Kindergarten_ Es geht nichts über eigene Erfahrungen
Kindergarten_ Es geht nichts über eigene Erfahrungen
Datum: 20.04.2015, 14:12
Ich hatte es bereits geschrieben: Unser Großer ist aus dem Kindergarten abgemeldet. Die katholische Einrichtung, in der er bislang halbtags betreut wurde, ist vermutlich keine schlechte ihrer Art – aber das sagt mehr über die anderen Einrichtungen aus als über diese. Bis zum Monatsende ist der Beitrag aber noch bezahlt und so habe ich mich mit unserem Sohn am Samstag aufgemacht zu einem “Vater-Kind-Tobe-Tag”, beginnend um 10:00 Uhr, endend um 13:00 Uhr. Das Positive vorweg: Es hat Spaß gemacht, Paulus und ich haben die gemeinsame Zeit genossen … und neue Spiele gelernt. Und auch der Begleiter, Werner mit Vornamen, den Nachnamen habe ich leider vergessen, hat das toll gemacht: Niemand, weder Väter noch Kinder, wurden zur Teilnahme an irgendwas gezwungen. Sicher auch lehrreich für Väter, die gar nicht verstehen können, wenn ihr Sohn oder ihre Tochter ein Spiel partout nicht mitspielen will.
Rund fünfzehn Kinder im Alter zwischen 3 und knapp 6 habe ich gezählt, eine typische Altersstruktur also in Kindergärten ohne (!) U3-Betreuung also. Werner wies direkt darauf hin, dass das eigentlich etwas viele Teilnehmer seien, zukünftig müsse man die Teilnehmerzahl wohl auf maximal zehn begrenzen. Notiz für den Hinterkopf: In seiner bisherigen Gruppe im Kindergarten werden in einer ählichen Raumgröße 25 Kinder betreut!
Und los ging es mit Spielen, die sowohl die Kinder als auch die Väter einbezogen, zwischendurch zwei kurze Pausen. Die Spiele – vermutlich haben die auch einen Namen, den ich aber nicht kenne oder mich nicht erinnere, und die zu erläutern jetzt zu weit führen würde – waren teils laut, teils eher ruhig, die meisten mit Bewegung verbunden, meist paarweise mit den Vätern, ab und zu auch gemeinsam mit allen zu spielen. Zur Mitte der Veranstaltung dann die ersten Ausstiege: Manchen Kindern war offenbar der Rahmen des Tages zu viel, sie wollten nach Hause. Gut, dass Werner die Väter dann ermutigt hat, auch zu gehen, wenn die Kinder wirklich nicht mehr wollten. Notiz für den Hinterkopf: Wer schickt eigentlich Kinder aus dem Kindergarten nach Hause, wenn sie nicht mehr wollen? Nebenbei: Die Kinder, die nach Hause wollten, waren Kinder aus diesem Kindergarten, einen solchen “Alltag” also offensichtlich gewohnt (vielleicht aber am Freitag dann auch an ihrer Leistungsgrenze angekommen).
Für die Väter gab es dann noch einen Film von etwa 45 Minuten Länge, in dem es um den Umgang mit der sogenannten “Brüll-Falle” ging: Wenn Kinder nicht auf uns hören, werden wir lauter, fangen oft an, sie irgendwann anzubrüllen, die Kinder lernen diese Reaktion selbst, beginnen zu brüllen, wenn sie etwas wollen, wir geben dann um der Ruhe willen nach … Voilà, die Brüll-Falle. In dem Film wurden Erklärungen und Auswege aufgezeigt – wirklich bemerkenswert sich klar zu machen, dass Kinder nicht deshalb nicht auf uns hören, weil sie uns ärgern wollen, sondern weil sie so im Spiel vertieft sind, dass sie nicht hören können (!) was sie nicht hören wollen – und kurz, wirklich sehr kurz, unter den Vätern diskutiert. In der Zwischenzeit waren die Kinder im Außengelände des Spielplatzes von einer Erzieherin des Kindergartens betreut. Notiz für den Hinterkopf: Das macht die auch in ihrer Freizeit!
