Die Bildung und der ewig unpassende Auslandsvergleich
Die Bildung und der ewig unpassende Auslandsvergleich
Datum: 19.06.2009, 12:06
Ich möchte an dieser Stelle jedoch nicht näher darauf eingehen, ob ich die in diesem Zusammenhang erhobenen Forderungen im Einzelnen für berechtigt halte oder nicht. Stattdessen möchte ich mich einigen Behauptungen widmen, die bei der Bildungsdiskussion immer wieder aufs Neue zu hören sind:
1. "Wir brauchen mehr Studenten in Deutschland."
Ist das so? Wird es den Standort Deutschland stärken, wenn die Zahl der Diplom-Soziologen und Philosophen (M.A.) weiter zunimmt? Oder sollte man vielleicht so ehrlich sein, zuzugeben, dass nur eine Erhöhung der Absolventenzahl in Fächern wie Medizin, Physik, Maschinenbau und einigen weiteren natur- oder ingenieurswissenschaftlichen Studiengängen einen echten Nutzen hätte?
Und auch wenn Sie darauf hoffen, dass die ständig wachsende Zahl an Soziologen - und auch Juristen - zumindest das Angebot an Taxifahrern verbessern würde, muss ich Sie leider enttäuschen. Stattdessen wächst mit ihnen die Zahl der Integrationssoziologen und die der Gesetze und Verordnungen.
Integrationssoziologen werden von der öffentlichen Hand - also vom Steuerzahler - dafür bezahlt, Zuwanderern bei der Integration in Deutschland zu helfen. Früher gab es diese Berufsgruppe nicht, dafür aber zahlreiche Beispiele für eine gelungene Integration: Bei den Polen im Ruhrgebiet, bei italienischen und griechischen Gastarbeitern, bei vietnamesischen Bootsflüchtlingen und bei Millionen von Vertriebenen aus Pommern und Schlesien. Dass die Integrationserfolge mit den Einführung von Integrationssoziolgen abgenommen haben, ist nur auf den ersten Blick widersprüchlich: Der Verwalter eines Problems kann es nicht lösen wollen, denn er würde seine eigene Existenz gefährden.
Deshalb schaffen zusätzliche Gesetze und Verordnungen auch nur in Ausnahmefällen mehr Gerechtigkeit, aber immer mehr Bürokratie - Sie sind leider allzu oft kaum mehr als eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Juristen.
2. "Im internationalen Vergleich gibt es in Deutschland zu wenig Studenten."
Wahr ist, dass in einigen anderen Ländern mehr junge Menschen eine Hochschule besuchen. Dabei wird aber gerne vergessen, dass das Duale Berufausbildungssystem, wie wir es in erster Linie aus dem Handwerk kennen, als weltweit vorbildlich gilt. Deutsche Handwerker sind gefragt und werden verstärkt vom Ausland abgeworben, was sie von deutschen Diplom-Soziologen unterscheidet. Außerdem werden einige der Ausbildungen, die bei uns im Betrieb stattfinden, im Ausland an Hochschulen angeboten - das erhöht natürlich die Studentenzahl zugunsten des Auslands, ist aber für Deutschland nicht unbedingt ein Nachteil.
3. "In Deutschland schaffen es besonders wenige Arbeiterkinder auf die Uni. Es besteht eine große Chancenungleichheit."
Mal ganz abgesehen davon, dass hier Chancen- und Ergebnisgleichheit gleich gesetzt werden, ist dieses Argument ein interessantes Beispiel dafür, wie man mit Statistik lügt, ohne die Statistik als solche fälschen zu müssen. So besagt eine 2008 veröffentliche Studie der OECD, dass in Deutschland nur 16 Prozent der Studierenden aus Arbeiterfamilien stammen, während es in Spanien und Irland um die 40 Prozent sind.
Spanien und Irland? Spanien galt noch in den 1980er Jahren als Schwellenland und Irland gehörte lange Zeit zu den ärmsten Ländern Europas. Mittlerweile haben diese Länder jedoch einen rasanten Aufstieg erlebt. Als Deutschland in den 1950er Jahren sein Wirtschaftswunder erlebte, stieg auch hier - konstant bis in die 1970er Jahre hinein - die Zahl der Studenten aus Arbeiterfamilien. Mittlerweile sind es aber die Kinder und Enkel dieser Arbeiterkinder, die die deutschen Hochschulen besuchen - und da ihre Eltern bereits studiert haben, tauchen sie in der Statistik als Akademikerkinder auf. Auch in Spanien und Irland wird die Zahl der Studenten aus Arbeiterfamilien wieder sinken, sobald dieser Prozess abgeschlossen ist.
Natürlich ist unser Bildungssystem deshalb nicht frei von Missständen. Wer diese beseitigen will, muss sich aber als erstes frei von ideologischem Denken und Pseudo-Argumenten machen, um überhaupt erkennen zu können, wo diese Missstände tatsächlich liegen.
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