Der Papst, ein Kommunist_
Der Papst, ein Kommunist_
Datum: 07.07.2014, 09:34
Ein Gespenst geht um in der katholischen Kirche, das Gespenst des Kommunismus. Schon in seinem Apostolischen Schreiben „Evangelii Gaudium“ hat sich der Papst als Kapitalismuskritiker hervorgetan, der Maßnahmen gegen einen ungefesselten Markt fordert, gegen eine Wirtschaft, die wie er sagt, tötet. Auch seine Tiraden gegen Korruption und menschenverachtende Politik zum Beispiel gegenüber Flüchtlingen nährten den Verdacht, ein Kommunist könnte das höchste weltliche Amt der katholischen Kirche geentert haben.
Vielleicht aus diesem Grund ist die italienische Tageszeitung „Il Messagero“ jetzt vorgeprescht und hat den Papst im Interview mit offenem Visier auf dieses Thema angesprochen: Ist er nun ein Kommunist oder ist er keiner? Leider sind die Widergaben der Interviewergebnisse ein bisschen unterschiedlich und ich möchte gerne einfach mal zwei davon wiedergeben, nämlich die der deutschen und die der englischen Redaktion von Radio Vatikan:
Zunächst der Beitrag des englischen Radio Vatikan:
Pope Francis was asked how he would respond to being called “a communist.” “I would only say that the Communists have stolen the banner… The banner of the poor is Christian; poverty is at the heart of the Gospel.” The cause of the poor is pre-eminently a Christian cause. The Gospel cannot be understood “without understanding real poverty.” At the same time, the Pope said there is also a “very beautiful ‘poverty of the spirit’,” being poor in the sight of God because God fills you up. The Gospel, in fact, is addressed indiscriminately to the poor and to the rich and "does not at all condemn those who are rich,” but rather condemns their riches when they become the objects of idolatry.
Und hier die deutsche Version:
Sie gelten als kommunistischer und populistischer Papst. Die Zeitschrift „Economist“ hat Ihnen eine Titelseite gewidmet und festgehalten, Sie sprechen wie Lenin. Erkennen Sie sich wieder?
„Ich sage nur, die Kommunisten haben uns die Fahne geraubt. Die Fahne der Armen ist christlich. Die Armut ist im Mittelpunkt des Evangeliums. Die Armen sind im Mittelpunkt des Evangeliums. Nehmen wir Matthäus 25, die Fragen, nach denen wir gerichtet werden: ich hatte Hunger, ich hatte Durst, ich war im Gefängnis, ich war krank, ich war nackt. Oder sehen wir auf die Seligpreisungen – noch eine Fahne. Die Kommunisten sagen, das alles sei kommunistisch. Ja, sicher, zweitausend Jahre später! Also könnte man ihnen sagen, wenn sie reden: Aber ihr seid doch Christen!“ (Lacht)
Und, ist er nun ein Kommunist? Zunächst mal beruhigt einen die englische Wiedergabe, denn sie macht deutlich, dass es der Kirche natürlich um die Linderung der Not der Armen gehen muss. Deutlich macht der Papst aber auch, dass Reichtum an sich keine Sünde ist, die Reichen nicht „verdammt“ werden, sondern nur der Reichtum verdammt wird (er spricht bezeichnender Weise auch hier nicht von „den Reichen“, die verdammt werden), der angebetet wird. Das altbekannte „Ihr könnt nicht beiden dienen, Gott und dem Mammon.“ (Matthäus 6, 24)
Die deutsche Übersetzung ist da schon ein bisschen widerspenstiger, bestätigt der Papst doch hier die Parallelen zwischen Kommunismus und Christentum. Auch den Kommunisten geht es – so hat es jedenfalls den Anschein, und für die Begründer des Kommunismus wollen wir das mal zu deren Entlastung annehmen – um die Armen. Hatte sich bis zur industriellen Revolution neben den Familien und Gemeinden nur die Kirche um die Armen gesorgt, sollte diese Sorge nun durch den Kommunismus verstaatlicht werden.
