Feindesliebe und Selbstverleugnung_ Käßmann hat Recht … und Unrecht!
Feindesliebe und Selbstverleugnung_ Käßmann hat Recht … und Unrecht!
Datum: 30.03.2016, 11:33
Was man als Christ gar nicht gerne hört, ist der Vorwurf, unchristlich zu denken oder zu handeln. Die normale – menschliche – Reaktion ist dann, diesen Vorwurf erst mal rundheraus abzulehnen, sich im Zweifel auf die Suche zu begeben, warum das eigene Handeln genau dem entspricht, wie Jesus selbst handeln würde. Das ist für viele normale Fragestellungen auch gar nicht so kompliziert: Mit den Zehn Geboten und der Bergpredigt hat man schon eine ganze Menge erledigt, nimmt man noch die Hinweise aus den Ankündigungen zum Gericht hinzu, kommt man im Leben schon recht weit. Andere Dinge sind weitaus schwieriger zu fassen, einfach weil der damalige Kontext – zu Moses oder zu Jesu Zeiten – ein ganz anderer war und man sich schwertut mit einer Übertragung. Als Beispiel mag die Gentechnik dienen, die helfen kann, den Hunger in der Welt zu lindern, die aber auch Risiken birgt und einen menschlichen Eingriff in die Schöpfung darstellt, dessen Legitimität man anzweifeln kann. Was würde Jesus tun? Gar nicht so leicht zu sagen!
Und genau vor dieser Schwierigkeit steht jeder, der sich mit islamistischem Terror und seinen Greueltaten auseinandersetzt. Die normale – menschliche – Reaktion ist Abscheu und auch das Bedürfnis, Rache nehmen zu wollen. Ich selbst kann mich bei manchen Bildern kaum beherrschen, den Terroristen nicht rundheraus das Menschsein absprechen zu wollen: Wenn man zu allgemeinen menschlichen Eigenschaften auch die Rationalität einerseits und die Empathie mit den Mitmenschen andererseits zählen möchte, sind dann IS-Terroristen Menschen? Bei genauerer Betrachtung fällt mir aber auch auf, dass es sich dabei eher um Ausreden für den Hass gegen diese Schlächter handelt als um eine theologische oder philosophische Betrachtung des Menschseins: Auch ein IS-Terrorist ist ein Mensch, ein Geschöpf Gottes und – auch wenn es mir manchmal schwerfällt, das so anzunehmen – von Gott geliebt! Man sieht schon deutlich: Es gibt keine einfachen Antworten auf solche Themen!
Andererseits besteht auch kein Zweifel: Gewaltbereite Islamisten hätten keine Hemmungen, uns – mich ganz persönlich – in die Luft zu sprengen, zu foltern und zu töten, wenn sie die Gelegenheit dazu bekämen. Bei solch einem Menschen von einem Menschenfeind zu sprechen, einem Feind der Christen, einem Feind dessen, was ich unter Menschlichkeit verstehe, ist also nicht abwegig. Und was sagt Jesus über unsere Feinde? Genau dass, was auch Margot Käßmann sagt: „Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters im Himmel werdet; denn er lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten, und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. […] Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist.“ (Matthäus 5,43-45;48)
Das sind ziemlich „gemeine“ Sätze, weil man an Ihnen nicht vorbei kommt und man auch andere Aussagen Jesu nicht so hinbiegen könnte, als dass sie Gewalt gegen meine Feinde legitimierten. Dazu passt auch noch ein anderer Satz Jesu, den man sich als Christ hinter die Ohren schreiben muss: „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen. Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sein Leben einbüßt? Um welchen Preis kann ein Mensch sein Leben zurückkaufen?“ (Matthäus 16,24-26) Das eigene irdische Leben zu retten kann also das ewige Leben kosten. Das bedeutet nicht, dass nicht auch ein Mörder, der davon überzeugt ist, das richtige zu tun oder der zumindest bereut, durch Gottes Barmherzigkeit das ewige Leben erlangen kann – aber zuträglich ist das ganz sicher nicht!
