Warum der Papst ruhig im Bundestag sprechen darf
Warum der Papst ruhig im Bundestag sprechen darf
Datum: 20.12.2010, 11:04
Allein jemanden sprechen zu lassen und ihm respektvoll zuzuhören heißt auch noch nicht, dass man ihm zu 100 % zustimmen müsste. Aber selbst seinen Gegnern sollte man zuhören, das kann den eigenen Standpunkt entweder festigen oder verändern, ist jedoch Voraussetzung, für eine wirklich fundierte Auseinandersetzung mit einem Thema. Wer sich entschließt, nur noch demjenigen zuzuhören, der seine vorgefasste Meinung bestätigt, der wird sich nicht mehr weiterentwickeln.
Natürlich stimmt es, dass der Papst sowohl Staatsoberhaupt als auch Oberhaupt einer Religionsgemeinschaft ist und dass diese Funktionen in seinem Fall nicht getrennt werden können. Trotzdem gefährdet eine Papstrede genausowenig eine (in Deutschland nicht in strenger Form existierende) Trennung von Kirche und Staat wie eine Rede der Königin von England es tun würde, die ebenfalls Staatsoberhaupt und Oberhaupt einer Religionsgemeinschaft in Personalunion ist. Denn eine Rede ist nur eine Rede. Wenn die Grenzen von Staat und Kirche tatsächlich rechtlich verschwimmen, wie es zum Beispiel der Fall ist, wenn Bischofsgehälter oder Moscheen aus Steuermitteln bezahlt werden oder wenn das Finanzamt Kirchensteuern eintreibt, ist der Hinweis auf mangelnde Trennung berechtigt. Eine Rede ist aber nur eine Äußerung und kein Gesetz.
Es ist auch sehr wohl ein Unterschied, ob ein iranischer Mullah im Bundestag spricht, oder ob der Papst dies tut. Der Mullah verfolgt aktiv Menschen, der Papst nicht. Es erscheint auch weder besonders gerecht noch besonders weise den Papst für alle Taten oder Untaten sämtlicher Amtsvorgänger verantwortlich machen zu wollen. Ist der aktuelle US-Präsident Barack Obama für den von US-Präsident Richard Nixon verursachten Watergate-Skandal verantwortlich? Königin Elisabeth II. für die Verbrechen der Engländer im Burenkrieg? Der König von Belgien für das, was Leopold II. im Kongo getan hat? Kollektive Verantwortung führt im Gegensatz zur individuellen nicht weiter.
Bei genauerer Betrachtung der Geschichte fällt darüber hinaus auf, dass die Darstellung der Kirche oft sehr undifferenziert ist. So waren etwa katholische Missionare die ersten, die den Indios in Lateinamerika Menschenrechte zugestanden und versuchten, sie vor den Übergriffen der Konquistadoren zu schützen.
Zudem wird die Macht des Papstes oft maßlos überschätzt. Was passiert, wenn sich jemand nicht an die katholische Lehre hält? Nichts. Die Kirche verfügt nicht über das Gewaltmonopol des Staates, der jeden Strafzettel, jedes Bußgeld, jede Zwangsabgabe mit Hilfe eines riesigen Behördenapparats, dem sich niemand entziehen kann, durchzusetzen vermag. Auch wenn es mehr als eine Milliarde Katholiken gibt: In jedem Zwergstaat hat der Regierungschef mehr Möglichkeiten, seinen Willen mit Gewalt durchzusetzen als der Papst.
Selbst in früheren Jahrhunderten war dies nur bedingt anders. Zwar war der Einfluss der Kirche auf die Politik ohne Zweifel bedeutend größer als heute, aber: Die Kirche konnte Heinrich VIII. nicht aufhalten, als er mal eben seine eigene Kirche gründete, und nicht einmal den Mönch Martin Luther konnte sie sich gefügig machen. Kaiser griffen in die Papstwahl ein und ernannten Gegenpäpste.
Zwar hat Renate Künast die Papstkritiker in den eigenen Reihen mittlerweile zurückgepfiffen, doch die Aufmerksamkeit für die grüne Ablehnung des Papstbesuches ist da. Das legt die Vermutung nahe, dass es noch um etwas anderes geht: Die Grünen beanspruchen die moralische Deutungshoheit für sich, die Kirche wird dabei als Konkurrent empfunden. Das zeigte sich auch schon, als der Atmosphärenphysiker Fred Singer, der Teile der Theorie einer durch Menschen verursachten globalen Erwärmung in Frage stellt, die FDP besuchte. Egal, was man vom Papst oder von Fred Singer hält: Es ist nicht Aufgabe der Grünen zu entscheiden, wer sprechen darf und wer eine persona non grata ist. Die Grünen sind nicht die Hüter der absoluten Wahrheit, und es ist ein schlechter Witz, dass sie ihre Bevormundungsstrategie auch noch als Einsatz für die Demokratie zu tarnen versuchen.
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