Kirchenaustritte_ Schafe mit den falschen Hirten

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Kirchenaustritte_ Schafe mit den falschen Hirten
Datum: 20.07.2015, 17:34

Mit jeder Verweltlichung, jeder Modernisierung und jeder Anpassung an den „modernen Zeitgeist“ verlieren die Kirchen an Bindungskraft. Denn wozu braucht es eine Kirche, die bloß mit religiösem Dialekt predigt, ohne religiöse Inhalte zu vermitteln? Mit zunehmender theologischer Substanzlosigkeit schwindet die Bedeutung der Kirchen. Denn ihre Funktion als Inseln traditionsgebundener Geborgenheit in einem Meer unübersichtlicher Vielfalt geht damit verloren. Damit stehen die Kirchen verstärkt in Konkurrenz mit anderen Institutionen, welche nachvollziehbare Organisationsstrukturen und Inhalte vertreten. Diese Dynamik bekommt besonders die evangelische Kirche zu spüren.

Das Zitat stammt nicht aus einem konservativen Blog, nicht von kath.net, auch nicht aus der „Tagespost“ – das Zitat stammt aus einem Kommentar des hpd zu den aktuellen Kirchenaustrittszahlen. hpd steht für „Humanistischer Pressedienst“ und ist eines der bekannteren atheistischen Organe im Internet. Dort hat man also etwas verstanden, was vielen „Kirchenoberen“ in Deutschland offensichtlich nicht ganz zugänglich ist. Natürlich steht man den nur als katastrophal zu bezeichnenden Austrittszahlen der katholischen Kirche (Kirchenaustritte 2014: 217.716 – Vorjahr: 178.805, mehr dazu, vor allem auch zur rechten Interpretation der Zahlen, auf Peter Winnemöllers katholon) beim hpd eher positiv gegenüber: Mit einem Anflug von Triumphalismus ist der Beitrag betitelt mit „Die Kirche ist nicht mehr zu retten„.

Nun vertrauen wir als Katholiken auf die Worte Jesu, dass seine Kirche nicht untergehen wird (ein Ansatz, der Atheisten naturgemäß fern liegen muss); trotzdem sind die Zahlen alarmierend, und die Reaktion des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, ist es auch:

Die heute veröffentlichte Statistik zeigt, dass Kirche vielgestaltig ist und eine missionarische Kraft hat, auch wenn uns die hohe Zahl von Kirchenaustritten schmerzlich bewusst macht, dass wir Menschen mit unserer Botschaft nicht erreichen. Hinter der Zahl der Kirchenaustritte stehen persönliche Lebensentscheidungen, die wir in jedem einzelnen Fall zutiefst bedauern, aber auch als freie Entscheidung respektieren. Wir werden uns weiter bemühen, unseren Auftrag glaubwürdig so zu erfüllen, dass wir die Freude des Evangeliums verkünden können und viele Menschen in der Gemeinschaft der Kirche Heimat finden oder auch wiederfinden.

Dabei übersehen wir nicht, dass wir in einer offenen und pluralen Gesellschaft leben. Als Kirche sind wir ein aktiver Teil dieser Gesellschaft. Das Evangelium Jesu Christi, das wir verkünden, ist im Kern eine Botschaft, die den Menschen wirklich befreit. Diesen Auftrag wollen wir auch weiterhin durch das vielfältige Engagement der Kirche erfüllen. In Pfarreien, Ordensgemeinschaften, Verbänden, Einrichtungen und auch in der Caritas setzen sich viele Menschen auf unterschiedliche Weise ein. Ihnen danke ich von Herzen, denn die Kirche lebt mit, von und für die Menschen.

Die Glaubensfreude und der Schwung von Papst Franziskus sind uns dabei eine große Hilfe. Wir wollen gemeinsam mit ihm auch in Deutschland eine Kirche ‚im Aufbruch‘ sein, die sich um der Menschen und um Gottes willen aktiv in die Gesellschaft einbringt und Zeugnis gibt von der großen Botschaft des Evangeliums.
(Hervorhebungen durch mich)

