservativen Christen“ aus dem von ihm als notwendig erachteten Wertediskurs ausschließen, ihre Argumente im vorhinein unmöglich machen möchte. Da ich mich selbst als konservativ-christlich betrachte, war meine Antwort sicher auch nicht ganz ohne Emotion, ich bin aber nach wie vor dieser Ansicht und irritiert über die unreflektierten Urteile des von mir ansonsten ob seiner objektiven Art durchaus geschätzten Autors.
Mit einem etwas anderen Blick hat allerdings meine Frau auf das Thema geschaut, und ich möchte das meinen Lesern nicht vorenthalten, weil auch dieser Blick etwas bedenkenswertes hat, vielleicht und vor allem auch im Hinblick auf das aktuelle Papstinterview (siehe hier). Der Einwurf meiner Frau verteidigt dabei nicht die Aussagen Püttmanns selber, sie weist aber darauf hin, dass bei vielen offenbar ein Bild des konservativen Christen entsteht, mit dem man sich, ob es nun richtig ist oder nicht, auseinandersetzen muss. Offenbar ist bei Herrn Püttmann, der eigentlich durchaus nachdenklich an diese Themen herangeht und nicht im Ruf steht, gegen die katholische Kirche zu agitieren, ein Bild des konservativen Christen entstanden, dass er in seinen Worten wiedergibt:
Der Christlich-Konservative sucht den Schulterschluss mit der politischen Rechten oder Nationalkonservativen, favorisiert oder unterstützt autokrate Herrschaftssysteme, fokussiert in Moralfragen auf die Sexualität, dort vor allem in einem Kampf gegen Homosexualität und Homosexuelle, strahlt Selbstgerechtigkeit und Hochmut in Moral- und Glaubensfragen aus, sieht sich selbst als „Glaubens- und Wertelite“, ist unsensibel für die eigene Irrtumsfähigkeit, wertet im Gegensatz zu den Aussagen des Katechismus nicht nur die Sünde sondern auch den Sünder persönlich ab, relativiert dagegen die Verfehlungen von seinesgleichen und entpuppt sich damit als lernunfähiger Rigorist.
Es ist dabei gar nicht so entscheidend, ob dieses Bild auf „die konservativen Christen“ zutrifft, oder ob es zumindest relevante kirchliche Gruppen gibt, auf die es zutrifft und die mit dem Adjektiv „konservativ-christlich“ assoziiert werden. Entscheidend ist, dass das offenbar das Bild ist, dass ein nachdenklicher Apologet des Christlichen in unserer Gesellschaft diesen Eindruck gewinnt; wie muss dann das Bild bei weniger reflektierten Zeitgenossen aussehen? Ich selbst hatte in diesem Blog schon mal darauf hingewiesen, dass ich die Kritik aus konservativer Sicht an Papst Franziskus oft als nicht nachvollziehbar empfinde. Auch der oft vorzufindende Hinweis, eine bestimmte vom Papst angewandte Verhaltensweise, die von den Medien positiv bewertet wird, habe es auch schon bei Papst Benedikt gegeben (z.B. Beichte beim Weltjugendtag), ist wenig gewinnend für einen Außenstehenden.
Dabei gelten die Einwände Püttmanns auch für diesen Blog; mehr als einmal habe ich die Rückmeldung bekommen, dass ich an der einen oder anderen Stelle zu hart, zu dogmatisch, zu wenig menschlich argumentiere. Ich versuche dann, mit anderen Worten deutlich zu machen, was ich meine, aber oft ist das Kind dann schon in den Brunnen gefallen: der erste Eindruck bleibt haften – da schreibt ein Hardliner. Argumente haben es in der Folge doppelt so schwer, gerade in Glaubensfragen.
Man kann an dem Text von Püttmann einiges kritisieren, und das habe ich mit meinem ersten Beitrag getan, aber ein Satz bleibt, unter Berücksichtigung des Vorgenannten, richtig:
Solch ein Moraldiskurs untergräbt die Glaubwürdigkeit der gesamten Kirche, selbst wenn es sich bei ihm nur um eigenwillige Akzentuierungen ihrer Lehre handelt.
Unser Papst führt uns in Exzellenz vor, was auch mit dem II. Vatikanischen Konzil (und nicht nur seinem ominösen „Geist“) gemeint war: er steht felsenfest hinter der Lehre der Kirche, hat dies erst gerade wieder im Interview deutlich gemacht, aber er hämmert den Menschen nicht als erstes den Katechismus und die Bibel auf den Kopf, sondern sucht nach Möglichkeiten, Jesu Botschaft in einer Sprache zu vermitteln, die auch Fernstehende verstehen, er sucht nach ihren „Wunden“ und den Möglichkeiten, diese zu heilen. Dem Sünder mit der Bibel oder dem Katechismus seine Sünde nachzuweisen versuchen, gleicht für denjenigen dem Versuch, klarzustellen, warum eine Radarfalle nachts um drei vor einer Schule sinnvoll ist – die Gesetzeslage ist klar, verinnerlicht werden kann sie aber so nicht. Die Sünde nicht kleinzureden, aber zunächst nach den offensichtlichen oder manchmal auch tiefer liegenden Wunden zu suchen und sich um sie zu kümmern, das ist unsere Aufgabe, anschließend kann man durchaus auch tiefer gehen und uns selbst und andere näher an eine christliche Moral heranführen. Das richtige Maß dabei zu finden ist die Herausforderung, wie sie der Papst in seinem Interview beschreibt:
Der Rigorist wäscht sich die Hände, denn er beschränkt sich auf das Gebot. der Laxe wäscht sich die Hände, indem er einfach sagt: 'Das ist keine Sünde' - oder so ähnlich. Die Menschen müssen begleitet werden, die Wunden geheilt. […] Gott begleitet die Menschen durch das Leben und wir müssen sie begleiten und ausgehen von ihrer Situation. Wir müssen sie mit Barmherzigkeit begleiten. Wenn das geschieht, gibt der Heilige Geist dem Priester ein, das Richtige zu sagen.
So verstanden, als Hinweis auf die Rezeption der konservativ-christlichen Positionen mit dem Ansatz, die Ursachen dieser Außenwirkung in unserer eigenen Person und unserer Art der Evangelisierung zu suchen, hat der Beitrag von Andreas Püttmann einen hohen Wert. Ob er ihn so gemeint hat … die Frage kann wohl am Ende nur er selbst beantworten.
Beitrag erschien zuerst auf: papsttreuer.blog.de
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