Seine Feinde zu lieben und sich selbst zu verleugnen: Das sind die beiden Ansprüche, die Jesus an uns richtet, und die – so ein Mist aber auch – auf die Situation mit den islamistischen Terroristen ziemlich gut passen. Was würde also Jesus tun? Wenn ich ehrlich bin, fehlt mir die Phantasie, Jesus im Kampfanzug gegen IS-Kämpfer antreten zu sehen (bei aller Vorliebe für alttestamentarische Formulierungen wie „Der Herr ist ein Krieger, Jahew ist sein Name“ (Exodus 15,3)). Mir fehlt aber genau so die Phantasie, das Jesus mit den Worten „Liebt Eure Feinde“ tatenlos zusieht, wie andere Menschen von Bomben zerfetzt oder gefoltert werden, Kinder geköpft und ermordet werden. Da steht die Liebe zu den Menschen in einem Konflikt mit der Liebe zu den Feinden der Menschen. Leider gibt die Bibel keinen Hinweis auf eine vergleichbare Situation, in der Jesus entsprechend hätte handeln müssen. Am ehesten mag noch die Konfrontation mit der Ehebrecherin zu vergleichen sein, die gesteinigt werden sollte. Aber auch hier: Jesus hat durch seine Worte, die die Menschen offenbar berührt haben, diese Steinigung verhindert. Was aber, wenn sie nicht hätten hören wollen, wenn er einfach nur Zeuge einer Steinigung geworden wäre, und man ihn gar nicht – in boshafter Absicht – nach seiner Meinung gefragt hätte?
Vielleicht muss man die entsprechenden Bibelstellen aber auch anders lesen, nämlich als sehr persönlichen Anspruch Gottes gegen mich selbst, nicht anonym gegen die Menscheit. Ich bin aufgefordert, meine Feinde zu lieben – zu denen ich auch Terroristen zählen würde -, ich bin persönlich aufgefordert, für sie zu beten. Das ist eine Sache zwischen Gott und mir, und diese Beziehung ist eine andere als die zwischen Ihnen und Gott, oder die eines anderen Christen und Gott, ganz sicher eine andere als die zwischen einem Atheisten und Gott. So kann ich von niemandem verlangen, dass er den IS einfach gewähren lässt, es ist nicht angemessen, ein gewaltsames Stoppen des IS zu verurteilen, solange diese Gewalt den Taten, der Verhinderung solcher Taten, die den Menschen feindlich gesinnt sind, angemessen ist. Ich kann – vielleicht sollte ich sogar – den Anspruch an mich haben, wenn ich einem IS-ler gegenübertreten müsste, der es nur auf mich abgesehen hat (zugegeben eine recht theoretische Situation) mich selbst zu verleugnen, mich quasi zu opfern für das Seelenheil dieses Menschen. Aber schon, wenn er androht, anschließend das kleine Kind neben mir umzubringen, treffe ich mit einer solchen Entscheidung eine gegen dieses Kind. Und wenn man als Gemeinschaft die Entscheidung treffen sollte, nicht mit Gewalt gegen den IS vorzugehen, dann trifft man eine Entscheidung gegen eine Menge Kinder und andere Opfer dieser Terroristen.
Die christliche Überzeugung und die allgemeine Erfahrung ist, dass man echten Frieden nicht „herbeibomben“ kann. Darum wird es nie ausreichend sein, den IS – soweit das überhaupt möglich ist – militärisch zu besiegen. Es wird vor allem dann nicht ausreichend sein, wenn dieses militätische Einschreiten mit Hass und aus Rache geschieht. Die Opfer des IS einfach ihrem Schicksal zu überlassen, ist aber auch so wenig hilfreich wie es christlich ist. Vielleicht hilft da das katholische „et – et“, das „sowohl als auch“: Sowohl mit militärischen Mitteln gegen einen weiteren Genozid an Christen und andersgläubigen Muslimen vorzugehen als auch für sie zu beten und sie im Grunde zu lieben. Wenn Frau Käßmann die Gefahr des Hasses auf Seiten der Verteidiger des Westens sieht, dann ist ihr Hinweis auf notwendige Liebe und Gebet also durchaus berechtigt. Wenn es ihr um einen fundamentalistischen Pazifismus auf Kosten anderer geht, dann verteidigt sie mit ihren Worten nur eine verquere Weltsicht, die mit dem, was Jesus tun würde, auch nichts zu tun hat. Feinde zu lieben und für sie zu beten ist zutiefst christlich – das als Vorwand zu nehmen, die Opfer von Gewalt sich selbst zu überlassen, ist es nicht!
Beitrag zuerst erschienen auf papsttreuerblog.de
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