Unserem Paulus hat es gefallen, er hat auch nicht jedes Spiel mitgemacht, und ich bin ein bisschen stolz auf ihn, dass er seinen eigenen Kopf hat und Dinge, die ihm unsinnig erscheinen, einfach nicht tut. Er räumt zu Hause sein Spielzeug auf, wenn er muss, aber wenn ich ihn auffordern würde, ohne Grund auf einem Bein zu hüpfen, schaut er mich ebenso verständnislos an, wie ich es tun würde, wenn mein Chef das von mir verlangen würde. Auch ich fand die drei Stunden angenehm – aber wir waren beide ziemlich erschlagen, als wir wieder zu Hause angekommen sind! Nach nur drei Stunden, und wohlgemerkt, unser Junge war im Gegensatz zu den anderen, einigermaßen ausgeruht.
Was lerne ich daraus? Kann schon sein, dass Kindergärten sich für manche Kinder eignen, aber 25 Kinder in einer Gruppe mit zwei Erzieherinnen sind für die Betreuung von Kindern – auch über 3 – nicht akzeptabel. Wir hatten – zugegeben in einem etwas speziellen Rahmen – 15 Kinder in 1:1- oder 1:2-Betreuung (letzteres bei Geschwisterkindern), die Geräuschkulisse war zu laut und der Leiter meinte, es seien zu viele Kinder … noch Fragen?
Kann auch sein, dass manche Kinder, wenn sie sonst gar keinen Kontakt zu Gleichaltrigen hätten, von anderen Kindern profitieren. Aber ich bin froh, dass wir individuell auf unseren Sohn eingehen können, ihn erziehen, wo es notwendig ist, ihm Freiheit lassen, wo es gut ist, und er mit anderen Kindern spielen kann und mit ihnen zu spielen “lernt” ohne gezwungen zu werden. Ein Kindergarten kann eine solche Individualität schlicht nicht liefern. Dafür kann keine Erzieherin etwas, aber niemand sollte meinen, dass so ein Umfeld nur deshalb das beste wäre, weil es die Kindergartenorganisation nicht anders zulässt. Gut möglich, dass er im letzten “Kindergartenjahr” vor der Schule noch mal einen Kindergarten besuchen wird, aber so wie er sich entwickelt und sich gegenüber anderen Kindern verhält, sehe ich keine zwingende Notwendigkeit.
Und es kann schon sein, dass sich Kindergärtnerinnen allergrößte Mühe geben, mit ganz viel Herzblut bei der Sache sind, ihnen die Kinder auch ans Herz wachsen. Aber bei gegebenen Betreuungsspannen hat es eine Erzieherin in dieser Einrichtung mit 10-13 Kindern zu tun – wie viel Zeit für Individualität, wie viel Zeit für Rücksicht auf die Besonderheiten eines Kindes (und nicht eines zu klein geratenen Erwachsenen) kann da bleiben? Und selbst wenn: Welchen Zweck sollte es haben, wieso sollte es gut sein, wenn ein so kleines Kind eine Beziehung zu einer Erzieherin wie zu einer Mutter oder einem Vater aufbaut?
Paulus und ich hatten einen schönen Vormittag im Kindergarten … und ich bin noch mehr überzeugt als vorher, dass wir die richtige Entscheidung getroffen haben, ihn dort abzumelden!
Nachtrag – Dialog zwischen Paulus (P) und mir (F) auf der Rückfahrt
F: Und, war das eine gute Zeit?
P: Ja, war toll!
F. Was hat Dir denn am meisten Spaß gemacht?
P: [Nennt ein Spiel]
F: Und, willst Du [Name eines anderen Kindes, mit dem er gespielt hat] wieder sehen oder mal einladen?
P: Ja.
F: Jetzt warst Du ja nach einer ganzen Weile das erste mal im Kindergarten – hat’s Dir gefallen?
P: Ja.
F: Und, willst Du nicht vielleicht doch wieder regelmäßig hingehen?
P: Nein! [Rufzeichen im Gesicht und in der Stimmlage]
Beitrag erschien auch auf: papsttreuerblog.de
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