Nagut, es gibt immerhin 2.809 Eintritte in die katholische Kirche zu vermelden (interessanterweise davon 2.359 Protestanten!) sowie 6.314 Wiedereintritte. Aber im Vergleich zu 217.716 Austritten verblassen solche Zahlen, auch wenn die sich als verbessert zu den Vorjahren darstellen. Und wenn 217.716 Austritte ein Zeichen der missionarischen Kraft der Kirche darstellen, dann mag man sich lieber nicht vorstellen, was der Kardinal ansonsten für normal halten würde. Man will weiter „Kirche im Aufbruch“ sein, und wenn man mal vom „Kirchensprech“ in dieser Aussage absieht und sie wörtlich nimmt, dann kann einem ebenfalls Angst und Bange werden, wenn diejenigen, die dieser Kirche bislang trotz aller Widrigkeiten treu sind, irgendwann feststellen, dass dieser Aufbruch genau in die falsche Richtung geht – ganz in dem Sinne, wie es Atheisten offenbar schon lange sehen.

Was mich aber, auch angesichts des gestrigen Sonntagsevangeliums, beschäftigt, ist in der Tat die Frage der „persönlichen Lebensentscheidung“, die hinter einem Austritt stehen, und die man – so Marx – „respektieren“ will. Offenbar liegen zu den Hintergründen keine belastbaren Informationen vor (jedenfalls lese ich dazu nichts in den entsprechenden Berichten), daher spekuliert jeder vor sich hin, was denn die Gründe für Austrittsentscheidungen sein mögen. Als konservativer Katholik würde ich gerne annehmen, dass man mit dem modernistischen Kurs einer Vielzahl von Bischöfen und Organisationen nicht einverstanden ist, und den nicht auch noch durch Kirchensteuern finanzieren will. Dass jedenfalls wäre für mich ein nachvollziehbarer Austrittsgrund, aber ich bin nicht blauäugig genug zu glauben, dass wir es bei den Ausgetreteten in zumindest hohem Maße mit strenggläubigen Christen zu tun haben, Menschen, die aktive Christen sein wollen und sich nun in einer anderen Art an Jesus orientieren, sich vielleicht einer anderen christlichen Gemeinschaft anschließen oder den engen Kontakt zu einem Geistlichen suchen, der sie bei ihrem weiteren Glaubensweg begleitet.

Als er ausstieg und die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen; denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben. Und er lehrte sie lange. (Markus 6,34)

So heißt es im gestrigen Sonntagsevangelium. Und meine Befürchtung mit Blick auf die Austrittszahlen ist: Die Menschen sind weg! Sie hatten vermutlich kein intensives Glaubensleben, sind seit Ewigkeiten nicht mehr in der Messe gewesen (mit Ausnahme vielleicht von Weihnachten) und haben mit ihrem Austritt lediglich das formal nachvollzogen, was sie in ihrem Leben sowieso schon lange entschieden haben. Dabei mögen auch manche Skandale eine Rolle gespielt haben, vielleicht auch ihre Einschätzungen zu manchen Kirchenpositionen – aber am Ende, so meine Befürchtung, war die Entscheidung gegen eine Mitgliedschaft in der Kirche nicht eine in diesem Sinne bewusste, sondern eine der Neutralität, keine überzeugte atheistische Einstellung oder eine andere theologische Einschätzung der Bibelauslegung sondern ein Ausweis dessen, dass einem Glaube und Kirche im Grunde egal sind. Der eine oder andere Kirchentreue meint vor diesem Hintergrund gar, der Austritt sei richtig, Reisende solle man nicht aufhalten! Letztlich – und da ist was dran – verdeutlichten diese Zahlen auch die ganze Misere der Kirche; blieben die „innerlich Ausgetretenen“ in der Kirche, würde man lediglich geschönte Zahlen präsentieren können. Die weiterhin unterirdischen Teilnehmerzahlen an Sonntagsmessen sprechen da eine deutliche Sprache!

Die obige etwas pauschale Beschreibung bedeutet aber wiederum nicht, dass den Menschen, die im letzten Jahr aus der Kirche ausgetreten sind, die Fragen nach Sinn, die Fragen nach Gott, die Fragen nach der eigenen Bedeutung, auch die Fragen nach Erlösung und dem ewigen Leben egal sind, selbst wenn sich andere, profane Fragen in den Vordergrund drängen sollten. Gerade als Christen sollte uns bewusst sein, dass jeder Mensch zur Suche nach Gott geschaffen ist. Und auch wenn viele den Ruf Gottes oft nicht hören: Er ist da und die Frage ist lediglich, wie man darauf antwortet – und auf wessen Antworten man hört. Man darf wohl vermuten, dass die Ausgetretenen das Bild des Schafes weit von sich weisen würden, dennoch scheint es zu passen: Die Menschen sind unterwegs, sie sind auf der Suche nach Sinn – und sie biegen ab: In Richtung weltlichen Vergnügens, das Glück verheißt und doch nur Ablenkung bereit hält. In Richtung einfacher, innerweltlicher Lösungen, die die Sehnsucht ein bisschen beruhigen aber nicht stillen können. In Richtung anderer „Orientierungspunkte“, die aber von Gott weg führen werden.