Richtig ist also, dass diese Zielrichtung von christlichem Glauben und Kommunismus die gleiche ist: Es geht um die Armen, um die Linderung ihrer Not. Und wenn nun Kommunisten (oder Kritiker des Papstes) sagen, seine Sorge um die Armen mache ihn zu einem Kommunisten, dann ist seine Antwort „Aber Ihr seid doch Christen!“ eigentlich eine Absage an diese These. Ob der Papst das so gemeint hat, kann man natürlich aus der Ferne nicht sagen (der Hinweis, dass der Papst nach seiner Antwort gelacht habe, deutet eher darauf hin, dass er das ganze ohnehin nicht so ganz ernst gemeint hat), aber man kann den Spieß jedenfalls auch zu einem Paradoxon drehen: Ein Kommunist, dem es wirklich um die Armen geht, nicht um eine an Eigeninteressen orientierte Beeinflussung der Gesellschaft, nicht um Macht etc., wer also aus Liebe zu ihnen den Armen helfen will, ohne „die Reichen“ zu bestrafen … der ist eigentlich gar kein Kommunist sondern in seiner Einstellung ein Christ.
Umgekehrt ist ein Christ, der seine Sorge um die Armen mit einer Verurteilung der Reichen verknüpft, Macht erstrebt um die Gesellschaft nach seinen Vorstellungen und unter Anwendung von staatlicher und auch physischer Gewalt umzugestalten, der ist eigentlich kein Christ mehr sondern ein Kommunist. Derjenige, der sich um die Armen sorgt muss also an der Weggabelung entscheiden: Bin ich ein Christ oder ein Kommunist? Dann wird die Frage, ob der Papst ein Kommunist sei ebenso unsinnig wie die Annahme, ein Kommunist sei ein Christ – Christen und Kommunisten unterscheiden sich möglicherweise nicht im Ziel ihres Handelns, sehr wohl aber in der Wahl der Mittel, was nicht zuletzt den Unterschied zwischen einem Glauben an einen liebenden Gott und einer letztlich menschenverachtenden Ideologie ausmacht.
Das macht aus dem Papst – das muss man direkt dazu sagen – andererseits aber auch keinen Wirtschaftsliberalen oder gar Libertären; wie ich schon an anderer Stelle angemerkt habe, liegt die Kernkompetenz des Papstes nicht in der Wirtschaftspolitik. Das muss sie auch nicht, ich gebe aber zu, dass ich es vor diesem Hintergrund bedenklich finde, wenn er oder auch andere kirchliche Verantwortungsträger (wie jetzt der Ökonomische Rat der Kirchen) in dieser Hinsicht Aussagen tätigen, die einer interventionistischen Politik das Wort reden. Diese Aussagen würde ich aber eher einer wirtschaftspolitischen Unkenntnis als einer inneren Überzeugung zuordnen, wie sie die Kommunisten auszeichnet.
Nein, der Papst ist kein Kommunist – ihn treibt, wie es bei jedem Christen sein sollte, die Sorge um die Armen um. In seiner Vorstellungswelt, die in dieser Hinsicht auch von Medien und wirtschaftswissenschaftlichem Mainstream geprägt sein dürfte, liegt die Ursache der Armut in der angeblich freien, in Wirklichkeit aber gefesselten Marktwirtschaft. Das unterscheidet ihn nicht von der Mehrheit der Menschen, die von der österreichischen Schule der Nationalökonomie noch nicht mal ansatzweise gehört haben, geschweige denn, das Gedankenkorsett verlassen können, das den „Markt“ als böse Macht mit dem Mammon als Gottersatz sieht.
Man kann all diesen Menschen und damit auch dem Papst diese Unwissenheit vorwerfen, muss sich aber auch an die eigene Nase fassen, die Botschaft von einer Vereinbarkeit von christlichem Glauben und Marktwirtschaft nicht weiter verbreitet zu haben – nicht unähnlich dem Evangelium, der guten Botschaft Christi, die zu verbreiten wir aufgefordert sind.
Beitrag erschien auch auf: papsttreuer.blog.de
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