Anmerkungen zum ökologischen Fußabdruck
Anmerkungen zum ökologischen Fußabdruck
Datum: 22.12.2010, 11:27
auf den sich einige gestürzt haben, habe ich nur am Rande erwähnt. Das hat seine Gründe. Denn um voller Entrüstung die Grünen für ihren ökologischen Fußabdruck zu kritisieren, müsste ich mich einem Denken unterordnen, das einen besonders kleinen dieser Fußabdrücke als grundsätzlich erstrebenswertes Ziel anerkennt.
Das tue ich aufgrund einiger einfacher Überlegungen inzwischen nicht mehr.
Unter dem Ökologischen Fußabdruck wird die Fläche auf der Erde verstanden, die notwendig ist, um den Lebensstil und Lebensstandard eines Menschen (unter Fortführung heutiger Produktionsbedingungen) dauerhaft zu ermöglichen. Das schließt Flächen ein, die zur Produktion seiner Kleidung und Nahrung oder zur Bereitstellung von Energie, aber z. B. auch zum Abbau des von ihm erzeugten Mülls oder zum Binden des durch seine Aktivitäten freigesetzten Kohlendioxids benötigt werden, so die Definition laut der Wikipedia. Unter Daten und Fakten heißt es in dem Online-Lexikon weiter:
„Die weltweit verfügbare Fläche zur Erfüllung der menschlichen Bedürfnisse wird nach Daten des Global Footprint Network und der European Environment Agency insgesamt um 23 % überschritten. Danach werden bei gegenwärtigem Verbrauch pro Person 2,2 ha (Hektar) beansprucht, es stehen allerdings lediglich 1,8 ha zur Verfügung. Dabei verteilt sich die Inanspruchnahme der Fläche sehr unterschiedlich auf die verschiedenen Regionen. Europa (EU25 und Schweiz) beispielsweise benötigt 4,7 ha pro Person, kann aber nur 2,3 ha selber zur Verfügung stellen. Dies bedeutet eine Überbeanspruchung der europäischen Biokapazität um über 100 %. Frankreich beansprucht demnach annähernd das Doppelte, Deutschland etwa das Zweieinhalbfache und Großbritannien das Dreifache der verfügbaren Biokapazität. Ähnliche Ungleichgewichte finden sich auch zwischen Stadt und Land.
Die USA brauchen etwa 9,7 ha, Großbritannien 5,6 ha, Brasilien 2,1 ha, die Volksrepublik China 1,6 ha und Indien 0,7 ha für eine Person (2002).“
Ich halte dieses Konzept für innovationsfeindlich und wenig aussagekräftig, was den Zustand der Umwelt betrifft. Stellen wir uns vor, wir würden in einer Jäger- und Sammlergesellschaft leben. Plötzlich würde einer von uns ausscheren. Statt auf die Jagd zu gehen, würde er ein Stück Wald roden, darauf einen Acker anlegen und diesen bewirtschaften. Sein ökologischer Fußabdruck – insbesondere in Bezug auf den Flächenverbrauch – wäre gigantisch im Vergleich zu uns anderen. Aber er hätte gewaltig zum Fortschritt beigetragen und könnte alleine mehr Menschen über den Winter bringen als zehn Jäger. Der ökologische Fußabdruck geht davon aus, das Ressourcen nicht nur endlich sind, sondern dass sich ihre Endlichkeit auch nahezu exakt berechnen lässt. Das erscheint auf den ersten Blick logisch, ist es aber nicht. So hat zum Beispiel jede Konservierungstechnik, die im Laufe der Jahrtausende entdeckt wurde, die Nahrungsversorgung verbessert. Sehr große Revolutionen der letzten 200 Jahre in dieser Hinsicht waren die Nutzung elektrischen Stroms, mit dessen Hilfe man selbst im heißesten Sommer noch Nahrung im Tiefkühler frisch halten kann und die Entwicklung ertragreicherer Getreidesorten. Selbst die Menge des verfügbaren Trinkwassers ist durch Innovation veränderbar, wie es zum Beispiel die Meerwasserentsalzungsanlage in Ashkelon beweist.
Auch ist der ökologische Fußabdruck eines Mediziners, der für eine Organisation wie „Ärzte ohne Grenzen“ durch die Welt reist sehr viel größer als der eines Berliner Arbeitslosen. Hiergegen könnte man einwenden, dass der Mediziner besondere Gründe hat, aber auch der Fußabdruck eines Touristen, der viermal im Jahr in ferne Länder fliegt, nur um sich in die Sonne zu legen, sehr groß ist. Nur: Ohne den Touristen würde die Infrastruktur, die der Arzt für seine Arbeit benötigt, gar nicht existieren. Aus reinem Altruismus sind noch die wenigsten Flughäfen gebaut worden. Schwer vorstellbar, dass man den Menschen z.B. in Thailand einen Gefallen tut, wenn man dafür sorgt, dass der Tourismus bei ihnen einbricht und sie ihre Familien nicht mehr ernähren können.
Der Vergleich unterschiedlicher Länder impliziert zudem, die USA könnten einfach etwas weniger verbrauchen, damit Bangladesh (wo der errechnete Verbrauch nur bei 0,3 liegt) etwas mehr verbrauchen kann. Ein geringerer Verbrauch in den USA nützt Bangladesh jedoch nichts, wohl aber ein wirtschaftliches Wachstum im eigenen Land, das vermutlich mit einem größeren ökologischen Fußabdruck verbunden wäre. Darüber hinaus offenbart der Ländervergleich, dass der ökologische Fußabdruck über den Zustand der Umwelt, also über die Qualität von Böden, Gewässern und Luftreinheit wenig bis nichts aussagt. Denn dieser dürfte in Deutschland und der Schweiz an den meisten Orten besser sein als in Indien oder China.
Dieser Artikel soll nicht als Aufruf zur Brunnenvergiftung missverstanden werden, sondern als Aufruf zur Innovation. Wie das Beispiel der Umstellung von der Jagd auf die Landwirtschaft zeigt, ist der ökologische Fußabdruck da eher ein innovationshemmendes Denkverbot als eine besonders hilfreiche Idee.
ebenfalls erschienen auf "oekowatch.org", "kingofblog.de" und "science-skeptical.de"
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