Von der Kunst, für sich selbst zu sprechen

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Von der Kunst, für sich selbst zu sprechen
Datum: 27.08.2009, 13:53

Alice Schwarzer erklärt freiwillige Prostitution kurzerhand zu einem Mythos und für die Junge Union Olpe ist klar „Niemand infiziert sich freiwillig mit HIV“.

Noch nicht einmal die letzte dieser Annahmen ist richtig.  Eva Maschkes Dokumentarfilm „Ohne Halt“ beleuchtete 2007 das Schicksal mehrerer Homosexueller, die sich vollkommen bewusst mit dem tödlichen Virus angesteckt hatten – auch wenn sie natürlich eine verschwindend kleine Minderheit unter den HIV-Positiven sind, ist ihre Existenz nicht zu leugnen.

Wie die anderen Beispiele zeigen, sind offenbar besonders in Bezug auf Frauen einige Menschen (oft andere Frauen) überzeugt, genau zu wissen, was diese freiwillig tun würden und was nicht – und zwar ausnahmslos immer.  Dabei gibt es kaum etwas auf diesem Planeten, was nicht irgendein Mensch freiwillig tut, so abwegig und widerwärtig es anderen auch erscheinen mag.  Wenn Sie das bezweifeln, denken Sie an den Fall des so genannten „Kannibalen von Rotenburg“, dessen Opfer sich ihm freiwillig zwecks Verstümmelung und Verzehr zur Verfügung stellte.

Das sich die grundsätzliche Unfreiwilligkeit einer bestimmten Handlung so gut wie nie belegen lässt, ist allerdings noch lange kein Grund, alles zu erlauben, was freiwillig geschieht.  Für ein Burkaverbot etwa gibt es gute Argumente: In Geschäften und Behörden und auch in Einrichtungen wie Krankenhäusern und Schulen sowie in öffentlichen Verkehrsmitteln müssen die Angestellten und Kunden schon aus Sicherheitsgründen wissen, wer sie betritt und können daher keine Vermummung tolerieren.  Lehrerinnen müssen sehen können, wer Kinder von der Schule abholt und so weiter.  Burkas zu verbieten ist also durchaus legitim – eben weil sie gesellschaftlich unzumutbar sind, weil sie die Rechte anderer Menschen verletzen, auch wenn ihre Trägerinnen sich freiwillig am ganzen Körper verschleiern.

Die Kunst ist zu sagen „Ich will ein Burkaverbot, weil die Burka Schaden anrichtet“, und zu erklären, worin der Schaden besteht.  Wenn Sie einfach eine Behauptung aufstellen wie „Keine Frau trägt die Burka freiwillig“, können Sie nur verlieren – der logistische Aufwand, den es bedeuten würde, sich von allen Frauen auf diesem Planeten die Zustimmung zu so einem Satz einzuholen, ist nämlich nicht zu unterschätzen.  Daher lautet mein abschließender Rat: Vertreten Sie ruhig, was Sie für richtig halten und überlegen Sie sich, warum Sie es für richtig halten, aber machen Sie sich nicht gleich zum Sprecher (oder zur Sprecherin) der gesamten Menschheit.  Sprechen Sie lieber für sich selbst.   

Sven von Storch

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