Die Mißfelder-Buschkowsky-Allianz

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Die Mißfelder-Buschkowsky-Allianz
Datum: 04.11.2009, 14:03

Spüren Sie den kalten Hauch des Neoliberalismus in diesen herzlosen Worten des schnöselhaften Polit-Karrieristen Mißfelder?  Dem sollte man direkt die Worte eines bodenständigen Sozialdemokraten aus Neukölln entgegen stellen:

„Im Klartext: In der deutschen Unterschicht wird es (Anmerkung des Autors: das Betreuungsgeld) versoffen und in der migrantischen Unterschicht kommt die Oma aus der Heimat zum Erziehen, wenn überhaupt.“  (Heinz Buschkowksy (SPD); Bezirksbürgermeister Neukölln im Interview mit dem Tagesspiegel im Oktober 2009)

Fällt Ihnen was aus?  Obwohl Mißfelder sich zu Hartz IV äußert, während Buschkowsky zum ab 2013 geplanten Betreuungsgeld für die Eltern von Kindern unter drei Jahren Stellung nimmt, sind die Aussagen nahezu identisch.  Allerdings wurde Mißfelder für seine Worte scharf angegriffen, während Buschkowsky viel Zustimmung erhielt.

Nun sind beide Aussagen nicht völlig aus der Luft gegriffen.  Der Anteil an Alkoholikern ist unter Hartz IV-Empfängern in der Tat überproportional hoch.  Aber Transferempfänger sind keine homogene Gruppe.  Vollzeitarbeitnehmer, die so schlecht verdienen, dass Sie ihr Gehalt aufstocken, gehören genauso dazu wie alkoholabhängige Langzeitarbeitslose, Hochschulabsolventen, die sich von Praktikum zu Praktikum hangeln genauso wie Jugendliche ohne Schulabschluss und Berufsausbildung.  Eine einheitliche „Unterschicht“ gibt es nicht.  Sowohl Mißfelder als auch Buschkowsky haben in ihren Aussagen pauschale Urteile über eine Gruppe gefällt, die in Wirklichkeit sehr heterogen ist.

Krippen und Eltern

Zum Thema Kinderkrippe für Kinder im Alter von unter drei Jahren:  Ein kleines Kind ist an seine Mutter gebunden und die Mutter an das Kind – das sichert das Überleben des Kindes.  Ein Kind in diesem Alter kann nahezu nichts für sich selbst tun und muss permanent beaufsichtigt werden.  Das ist natürlich mit einer gewaltigen Anstrengung verbunden.  Daher ist es im Interesse des Kindes, wenn diese Anstrengung hauptsächlich von den Personen erbracht wird, denen sein Wohlergehen besonders am Herzen liegt:  Den eigenen Eltern.  Eine Erzieherin in einer Krippe kann natürlich ein Kind professionell wickeln, füttern etc., aber abends geht sie nach Hause und widmet sich ihrem eigenen Leben.  Zudem wird sie zumindest unterbewusst bestimmte Kinder bevorzugen.  Schöne Menschen haben es auch im Kleinkindalter schon leichter als Hässliche – Eltern werden dagegen stets ihrem eigenen Kind, das ihre Gene in sich trägt, den Vorzug geben, egal wie es aussieht.  Wie unterschiedlich die emotionale Bindung zwischen Kind und Erzieherin und Kind und Eltern ist, wird einem auch dann klar, wenn man bedenkt, was der Tod eines Kleinkindes für seine Eltern bedeuten würde, während eine Erzieherin wohl nach kurzer Trauer zur Tagesordnung übergehen könnte.  Noch während der Schulzeit schickt man ein Kind, das plötzlich krank wird, üblicherweise nach Hause zu seinen Eltern – in der festen Überzeugung, das es dort am besten aufgehoben ist.  Die Eltern, denen ihre Kinder egal sind, dürften nach wie vor die Ausnahme sein.  In diesen Fällen, in denen Eltern tatsächlich eine Gefahr darstellen, stellt sich jedoch die Frage, ob in ihrer Obhut überhaupt Kinder aufwachsen sollten  - mit oder ohne Krippenbetreuung.

Krippen und Rentenversicherungen

Auch auf einer anderen Ebene lässt die Debatte um Krippen Ehrlichkeit vermissen.  Das aktuelle Modell, in dem ein Arbeitsplatz mehrere Jahre während der Elternzeit erhalten bleibt, ist ja sehr viel familien- und kinderfreundlicher als das in Ländern wie Belgien praktizierte:  Wenn die berufstätige Mutter eines Kindes dort ihren Arbeitsplatz behalten will, muss sie nach zwei Monaten wieder dort erscheinen und hat daher keine Wahl: Sie muss ihr Kind in eine Krippe geben.  Außerdem stehen in Deutschland für echte Karrierefrauen Betreuungsmöglichkeiten – nicht nur durch Krippen, sondern auch durch Tagesmütter – zur Verfügung.  Bei vielen anderen Berufen, zum Beispiel dem der Kassiererin, ist die Betreuung des eigenen Kindes für nicht wenige die verlockendere Alternative. Die wichtigste Motivation der Politik den Krippenausbau dürfte daher eine finanzielle sein:  Unser Rentensystem ist schon lange im Zusammenbruch begriffen und der lässt sich durch die Beiträge arbeitsfähiger junger Frauen noch ein Stück hinauszögern.

Der Spracherwerb von Kindern mit Migrationshintergrund ist bei Kindern unter drei Jahren ebenfalls kein Argument:  Selbst zehnjährige Kinder sind noch in der Lage, eine fremde Sprache fließend – und oft akzentfrei – ohne großen Mühen zu erlernen.  Hier kann eher der Kindergarten für Kinder ab drei Jahren gute Dienste leisten – sofern dort Deutsch gesprochen wird.

Familiennetzwerk

Das Familiennetzwerk hatte eigentlich nicht Thema dieses Blogs sein sollen, da es jedoch aufgrund der hier zitierten Aussagen einen Strafantrag gegen Heinz Buschkowsky gestellt hat, eine Anmerkung dazu:  Zwar bin ich in dieser Sache anderer Ansicht als Buschkowsky, den ich durchaus für einen bemerkenswerten Politiker halte, lehne aber ein solches Vorgehen grundsätzlich ab.  Wer versucht anderen auf juristischem Weg den Mund zu verbieten, kann keine Meinungsfreiheit für sich selbst in Anspruch nehmen.  Das Familiennetzwerk täte gut daran, seine Anliegen mit Argumenten zu untermauern statt auf eine parteiische Justiz zu hoffen.

 

Anmerkung des Autors vom 7. November 2009:  Herr Buschkowsky hat mich in der Zwischenzeit darauf hingewiesen, dass er in seinem Interview Hartz IV nicht mit Unterschicht gleichsetzt.  Das ist korrekt, auch wenn seine Äußerungen auf mich leicht missverständlich gewirkt haben.

Sven von Storch

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