Das Bild von den Schafen, die keinen Hirten haben, passt also sehr gut – vielleicht mit einer kleinen Erweiterung: Die Menschen suchen sich Hirten, es sind aber keine guten! Und wie sollte da unsere Reaktion sein, die wir sehen, wie die Menschen ohne Hirten auskommen müssen? Kann es eine andere Reaktion sein als die von Jesus selbst? Jesus „hatte Mitleid mit ihnen“ – Und auch wir sollten nicht einfach hinterher winken. Wir sollten uns nicht einfach mit dem Respekt vor der Lebensentscheidung zufrieden geben. Was wir brauchen ist in der Tat eine missionarische Kraft, die auch diejenigen erreicht, die dem Glauben fern stehen – nebenbei auch denen, die noch Mitglieder der Kirche sind. Und das bedeutet auch, den verlorenen Schafen hinterherzulaufen – sie zu suchen und sie zurück zu bringen. Ohne Jesus wird uns das nicht gelingen. Der Spagat besteht darin, die Menschen zu erreichen, selbst dann, wenn sie die Botschaft, die nicht veränderbar ist, nicht hören wollen.

Eine Lösung habe ich dafür auch nicht, mir selbst fällt es mitunter schwer, die Botschaft zu vermitteln, jedenfalls bei denen, die sich nicht interessieren oder eine oberflächliche Ablehnung vor sich her tragen. Vielleicht bleibt nur das Zeugnis im Leben, vielleicht die Offenheit für Gespräche, auch und gerade wenn sie uns unangenehm sind. Eines scheint aber mit Blick auf die Zahlen deutlich zu werden: Ein Modernisierungskurs ohne Rücksicht auf Bibel und Überlieferung verspricht ebensowenig eine Besserung wie ein sich Fügen in das Schicksal einer gesellschaftlichen Nieschenfunktion unserem Evangelisierungsauftrag entspricht. Ein Satz von Kardinal Marx ist sicher richtig, wenn auch etwas sehr kurz:

Das Evangelium Jesu Christi, das wir verkünden, ist im Kern eine Botschaft, die den Menschen wirklich befreit.

Ob wir es schaffen, diese Botschaft so zu vermitteln? Ob wir das mit geändertem Familienbild oder Anpassungen der Morallehre schaffen? Ob wir das mit innerkirchlichem Streit um Messformen, mit Lagerbildung und Schuldzuweisungen schaffen? Ob wir selbst wie befreite Menschen wirken? An meinem Arbeitsplatz hängt ein Spruch vom Heiligen Franziskus: „Bemüht Euch, immer Freude zu haben, denn es steht dem Diener Gottes nicht gut an, vor seinem Bruder oder einem anderen Traurigkeit oder ein besorgtes Gesicht zu zeigen!“ Wem das nicht gelingt – und mir gelingt es nur selten – der muss sich nicht wundern, wenn ihm nicht abgenommen wird, dass es tatsächlich eine frohe Botschaft ist, die er zu verkünden hat. Die Austrittszahlen des letzten Jahres, wie auch schon die der vorhergehenden, sind Weckrufe an eine lahmende Christenheit. Sie lassen sich im Trend nicht einfach mit einem Missbrauchsskandal oder einem Bischof, der ein etwas groß geratenes Diözesanzemtrum baut, erklären. Das wäre schon bequem, einfach weil diese Gründe von mir weg weisen.

Die Wahrheit aber ist: Diese Menschen verlassen die Kirche, weil sie in ihr keine Hirten gefunden haben, die glaubhaft machen konnten, dass sie nur das Beste, die Freundschaft zu Jesus selbst, vermitteln. Und diese Hirten sollten nicht nur Priester und Bischöfe sein, dieser Auftrag gilt uns allen.

Zuerst erschienen auf papsttreuerblog.de

Sven von Storch

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