_Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft_
_Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft_
Datum: 28.05.2009, 13:38
Es geht dem Verein dabei um Straßennamen, die sich positiv auf das deutsche Kolonialreich beziehen. Ähnliche Initiativen hat es bereits in der Vergangenheit gegeben.
Nun ist der Kolonialismus mit Sicherheit kein Ruhmesblatt der Geschichte - das gilt inbesondere für Großbritannien und Frankreich, aber eben auch für das deutsche Kaiserreich. Ganze Völker wurden während der Kolonialzeit gegen ihren Willen unterjocht. Auch kann es durchaus legitim sein, einer eigentlich unehrenhaften Person, wie zum Beispiel einem Sklavenhändler, eine unverdiente Ehrung - wie die Benennung einer Straße nach ihm - abzuerkennen. Im aktuellen Fall geht es aber offenbar um mehr, als nur darum, ein paar Fehler zu beseitigen. Denn in dem von dem Verein vorgelegten Dossier wird eine Negativliste vorgelegt, die unter anderem Personen enthält, deren Verdienste nicht das Geringste mit der Kolonialzeit zu tun haben.
An erster Stelle steht der "Adenauerplatz", verbunden mit dem Hinweis, dass Konrad Adenauer von 1931 bis 1933 Vizepräsident der Deutschen Kolonialgesellschaft war. Was immer man davon halten mag, Adenauers kurzes Gastspiel in dieser Organisation zu einem Zeitpunkt, zu dem Deutschland bereits überhaupt keine Kolonien mehr hatte, ist angesichts seiner Verdienste um die Bundesrepublik und um die Stadt Köln, in der er während seiner Zeit als Oberbürgermeister im Ersten Weltkrieg durch seine weitsichtige Politik zahlreiche Menschen vor dem Hungertod bewahrte, vollkommen belanglos. Der Adenauerplatz wird zwar nicht explizit zur Umbenennung vorgeschlagen, aber der erste Bundeskanzler der BRD wird hier implizit in eine Reihe mit Sklavenhändlern und Rassisten gestellt.
Zudem kann das Handeln einer Person nur aus der Zeit heraus, in der sie gelebt hat, beurteilt werden. Selbstverständlichkeiten des Alltags, über die man kaum nachdenkt, können von einem Tag auf den nächsten ins Kreuzfeuer schwerster Kritik geraten, wie Ihnen bestimmt der ein oder andere Ostdeutsche oder Russe bestätigen kann. Und selbst in Zeiten von Breitbandinternet und 24-Stunden-TV ist unsere Kenntnis über Afrika meist ausgesprochen beschränkt. Das rechtfertigt zwar noch keine Kolonialpolitik, aber davon auszugehen, dass allen Beteiligten alle Exzesse in den Kolonien bekannt waren, ist nicht realistisch.
"Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft", schrieb George Orwell in seinem berühmten Roman 1984. Wie wir im Kleinen Schlüsse aus unseren eigenen Erfahrungen ziehen, versucht die Politik im Großen bei ihren Entscheidungen die Ereignisse der Vergangenheit zu berücksichtigen, was wiederum Einfluss auf die Zukunft hat. Das vorherrschende Geschichtsbild trägt also maßgeblich zur weiteren Entwicklung eines Landes bei. Bei Initiativen wie der hier behandelten sollten wir also lieber genau hinsehen, wessen Verdienste geschmälert und wer aus der öffentlichen Wahrnehmung getilgt werden soll.
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