Die totale Erziehung oder Präventionismus
Die totale Erziehung oder Präventionismus
Datum: 22.07.2009, 13:51
Das zumindest könnte man angesichts des letzte Woche in den Nachrichten kursierenden Vorschlags der Bundesdrogenbeaufragen Sabine Bätzing annehmen. Bätzing hatte einen Anti-Alkohol-Unterricht in Form eines flächendeckenden Schulunterrichts für ein gesundes Leben gefordert.
Der Lehrerverband hat diese Idee mittlerweile als "naives Patentrezept" zurück gewiesen und damit den Nagel auf den Kopf getrunken. Nicht, dass Komasaufen ein unproblematisches Hobby wäre. Auch zu meiner Schulzeit wurde getrunken und auch zu dieser Zeit gelang es einigen, sich eine ausgewachsene Alkoholvergiftung anzutrinken, die medizinische Behandlung erforderte (auf die Titelseiten der Zeitungen schaffte es allerdings damals keiner davon). Wir tranken nicht alle im gleichem Maße maßlos oder maßvoll, aber wir tranken alle. Und wir wussten über die gesundheitlichen Risiken sehr genau Bescheid. Sie waren uns bloß egal.
Ich bin nicht mit Sabine Bätzing zur Schule gegangen, aber ich bezweifle, dass sie in ihrem Umfeld die Erfahrung gemacht hat, dass sich Jugendliche besonders gut durch Ratschläge ihrer Lehrer von riskanten Verhaltensweisen abbringen lassen. "Tu das nicht", wird eher als Herausforderung verstanden. Es geht auch kein 16-Jähriger aus Präventionsgründen ins Fitnessstudio. Die Umstellung des Trainingsziels von "megadicke Arme" hin zu "optimierte Übungen zur Stärkung der Rückenmuskulatur" erfolgt üblicherweise erst, nachdem man eine Weile in einem Bürojob gearbeitet hat und eines Morgens vor Schmerzen kaum aus dem Bett gekommen ist.
Vorschläge wie der von Bätzing sind jedoch nur ein Symptom für eine Geisteshaltung, die inzwischen auf allen Ebenen die Politik durchdringt. Sie könnte als "Präventionismus" oder als "die totale Erziehung" bezeichnet werden. Offenbar sehen viele Politiker die primäre Aufgabe des Staates nicht darin, für eine vernünftige Infrastruktur zu sorgen und die Freiheit des einzelnen Bürgers zu sichern, sondern ebendiesen Bürger von der Wiege bis zur Bahre zu erziehen.
Ein auf die Treppenstufen am Berliner Bahnhof Friedrichstraße geschriebenes Gedicht schreibt mir spielerisch vor, wie ich mich zu ernähren habe, die Damen, die die Gewinnspiele des Fernsehsenders "9live" moderieren, erinnern mich mahnend daran, mein Anrufverhalten zu kontrollieren und würde ich einen Kiosk betreiben, der Lottoscheine annimmt, müsste ich schon jetzt streng darauf achten, Alkohol und Lotto und in Zukunft möglicherweise auch Lotto und Süßigkeiten voneinander zu trennen. Nun mag man die Warnhinweise im Fernsehen noch belächeln, aber im Fall der Kioskbesitzer wird durch solche Auflagen ernsthafter wirtschaftlicher Schaden angerichtet. Dabei müssten sich für die Interessen dieser Unternehmer eigentlich alle Parteien ein Bein ausreißen. Immerhin sind sie gleichzeitig der umworbene Mittelstand und der geschundene kleine Mann, sie schaffen Arbeitsplätze und sie zahlen Steuern.
Doch der Drang zu erziehen ist offenbar stärker. Gefahren aller Art, die es abzuwehren gilt, werden gerne als Rechtfertigungen sämtlicher Maßnahmen genutzt. Wie aber soll mich ein Verbot nächtlichen Alkoholverkaufs an Tankstellen davor schützen, mir den Stoff vor Geschäftsschluss im Supermarkt zu besorgen und mich anschließend betrunken vor den Fernseher zu setzen, dann bei 9live anzurufen und so Alkohol und Glücksspiel miteinander zu verbinden? Sollte der Staat mir da nicht zur Prävention einen persönlichen Aufpasser zur Seite stellen? Angesichts der technischen Entwicklungen der letzten Jahre wäre vielleicht auch die Installation entsprechender Überwachungskameras in allen Räumen meiner Wohnung ausreichend, so könnte ein Beamter mehrere Bürger gleichzeitig vor den Gefahren der bösen Welt da draußen schützen.
Denn den absoluten Schutz gibt es - wenn überhaupt - nur um den Preis der absoluten Überwachung. Was aber könnte unsere Sicherheit mehr bedrohen als ein derartiger Überwachungsstaat in den falschen Händen?
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