Die Polgár-Schwestern, Homeschooling und die Erziehung von Genies

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Die Polgár-Schwestern, Homeschooling und die Erziehung von Genies
Datum: 04.01.2011, 12:32

 der Welt.  Außerdem beherrschen alle mehrere Sprachen – und alle drei wurden von ihrem Vater, dem ungarischen Psychologen und Pädagogen László Polgár zu Hause unterrichtet.

Laszlo Polgar wurde stark durch den amerikanischen Psychologen John B. Watson, dem Vater des Behaviorismus beeinflusst, und geht davon aus, dass Begabungen nicht angeboren sind, sondern anerzogen werden können.  Er befasste sich schon früh mit den Biographien bekannter Genies wie Wolfgang Aamadeus Mozart oder Carl Friedrich Gauß und stellte fest, dass diese schon früh systematisch und intensiv gefördert wurden.  Wie Mozart schon als Vierjähriger stundenlang am Klavier verbrachte, verbrachten auch die Polgar-Schwestern in diesem Alter schon einen Großteil ihres Tages mit Schach.   

Nun deckt sich die reine Lehre des Behaviorismus nicht mit dem aktuellen Forschungsstand in Bezug auf Genetik und Hirnforschung, vielmehr ist mittlerweile weitgehend akzeptiert, dass sowohl angeborene als auch äußere Faktoren bei der menschlichen Entwicklung eine Rolle spielen.  Laszlo Polgar hat zwar eindrucksvoll bewiesen, dass er aus seinen eigenen Töchtern Genies machen konnte, aber das heißt noch nicht, dass er das mit jedem Kind geschafft hätte.  Denn vieles spricht dafür, dass Laszlo und seine Frau, eine Mathematikerin, auch nicht ganz auf den Kopf gefallen sind.  Umgekehrt aber wird ein Schuh daraus:  Ohne eiserne Disziplin, in der Regel verbunden mit intensiver Förderung von außen, vollbringt auch mit den besten Anlagen niemand Höchstleistungen.  Sind diese Voraussetzungen dagegen gegeben, kann man sich selbst mit mittelmäßigen Anlagen weit über den Durchschnitt erheben. 

Bemerkenswert ist außerdem, dass Laszlo den täglichen Schulbesuch für fruchtlos hielt und bei den Behörden lange um eine Sondergenehmigung für den Heimunterricht kämpfen musste.  Das war nicht ganz einfach im sozialistischen Ungarn der 1960er und 70er Jahre, wurde aber schließlich zugelassen.  Kaum vorstellbar, dass sich die Behörden der Bundesrepublik auf so eine Ausnahme einlassen würden.  Überhaupt sind sehr viele Genies nicht zu normalen Schulen gegangen.  Einige wurden in speziellen Internaten ausgebildet, andere zu Hause unterrichtet.

Nun ist der Heimunterricht natürlich für die meisten Familien alles andere als praktikabel.  Die meisten Eltern haben weder die Zeit, noch die Lust noch die Fähigkeiten, um sich das aufzubürden.    Und zudem wird wohl die Mehrheit der Kinder lieber zur Schule gehen, als soviel Zeit zu Hause zu verbringen.  Die große Bedeutung dieser Unterrichtsform bei der Genieerziehung macht aber deutlich, dass die extreme Ablehnung des Heimunterrichts in Deutschland, die in Verbot und Strafverfolgung gipfelt, ein Irrweg ist.  Besser wäre wohl, im Einzelfall Vor- und Nachteile gegeneinander abzuwägen.  Wäre doch schade, wenn uns sonst ein paar Genies verloren gehen würden.  Über Zsuzsa Polgar gibt es übrigens eine interessante Dokumentation mit dem Titel „Unser brillantes Gehirn“, die unter anderem auf YouTube zu finden ist.     

Sven von Storch

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