Liebe Kapitalismuskritiker,
Liebe Kapitalismuskritiker,
Datum: 31.12.2011, 00:22
die in der Wikipedia unter Berufung auf Karl Bachinger, Gerhard Willke und Max Weber aufgeführte Definition „Allgemein begreift man Kapitalismus als eine Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, die auf Privateigentum an den Produktionsmitteln und einer Steuerung von Produktion und Konsum über den Markt beruht. Als weitere Merkmale werden genannt: die Akkumulation und das „Streben nach Gewinn im kontinuierlichen, rationalen kapitalistischen Betrieb“, dürfte seine wesentlichen Eigenschaften zusammenfassen.
Eigenschaften, die erstaunlich nüchtern klingen, wenn man bedenkt, was für Emotionen, vor allem was für einen Hass, schon der Begriff Kapitalismus zu wecken vermag. Gut, dass ein Medium, das sich selbst „scharf links“ nennt, ein Interview mit einem Organisatoren einer Silvesterdemo in Stuttgart veröffentlicht, der Sachen von sich gibt wie „[...] das herrschende Rechtssystem ist darauf ausgelegt, jedes eigenmächtige Handeln dieser Mehrheit, das die Eigentums- und Machtverhältnisse untergräbt, konsequent zu bestrafen und zu unterbinden. Dabei ist ganz egal ob die „Täterinnen und Täter“ aus Verzweiflung, Wut oder Überzeugung handeln.
Dieses System ist organisierte Ungerechtigkeit und Entmündigung. Unsere Antwort lautet daher: Solange der Kapitalismus besteht, werden wir ihm keinen Frieden gönnen!
No Justice, No Peace …“, mag so überraschend nicht sein, aber Kritik am Kapitalismus geht weit über die radikale Linke hinaus. So bezeichnet die „Grüne Jugend Niedersachsen“ den „menschenfeindlichen Antikapitalismus“ zwar als „noch schlimmeres System“ als den Kapitalismus, will aber dennoch den „Kapitalismus überwinden“. Vor allem die „soziale Ungleichheit“ schmeckt den Mitgliedern der grünen Jugendorganisation nicht, auch vom Fortschritt haben sie ihre ganz eigene Vorstellung: „[... ] wir kritisieren seine zwangsläufig unermüdliche Dynamik des Fortschritts, die einen Entwicklungsstand als immer währende Voraussetzung für eine gedachte zivilisatorische "Weiterentwicklung" sieht. Technische Innovation muss konkrete menschliche Bedürfnisse befriedigen und nicht Zweck einer weiteren Verwertungslogik sein - auch außerhalb von industriellem Einsatz in den sozialen Beziehungen.“ Wie genau die Überwindung des Kapitalismus aussehen soll, wollen uns die Nachwuchspolitiker aber trotzdem nicht verraten. „Schlussendlich können und wollen wir nicht sagen, wie wir uns ein anderes Gesellschaftssystem fernab des Kapitalismus bis ins letzte Detail vorstellen. Zu viele linke Vorschläge sind in der Geschichte daran gescheitert, dass sie zuerst autoritär erdacht und dann direkt umgesetzt wurden. Jede_r von uns ist Teil dieser Gesellschaft und wir werden von dieser Gesellschaft geprägt. Wir können uns gar nicht ausmalen unter welchen Verhältnissen Menschen vielleicht in Tausend Jahren leben werden. Wir wissen nur, dass wir nicht an das "There-is-no-alternative"-Prinzip glauben. Es gibt Alternativen zum Kapitalismus. Unser Weg zur Überwindung des Kapitalismus ist ein Weg der Negation, ein Weg der Auseinandersetzung, ein Weg des Diskurses und des gemeinsamen Entwickelns einer neuen politischen Idee“, heißt es auf ihrer Internetseite. Auch „Attac“, die „Naturfreundejugend“ und natürlich „Die Linke“ würden gern den Kapitalismus überwinden. Die Argumente sind bekannt: Das verhasste System begünstige Armut, Ungleichheit und Umweltzerstörung, eine gerechtere Gesellschaft sei möglich.
Begünstigt der Kapitalismus aber wirklich Armut? Werden einige Wenige reich auf Kosten Vieler, die immer ärmer werden? Wenn man sich einer der Definitionen der relativen Armut bedient, kann dies zumindest insofern zutreffend sein, als dass bei diesen ein Wohlstandswachstum bei den finanziell besser Gestellten die „Schere zwischen Arm und Reich“ weiter auseinander gehen lässt. Ein etwas anderes Bild ergibt sich, wenn man den Menschen in den Mittelpunkt stellt und zwei ausgesprochen aussagekräftige Indikatoren miteinander vergleicht: Die Säuglingssterblichkeit und die Lebenserwartung. Besonders hoch ist die Säuglingssterblichkeit im weltweiten Vergleich in Angola, Afghanistan, Niger, Mali und Somalia. Besonders niedrig ist sie hingegen in Japan, Schweden, Bermuda, Singapur und Monaco. Die Lebenserwartung ist in Monaco, Macao, San Marino, Andorra und Japan besonders hoch, in Swasiland, Tschad, Nigeria, Afghanistan und Angola besonders niedrig. Damit steht also die Steueroase Monaco, gleichzeitig Glücksspielparadies und Banken- und Finanzplatz besonders gut da. Kein allzu schlagkräftiges Argument für die Überwindung des Kapitalismus. Mal angenommen, man könnte größere soziale Gleichheit schaffen, indem man zum Beispiel jedes Einkommen, das oberhalb von 120.000 Euro jährlich liegt, komplett wegbesteuert, dafür aber eine höhere Säuglingssterblichkeit in Kauf nimmt, wäre das auch für die Verfechter größtmöglicher sozialer Gleichheit in der Regel wohl kein akzeptabler Preis. Dieses Beispiel ist auch keineswegs völlig aus der Luft gegriffen, so haben Bill Gates und Warren Buffett beide Milliarden für Gesundheitsprojekte gespendet – wenn ein beliebiger Staat dieselben Summen an Steuern eingezogen hätte, wäre zwangsläufig ein großer Teil des Geldes für Verwaltungskosten verwendet worden.
Zudem können Produktionsmittel, wenn sie nicht in privater Hand sind, logischerweise nur unter der Kontrolle irgendeiner Verwaltung stehen. Damit aber ist allzu oft der Willkür Tür und Tor geöffnet. Denn in diesem Moment sind diejenigen, die auf die mit den Produktionsmitteln hergestellten Produkte angewiesen sind, nicht mehr Kunden, sondern von dem Willen eines Verwaltungsbeamten abhängige Untertanen. Ein Unternehmer, der seine Produkte in Konkurrenz zu anderen Unternehmern absetzen muss, handelt äußerst unklug, wenn er etwa nicht an Menschen einer bestimmten Hautfarbe verkauft. Ein Verwaltungsbeamter kann nur durch entsprechende Vorschriften an einem derartigen Verhalten gehindert werden, aber diese lassen sich ändern. Auch besteht für den Beamten keine Notwendigkeit, an einer ständigen Verbesserung der Produkte zu arbeiten. Da in einem solchen System sehr viel seltener Verbesserungen, also auch sehr viel seltener Effizienzgewinne erzielt werden, ist darüber hinaus von einer höheren Umweltbelastung auszugehen. Also, liebe Kapitalismuskritiker, welche konkreten Alternativen habt ihr anzubieten?
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