Europameister Polen

Wer Europameister ist, steht bereits fest, noch bevor heute das erste Match der EM 2012 auch nur begonnen hat: Es ist die Republik Polen. Zwar (vorerst) nicht in der Disziplin Fußball, aber dafür in der Wirtschaft, was ja auch nicht ganz unwichtig ist; zumal in Zeiten, da ganz Europa von einem gewaltigen ökonomischen Kollaps bedroht ist.

Veröffentlicht:
von

In den Krisenjahren zwischen 2007 und 2011 wuchs die polnische Volkswirtschaft um beachtliche 15 Prozent, auch heuer wird das Land mit knapp drei Prozent Wachstum wohl Nummer eins in der EU sein. „Polen ist so gut durch die Finanzkrise gekommen wie kein anderes Land der EU,“ urteilte erst jüngst beeindruckt der Hamburger „Spiegel“.

Dementsprechend munter wächst der Wohlstand der Polen: Betrug er (pro Kopf) nach der Wende bloß ein Drittel jenes der Deutschen, liegt er heute bereits bei 50 Prozent – und dürfte in 15 Jahren auf dem (besonders hohen) Niveau Deutschlands liegen.Wer diese Entwicklung unmittelbar nach dem Zusammenbruch des Kommunismus prognostiziert hätte, wäre wohl in der Klapsmühle gelandet.

Bemerkenswert daran ist, dass Polen im Großen und Ganzen und mit bemerkenswertem Erfolg jene wirtschaftlichen Rezepte angewandt hat, vor denen jetzt spätkeynesianische und linke Ökonomen von Paul Krugmann bis Stephan Schulmeister inbrünstig warnen. Bereits 1997 hat sich das Land eine Staatsschulden-Bremse verpasst, was einen Boom auf Pump verhinderte. Dafür liegt Warschau mit einer Staatsverschuldung von 56 Prozent im Vergleich zu Österreich oder auch Deutschland solide im grünen Bereich, ohne dass sich das Land „kaputtgespart“ hätte, wie das im Idiom der Schuldenversteher heißt.

Statt sich massiv in Schulden zu stürzen oder wie wild Zlotys zu drucken, hat Polen schlau auf eine Politik der Privatisierung, der Liberalisierung und der Deregulierung gesetzt: Ein Unternehmen kann man dort mittlerweile ohne jeden Papierkram online im Internet gründen; die Regierungspartei von Premier Donald Tusk schikaniert die Unternehmer nicht mit regulatorischem Unfug, sondern schafft ein wirtschaftsfreundliches Klima, in dem Unternehmen gedeihen.

Was sich für empfindsame, sozialdemokratisch geeichte österreichische Ohren wie eine kalte und menschenverachtende neoliberale Kur anhört, hatte freilich unter anderem zur Folge, dass die Arbeitslosigkeit seit 2004 von damals 20 auf jetzt unter acht Prozent abgesunken ist, während sie in den stark schuldenaffinen Ländern wie Griechenland geradezu explodiert ist.

Der Fall Polen zeigt aber nicht nur, wie grundsätzlich nachhaltiges Wachstum ganz ohne Kreditexzess und rotierende Banknotenpressen generiert werden kann. Das Wirtschaftswunder an der Weichsel kann gerade für Griechenland eine interessante Fallstudie dafür sein, wie ein ökonomischer „failed state“ wieder genesen kann: nicht durch neue Schulden, sondern durch ein wachstumsbeschleunigendes Ambiente für Unternehmen und Unternehmer.

Dabei hatte Polen 1990 einen ungleich widrigeren Neustart als Griechenland heute: War Polen damals vollständig pleite, kann Griechenland heute auf hunderten Milliarden europäischer Transferzahlungen und weiteren solidarischen Hilfen aufbauen. Warum den Griechen unter diesen Bedingungen nicht gelingen soll, was Polen schaffte, erschließt sich nicht wirklich. (“Presse”)

ortneronline.at

Für die Inhalte der Blogs und Kolumnen sind die jeweiligen Blogger verantwortlich. Die Beiträge der Blogger und Gastautoren geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion oder des Herausgebers wieder.

Ihnen hat der Artikel gefallen? Bitte
unterstützen Sie mit einer Spende unsere
unabhängige Berichterstattung.

Abonnieren Sie jetzt hier unseren Newsletter: Newsletter

Kommentare zum Artikel

Bitte beachten Sie beim Verfassen eines Kommentars die Regeln höflicher Kommunikation.

Keine Kommentare

Schreiben Sie einen Kommentar


(erforderlich)

Zum Anfang